Orgel in der Espelkamper Thomaskirche komplett gereinigt – Neuer Klang
2800 Pfeifen in Höchstform

Espelkamp (WB). „Sesquialtera“, „Rohrflöte“, „Prinzipal“ – nein, diese Begriffe bezeichnen keinen wissenschaftlichen Diskurs der Ornithologen. Auch sind sie keine möglichen Alternativ-Antworten in Günter Jauchs „Wer wird Millionär“-Game-Show.

Sonntag, 12.07.2020, 20:00 Uhr
Bei der Orgelabnahme: Tobias Krügel (von links), Arnhold Steffan, Martin Rieker, Mathias Johannmeier und Christoph Heuer. Foto: Quebbemann
Bei der Orgelabnahme: Tobias Krügel (von links), Arnhold Steffan, Martin Rieker, Mathias Johannmeier und Christoph Heuer. Foto: Quebbemann

Vielmehr gehören sie zum täglichen Handwerk von Tobias Krügel, dem Kantor der evangelischen Martins-Kirchengemeinde. Denn er zieht beim Spielen der Orgel in der Thomaskirche so manches Mal diese Register heraus, um der Orgel den richtigen Ton zu verleihen.

Stillgelegt

Doch das ehrwürdige Musikinstrument, das am 20. Dezember 1964 eingeweiht wurde, pfiff in der jüngeren Vergangenheit zwar noch nicht aus dem letzten Loch. Aber die Töne hatten sich über die Jahre schon etwas verändert. Während sie eigentlich Volumen und Fülle haben sollten, gab es auch schonmal ein pfeifendes Tönchen.

Und als dann noch der Brand im Kirchturm der Thomaskirche Gottesdienste unmöglich machte, war ebenfalls schnell klar: Die Orgel muss in dieser Zeit der Sanierung ebenfalls eine Generalüberholung bekommen.

„Die Orgel ist seit dem Brand stillgelegt. Sie wurde quasi eingehaust“, erklärt Tobias Krügel das Vorgehen. Die Kirchengemeinde zog einen Fachmann hinzu. Und der heißt in dieser Gegend Mathias Johannmeier aus Levern.

Anfang März wurde mit dem Ausbau angefangen. Anfang Juni wurde die Orgel – komplett gereinigt und überholt – wieder eingebaut.

Baujahr 1964

Krügel erläutert weiter, dass dies die letzte große Sanierungs-Maßnahme nach dem Brand sei. Diese aber hatte es durchaus in sich. Denn das Team um Orgelbauer Johannmeier nahm sich jede der 2800 Pfeifen einzeln vor, um diese zu reinigen und gegebenenfalls auch ein bisschen zu bearbeiten, damit es einen fülligeren Ton gibt. Krügel sagt, dass die Gelegenheit günstig gewesen sei, den Orgelbauer nicht nur darum zu bitten, die Pfeifen zu reinigen, sondern auch Arbeiten vorzunehmen, um dem Ton etwas mehr Volumen zu geben.

Die Orgel, so Krügel und Christoph Heuer, Vorsitzender des Orgelfördervereins der Kirchengemeinde, sei im Jahr 1964 erbaut worden – in neobarocker Bauweise. Das bedeutet, dass einige der Töne sowieso sehr hell und scharf ausgelegt waren. Die Verantwortlichen waren sich einig, dass der Sound aber eher in die Welt der Romantik gehen sollte. Dort hätten die Töne „symphonisch groß“ geklungen.

Nach der Reinigung und der Überarbeitung habe man nun in der Thomaskirche einen runden, großen Klang mit mehr Fundament, sagt Krügel. Er spricht auch von einem „tragfähigen Klang“.

Neobarock

Die neobarocke Bauweise sei vor allem in der Zeit zwischen 1920 bis 1970 sehr beliebt gewesen. Damit hätten die Orgelbauer die Klänge barocker Orgeln nachempfinden wollen. „Aber das ist ein Irrtum. So haben barocke Orgeln nicht geklungen“, sagt Heuer. Mit der jetzigen Überarbeitung habe man sich schon eher dem barocken Klangbild angenähert, fügt er hinzu.

