Do., 12.09.2019

Ausstellung: Chinesische Millionenstadt Qingdao war einst deutsche Kolonie Ein fast unbekanntes Kapitel

Kurator Norbert Ellermann hält einen Vortrag über die Kolonialisierung der chinesischen Stadt Quingadao durch die Deutschen.

Kurator Norbert Ellermann hält einen Vortrag über die Kolonialisierung der chinesischen Stadt Quingadao durch die Deutschen.

Hüllhorst (WB/jes). Wenn heute von deutschen Kolonien gesprochen wird, denken viele an Afrika. Weniger Leute wissen von der deutschen Musterkolonie im chinesischen Qingdao. Die Geschichte dazu, und was 300 ostwestfälische Soldaten damit zu tun haben, kann man in einer Ausstellung im Heimatmuseum Hüllhorst erfahren.

Qingdao ist eine Millionenmetropole im Osten Chinas. Bekannt ist sie nicht nur für ihre deutsche Kolonialgeschichte. Kurator Normann Ellermann wies in seinem Vortrag auf die gleichnamige Biermarke hin, die so manchem im China-Restaurant begegnet sein dürfte. Während der Besatzung durch die Deutschen wurde im Jahr 1903 nämlich auch eine Bierbrauerei gegründet. Bis heute wird das Getränk in mehr als 100 Länder exportiert.

»Eine der besten Ausstellungen«

Initiator der Ausstellung war der Leiter des Heimatmuseums, Eckhard Struckmeier. In Kooperation mit Kurator Norbert Ellermann brachte er die Ausstellung, die schon in Warendorf zu sehen war, nach Hüllhorst. Struckmeier bekräftigte: »Das ist vermutlich eine der besten Ausstellungen, die wir im Heimatmuseum hatten.«

In seinem Vortrag über die deutsche Kolonialzeit in China berichtete der Kurator, wie alles im Jahr 1898 begann. Damals wurde China von Deutschland zu einem 99-jährigen Pachtvertrag gezwungen, um den Einfluss des deutschen Kaiserreichs zu erweitern. Zu den Besatzern in China zählte unter anderem der gebürtige Mindener, Admiral Otto von Diederichs.

Deutsches Bier und deutsches Brot

Was dann entstand, war eine sogenannte Musterkolonie. Das zeigte sich beispielsweise daran, dass die Deutschen versuchten, nationales Handwerk oder Infrastruktur in China einzugliedern. So entstanden in Qingdao zum Beispiel Viertel und Straßen, die an deutsche Städte erinnern und auch Bäckereien, die Brot nach deutscher Tradition backten.

Obwohl diese Art der Kolonialisierung vergleichsweise harmonisch ablief, gab es auch hier Probleme. Viele Chinesen weigerten sich, die christliche Religion anzunehmen. »China hat nicht vergessen, bis heute nicht«, sagte Ellermann. Ein Besucher der Ausstellung kommentierte hierzu: »Heute rächt sich China nicht mit Gewalt, sondern damit, dass es immer mehr deutsche Firmen aufkauft.«

Angriff der Japaner auf die Kolonie

Einen Dreh erhielt die Geschichte durch einen Angriff der Japaner auf die Kolonie, der in der Kriegsgefangenschaft der Deutschen endete. Auch diese Kriegsgefangenschaft wird als vergleichsweise harmonisch beschrieben, weil den Deutschen viele Freiheiten gelassen wurden: »Es wurden damals sogar Theateraufführungen gestattet«, erklärte Ellermann. Noch heute hat die Besatzung Einfluss auf die deutsch-japanische Freundschaft.

Auch vom Spielzeugmuseum sind einige Exponate in der Ausstellung zu sehen. Schockierend fanden die Besucher vor allem die Lotus-Schuhe. Den chinesischen Mädchen wurden damals die Füße gebrochen, sodass nur noch Stümpfe existierten, die in diese Schuhe reinpassten. Der Brauch, der bis in 20. Jahrhundert existierte, war besonders in höhergestellten Familien üblich. Mit den kleinen Füßen versuchten sie damals, ein Schönheitsideal zu erfüllen.

Besichtigungsmöglichkeiten

Wer Interesse an der Ausstellung hat, kann das Heimatmuseum in Hüllhorst, Schnathorster Straße 3, zu seinen Öffnungszeiten besuchen – jeden ersten Sonntag im Monat von 15 bis 16 Uhr – oder individuell bei Dr. Eckhard Struckmeier nach einem Termin fragen: Telefon 05744/1525. Besonders Schulklassen sind eingeladen, dem Museum einen Besuch abzustatten.

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