Sa., 20.07.2019

Reaktionen die Hinterbliebenen der Opfer nach der Urteilsverkündung im Mordfall Hille »Hier schaufeln die Mörder das Grab meines Bruders«

Fotos, die auf den Handys der Täter sichergestellt wurden. Sie zeigen Jörg W. (rechts) und Kevin R. beim Ausheben eines Grabes.

Fotos, die auf den Handys der Täter sichergestellt wurden. Sie zeigen Jörg W. (rechts) und Kevin R. beim Ausheben eines Grabes.

Von Christian Althoff

Bielefeld/Hille (WB). In seiner Urteilsbegründung nannte der Vorsitzende Richter Dr. Georg Zimmermann den Angeklagten Jörg W. (52) einen »Gewohnheitsmörder mit einem bemerkenswerten Maß an Brutalität«.

Drei Männer waren 2017 und 2018 in Hille hinterrücks umgebracht worden – aus Habgier. Zehn Monate verhandelte das Landgericht Bielefeld gegen zwei Angeklagte, bevor es am Freitag Jörg W. (52) wegen dreifachen Mordes und seinen Ziehsohn Kevin R. (25) wegen zweifachen Mordes verurteilte.

Gegen beide verhängte das Gericht lebenslange Haft und stellte bei beiden eine besonders schwere Schuld fest. Damit können die Mörder nicht nach 15 Jahren beantragen, auf Bewährung freizukommen. Gegen Jörg W. wurde außerdem Sicherungsverwahrung verhängt. »Er würde bei Geldproblemen wieder über Leichen gehen«, sagte der Vorsitzende Richter.

Kontakte ins kriminelle Milieu vorgespiegelt

»Wir sind mit dem Urteil zufrieden, auch wenn es den kleinen Kindern ihren Vater und der Ehefrau ihren Mann nicht zurückbringen kann«, sagte Rechtsanwalt Samir Omeirat. Er vertritt die Hinterbliebenen eines libanesischen Maurers. »Der Familienvater war erst 30, als er wegen 5000 Euro mit einem schweren Hammer erschlagen wurde.« Angehörige hörten dem Richter schluchzend und weinend zu, die Witwe verbarg ihr Gesicht zuweilen hinter ihren Händen.

Der Vorsitzende Richter wies zu Beginn der Urteilsbegründung auf die zwiespältigen Charaktere der Angeklagten hin. Jörg W. habe sich seinem Umfeld als früherer Fremdenlegionär mit Kontakten ins kriminelle Milieu dargestellt und auf Fotos mit einer Pistole posiert. »Die Realität war banal: Die Fremdenlegion hatte ihn 1990 vor Ende der Grundausbildung wegen Untauglichkeit entlassen. Er wechselte häufiger seine Jobs und war immer in akuter Geldnot.«

»Dunkle Bindung« zu Ziehvater

Sein Ziehsohn, der Zeitsoldat Kevin R., zog 2017 von Duisburg auf den Reiterhof von Jörg W. und dessen Frau nach Hille. Der Richter sagte, Zeugen hätten ihn als freundlich, weich und manchmal ängstlich beschrieben. Er habe in Duisburg eine Jugendgruppe in der Kirchengemeinde geleitet und sei in der Freiwilligen Feuerwehr gewesen – auch in Hille. »Er zog seinen Selbstwert aus dem Tragen von Uniformen, und auch er war bereit, über Leichen zu gehen.« Er habe eine »dunkle Bindung« zu seinem Ziehvater gehabt.

Ende 2017 sperrte die Volksbank Jörg W. das Girokonto. Über eine Ebay-Anzeige fand er Kontakt zu dem Maurer Fadi Serhan (30) aus Stadthagen. »Er bot ihm die Beteiligung an einem Baugeschäft an, das es aber gar nicht gab«, sagte der Richter. Die beiden hätten einen Vertrag geschlossen, und Fadi Serhan habe 5000 Euro Einlage gezahlt. Jörg W. habe 4500 Euro davon genommen, um sein Girokonto auszugleichen.

Erst eingeladen, dann erschlagen

»Als der Maurer im März 2018 nach Hille fuhr, um sich nach seinem Geld zu erkundigen, schlug Jörg W. ihn mit einem Maurerfäustel von hinten bewusstlos. Kevin R. nahm dann einen zweiten Hammer und erschlug das Opfer.« Das hätten Blutspurengutachten ergeben.

