Bürgermeisterkandidaten: Bündnis 90/Die Grünen schicken Florian Craig ins Rennen
„Politisches Handeln ist einschläfernd“

Espelkamp (WB). Florian Craig sitzt auf dem Gartenstuhl, gießt sich einen Tee ein und genießt das Geräusch der Hummeln und Bienen, die rund um die Stauden und den kleinen Gartenteich herumsurren. Der 33-Jährige Kommunalpolitiker von Bündnis 90/Die Grünen ist ein erklärter Naturfreund. Und dort würde er auch ansetzen, wenn er zum neuen Bürgermeister Espelkamps gewählt werden würde. Denn er ist der Kandidat von Bündnis 90/Die Grünen für die Bürgermeisterwahl im September.

Freitag, 17.07.2020, 22:00 Uhr
Der 33-jährige Florian Craig wohnt in Gestringen mit seiner Familie. In seiner Freizeit genießt er gerne die Ruhe der Natur. Darüber hinaus hält auch Hündin Ronja den Grünen-Bürgermeisterkandidaten ordentlich auf Trab. Foto: Felix Quebbemann
Der 33-jährige Florian Craig wohnt in Gestringen mit seiner Familie. In seiner Freizeit genießt er gerne die Ruhe der Natur. Darüber hinaus hält auch Hündin Ronja den Grünen-Bürgermeisterkandidaten ordentlich auf Trab. Foto: Felix Quebbemann

Politik-Karriere

Die Karriere von Florian Craig als Politiker fing 2006 an. Da trat der zweifache Familienvater in die Partei ein. Zunächst als stilles Mitglied. Für Politik habe er sich immer schon interessiert. Das ist kein Wunder. Denn sein Großvater sowie seine Mutter waren SPD-Mitglieder. „Ich bin in einem sehr politischen Haushalt aufgewachsen“, sagt Craig.

Als Politiker ist er sich seiner gesamtgesellschaftlichen Aufgabe bewusst. Die Strukturen in der Politik würden immer älter werden. „Die Parteien finden keinen Nachwuchs.“

Mit seinem Ansatz hat der Bürgermeisterkandidat vor allem den Schutz des Klimas und der Umwelt im Fokus. Daher kommt seine Antwort sehr schnell, als er gefragt wird, was er als erstes in Angriff nehmen würde, sollte er Bürgermeister werden. „Espelkamp soll bis ins Jahr 2035 klimaneutral werden.“ Das dürfe nicht bis ins Jahr 2050 dauern. „Am Ende ist alles nichts mehr wert, wenn wir es nicht schaffen, den Planeten lebenswert zu erhalten“, betont Craig, der ein begeisterter Radfahrer ist. Vielen wird er sicherlich schon auf seinem Lastenfahrrad auf dem Weg von Gestringen in die Innenstadt aufgefallen sein. Dass es für den Planeten nicht erst fünf vor zwölf ist, macht Craig an einem Beispiel deutlich. „Bei zwei Grad Temperaturanstieg im Mittel wird es künftig 30 bis 40 Tage im Jahr geben, an denen niemand mehr im Freien arbeiten kann.“ Dies könne auch nicht im Interesse der Wirtschaft sein.

Infrastruktur

Craig geht es aber nicht nur um den Naturschutz. Er sorgt sich auch um die Infrastruktur. Da wird er deutlich. „Die Infrastruktur ist nicht darauf ausgelegt, dass sich Gehbehinderte frei bewegen können. Wir gehen davon aus, dass die Menschen sich mit Autos bewegen. Das stimmt aber nicht“, sagt Craig, der sich für den Ausbau der Radwege stark macht.

Der 33-Jährige gießt sich einen weiteren Earl-Grey-Tee ein und atmet tief durch. Im Garten seines Zuhauses kann er dies, denn dort ist er der Natur ganz nah. Einen Augenblick später wendet er sich wieder der Politik zu. Und die sollte nach seinem Verständnis sehr viel schneller handeln. „Das politische Handeln ist einschläfernd“, betont er. Er fordert, dass man sich dringend mit den Klimafolgeanpassungen beschäftigen müsse. „Die Bäche liegen trocken.“ Als Beispiel nennt er die Kleine Aue, die nach vier Wochen ohne Regen keinerlei Wasser mehr führen würde.

Mit Blick auf den Schutz der Natur äußert er auch noch einmal Kritik an den von der Verwaltung genehmigten Baumfällungen – insbesondere im Zuge der Ärztehaus-Errichtung und des Sportplatzes am Hindenburgring. Er warnt davor, mit der Natur weiter so umzugehen wie bisher. „Wir vernichten die Lebensgrundlage für unsere Kinder. Die jetzige Entwicklung führe dazu, dass „wir 2030 oder 2040 kein Verteilungsproblem mehr haben, sondern ein Mengenproblem bekommen.“

In der jüngeren Vergangenheit habe Craig übrigens festgestellt, dass durch den „Druck der Bürger“ die Berichtsbereitschaft der Verwaltung gewachsen sei.