Experte Johannmeier hat für ein besseres Klangbild unter anderem zahlreiche Pfeifenfüße der Orgelpfeifen geöffnet und vergrößert. Ist die Mensur einer Pfeife zu eng – mit Mensur ist der Durchmesser einer Orgelpfeife gemeint – kann nicht genügend Luft hindurch gelangen. Es entsteht ein heller, schriller Ton.

Mit dem jetzigen Ergebnis sind die Beteiligten jedoch überaus zufrieden. „Was Mathias Johannmeier aus dem Instrument herausgeholt hat, ist phänomenal“, entfährt es Tobias Krügel.

Phänomenal

Er habe vor einigen Tagen, nach dem Aufbau der Orgel, das Instrument kurz antesten wollen. Es habe aber so viel Freude gemacht zu spielen, dass er anderthalb Stunden länger als geplant spielte. Heuer und Krügel sind sich sicher, dass auch die Kirchengemeinde nach den ersten Tönen hören wird, welch belebende Wirkung die Überarbeitung der Orgel gehabt hat.

Für Mathias Johannmeier ist die Orgel in der Thomaskirche keine Unbekannte gewesen. Hat er doch bei der Firma Steinmann in den 1990er Jahren seine Ausbildung gemacht. Und genau die Firma baute auch die Orgel der Thomaskirche, die mit 30 Registern übrigens die größte im Altkreis Lübbecke ist.

Für Tobias Krügel sind es sogar ein paar Register zu viel. Das „Nachthorn-Einfuß“ habe er zum Beispiel noch nie benutzen müssen. Auch die „16-Fuß-Zunge - manual“ ist für Krügel nicht unbedingt ein Muss. Er könne sich vorstellen, bis zu zwei Register auszubauen, dafür aber noch ein paar Pfeifen dazu zu kaufen. Dies müsse aber natürlich erst im Presbyterium besprochen werden. Im Orgelförderverein müsse dann geschaut werden, wie die Maßnahmen finanziert werden könnten.

Die längste Pfeife

Garantiert drin bleiben wird die fünf Meter lange Pfeife der Orgel, die dem Betrachter schon ein bisschen Ehrfurcht einflößt. Auch dies ist im Altkreis Lübbecke der Spitzenwert. Die kleinste Pfeife der Thomaskirchen-Orgel ist übrigens gerade mal 18 Millimeter groß.

Mathias Johannmeier betrachtet die Orgel und sagt, dass die Arbeiten an der Orgel Erinnerungen geweckt hätten. „Es war wie ein nach Hause kommen.“ Denn als „frisch gebackener Geselle“ habe er im Jahr 1994 ebenfalls an der Reinigung des Instruments, damals noch bei Steinmann angestellt, mitgewirkt.

Die Vlothoer Firma habe in ihrer Geschichte mehr als 700 Orgeln für Kirchen gebaut. Das Espelkamper Exponat, das wissen Johannmeier und Küster Arnhold Steffan, trägt die Produktionsnummer 341. Am Freitagmorgen wurde die Orgel übrigens vom Orgelsachverständigen der Landeskirche, Martin Rieker, abgenommen. Er gab grünes Licht für die Inbetriebnahme.

Erstes Konzert

Und das Instrument wird in einer Woche ihren neuen, voluminösen Klang im Kirchenschiff der Thomaskirche erklingen lassen. Dann wird am Sonntag, 19. Juli, im Rahmen des Orgelsommers Liga Auguste auf der Orgel unter dem Titel „Im Gebet“ aufspielen. Sie wird ab 18 Uhr begleitet von Santa Bukovska am Saxophon. Karten für das Konzert gibt es im Gemeindebüro am Brandenburger Ring. Dies ist geöffnet immer dienstags 9.30 bis 12 Uhr und donnerstags von 15 bis 17 Uhr. Aufgrund der Corona-Pandemie ist die Besucherzahl auf 100 begrenzt.

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