Nach Überzeugung des Gerichts war dieses bereits der dritte Mord. Schon im August 2017 soll Jörg W. seinen Nachbarn Gerhard Fiestelmann (71) in dessen Haus die Kellertreppe hinuntergestoßen haben. Dann soll er ihm mit einem Ziegelstein den Kopf eingeschlagen haben. Das Opfer wurde außerdem erwürgt. »Es war ein quälend langsamer Tod«, sagte der Richter. »Das Opfer hat noch ein Knochenstück seines zertrümmerten Kiefers eingeatmet.«

Den Toten ließ der Mörder am Fuß der Treppe liegen, dann verschraubte Kevin R. die Tür zum Keller. Kurz darauf soll Kevin R. in das Haus des Nachbarn eingezogen und Freunde aus Duisburg eingeladen haben. Das Gericht schließt nicht aus, dass Kevin R. auch an diesem Mord beteiligt war, fand aber keine Beweise.

Wenig später töteten die beiden nach Überzeugung des Schwurgerichts auch Joachim Kleine (64), der als Betriebshelfer auf dem Reiterhof lebte und arbeitete. Die Männer hätten ihn zum Grillen eingeladen. Dann hätten sie ihn mit einem Pflasterstein erschlagen und mit einem Messer bearbeitet. »Diese Tatwaffe mit dem Blut des Opfers wurde später im Haus neben einer altarähnlichen Bank mit Hitlerbild gefunden. Es steckte in einen Balken«, sagte Georg Zimmermann. »Das Messer sollte wohl einen oder beide Täter triumphal an den Mord erinnern.«

Die Leiche wurde in einer Zisterne zwischengelagert. Aus dem Zimmer des Toten stahlen die Mörder 3000 Euro, die Joachim Kleine für ein Motorrad gespart hatte. Außerdem holte Jörg W. fortan die Rente Opfers von dessen Konto und erzählte in Hille, sein Nachbar sei zu einer Entziehungskur.

Gegenseitige Schuldzuweisungen

Kurz nach diesem Mord hoben die Männer neben dem Reiterhof ein Grab aus, in das sie die beiden älteren Mordopfer übereinander packten. Beim Graben fotografierten sie sich und verbreiteten die Bilder über Whats­app. »Man sieht Jörg W. verschmitzt in die Handykamera lächeln«, sagte der Richter. Auf dem anderen Foto werfe sich Kevin R. »strahlend in die Brust«. Das »stolze Posieren am Grab« und die Menschenverachtung – die Mörder hatten die Toten in Chats »die Kaputten« genannt und davon gesprochen, man habe jemanden »weggeklatscht« – waren nach Worten des Richters mit aussschlaggebend dafür, dass das Gericht eine besonders schwere Schuld sah.

Renate Kleine (64), die Schwester eines Mordopfers: »Als ich die Fotos zum ersten Mal gesehen habe, hat es mir die Luft genommen. Reichte es nicht, dass mein Bruder bestialisch getötet wurde? Mussten sich die Mörder auch noch in seinem Grab amüsieren?«

Die Angeklagten hatten an den 31 Prozesstagen nur wenig gesagt. Sie wiesen sich gegenseitig die Schuld zu, und jeder wollte dem anderen nur beim Wegschaffen der Leichen geholfen haben. Zum Teil passten die Angeklagten ihre Aussagen immer wieder dem Verlauf des Verfahrens an und trugen neue Versionen vor. Dr. Georg Zimmermann sagte, dem Schwurgericht seien viele Aussagen »zugemutet« worden, die man aber nicht geglaubt habe.

Die Mörder hörten das Urteil ohne sichtliche Regung. Vater und Sohn, wie sie sich in Chats genannt hatten, würdigten sich keines Blickes. Wie schon an den vor­ausgegangenen Prozesstagen.

Alles zum Fall können Sie hier auf unserer Themenseite nachlesen.

Kommentare

Diese Diskussion ist geschlossen. Kommentieren ist nicht mehr möglich.

Google-Anzeigen

© WESTFALEN-BLATT
Vereinigte Zeitungsverlage GmbH

Alle Inhalte dieses Internetangebotes, insbesondere Texte, Fotografien und Grafiken, sind urheberrechtlich geschützt. Verwendung nur gemäß der Nutzungsbedingungen.

Mehr zum Thema

Anzeige


https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/6791233?categorypath=%2F2%2F2158585%2F2158590%2F2198384%2F2198399%2F2643769%2F