Das Freibad

Florian Craig ist Espelkamper, durch und durch oder besser gesagt, er ist seit vielen Jahren ein echter Gestringer. Als Kind ist er in der jungen Stadt im Grünen aufgewachsen. Und schon damals war er am liebsten mit seinen Freunden im Waldfreibad. Das ist bis heute seiner Meinung nach der schönste Platz in Espelkamp. Kein Wunder also, dass sich Florian Craig auch im dortigen Verein engagiert.

„Wenn ich nur am Beckenrand sitze und über das Wasser schaue: Das hat eine unglaublich bewundernswerte Aura“. Neben der Bewegung und dem Sport streut Craig auch die eine oder andere Meditationseinheit ein, um „zur Ruhe zu kommen“.

Die Bildung

In der Ostlandschule erlernte er das Einmaleins und ging im Anschluss auf die Gesamtschule Hille. Denn von Selektierung nach der Grundschullaufbahn hält Craig bis heute gar nichts. Er kritisiert, dass es in Espelkamp keine weiterführende Schule in öffentlicher Trägerschaft gebe. „Es geht nicht, dass wir hier nur kirchliche Schulen haben“, sagt Craig. Er jedenfalls wolle nicht, dass seine Kinder über die Schule eine religiöse Prägung aufgedrückt bekommen.

Mit seiner Familie spazieren gehen und Zeit verbringen gehört übrigens zu einem von Craigs weiteren Hobbys. Der Großhandelskaufmann ist auch gerne im Wald unterwegs. „Aber der Wald stirbt, und das finde ich nicht mehr entspannend.“

Laut aber darf es in der Freizeit des Bürgermeisterkandidaten auch mal zugehen. Vor allem dann, wenn er einem weiteren Hobby nachgeht – dem Besuch von Festivals. Dies war in diesem Jahr aufgrund der Corona-Pandemie nicht möglich. Aber Craig weiß, dass ein Festival auch mal dazu dienen kann, aus den Alltagsstrukturen auszubrechen. Ein Festival „ist ein völlig anderes Lebensgefühl“. Konventionen seien dort „weniger relevant“. Ein Festival gebe einem ein unglaubliches Gefühl von Freiheit. Aber auch dort gebe es Regeln.

Perspektiven

Dass er letztlich der Bürgermeister-Kandidat der Grünen geworden ist, war ein „langer Abwägungsprozess“. Er habe schon mit dem Gedanken gespielt. Dann hätten auch Parteifreunde gefragt, ob er es nicht machen wolle. Die Entscheidung habe er sich aber letztlich nicht einfach gemacht.

Dennoch hat er klare Vorstellungen im Falle seiner Wahl: „Die Stadt braucht Perspektiven.“ Craig fordert, sich von der verwaltungstechnischen „Denke“ zu befreien. Er fordert Visionen und parteiübergreifende Arbeit. Zudem dürfe man nicht in Legislaturperioden denken, wie es so häufig in der Politik geschehe.

Er will die „Demokratie erlebbar machen“. Da ist es für ihn selbstverständlich, dass es unter einem Bürgermeister Florian Craig nicht nur eine Bürgerfragestunde in der Ratssitzung gibt. Er spricht sich für eine Bürgermeister-Sprechstunde aus, die zum Beispiel wöchentlich zu verschiedenen Zeiten stattfindet. So hätten alle, auch die Berufstätigen, die Gelegenheit, den Bürgermeister zu sprechen.

Der Mehrheitsfraktion der CDU wirft er vor, nicht zwischen politischem Handeln und Verwaltungshandeln unterscheiden zu können. Zudem kritisiert er, dass sich die CDU-Vertreter immer als „Saubermänner“ hinstellten, ihre Kontrollfunktion aber vernachlässigten. „Wenn ich nicht hingucke, dann finde ich auch nichts.“

Gemeinwohl

Der Politik sollte es darum gehen, das Gemeinwohl in den Vordergrund zu stellen und nicht das kapitalistische Denken. Schließlich sei die Politik in Espelkamp ein Kollektiv von Menschen, „die gemeinsam etwas erreichen wollen“.

Nach diesem Satz wendet sich Florian Craig Hündin Ronja zu. Die Mischlingsdame hat während des Gesprächs treu an der Seite ihres Herrchens verbracht. Aber nun wird es Zeit für ein bisschen Bewegung.

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