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Do., 24.09.2015

Die Stadtverwaltung will den Jahn-Realschülern nun »oberste Priorität« einräumen Schüler drängen Bürgermeister zu einer Entschuldigung

Der blaue Schriftzug ist sofort entfernt worden. Was viele Schüler als eine Demütigung empfanden, war nach Angaben der Stadtverwaltung eine Auflage des Sicherheitsbeauftragten. So sollte verhindert werden, das Ortsfremde das Gebäude finden können. Gebracht hat das nichts.

Der blaue Schriftzug ist sofort entfernt worden. Was viele Schüler als eine Demütigung empfanden, war nach Angaben der Stadtverwaltung eine Auflage des Sicherheitsbeauftragten. So sollte verhindert werden, das Ortsfremde das Gebäude finden können. Gebracht hat das nichts.

Von Christian Busse

Lübbecke (WB). Eltern und Schüler der Jahn-Realschule haben sich in einer turbulenten Versammlung über das Vorgehen von Stadt und Kreis beschwert. Sie werfen den Verwaltungen »Kompetenzgerangel, politisches Versagen und schlechte Kommunikation« vor.

Die Stadtverwaltung hatte nach der Räumung der Jahn-Realschule die Eltern zu einem Informationsabend in die Stadthalle geladen. Auch viele Schüler folgten  der Einladung. Medienvertreter  waren nicht zugelassen.

Die ersten Tage

100 Flüchtlinge haben die Jahn-Realschule bezogen. Nach Angaben des Betreibers sind alle Bewohner gesund. Auch die Versorgung der Säuglinge und Kleinkinder ist gewährleistet. Das Betreuer-Team hat die Flüchtlinge in kleinen Gruppen in ihre Unterkunft gebracht. »Wichtig sind jetzt Ruhe und Besonnenheit. Sowohl die Flüchtlinge als auch die Betreuer müssen jetzt ankommen«, sagt Christian Schultz, Vorstand der Diakonie Salem.

Teilnehmer  sprachen im Anschluss von einer turbulenten Veranstaltung mit emotionalen Wortbeiträgen.   Noch-Bürgermeister Eckhard Witte, sein Nachfolger Frank Haberbosch und Landrat Ralf Niermann mussten sich  kritischen Fragen anhören. Immer wieder wurde nachgehakt. Die Politiker erläuterten die Abläufe  aus ihrer Sicht.

Schule am selben Tag informiert

Frank Haberbosch erklärte im Anschluss an die Versammlung, man habe seit Dienstag gewusst, dass die Realschule zur Notunterkunft wird. »Am selben Tag haben wir die Schule informiert.«  Bürgermeister Witte betonte, dass die Wahl zwischen Jahn-Realschule und Pestalozzi-Schule eine Wahl zwischen »Pest und Cholera« gewesen sei. »Wir haben eine Entscheidung getroffen, die uns sehr, sehr schwer gefallen ist«. Man sei sich auch bewusst darüber, was man den Schülern abverlange, sagte Haberbosch.

 
Genau das  bezweifeln die Eltern und die Schulleitung vehement. »Die Schüler fühlen sich  nicht verstanden. Das haben sie  deutlich gemacht«, sagte Schulleiterin Marion Bienen. So habe es auch am ersten Tag in der neuen Schule keinen Kontakt zwischen Rathaus und Schülern gegeben. »Willkommen geheißen haben uns die Pestalozzi-Schüler. Die Klassenräume waren geschmückt, es gab Süßigkeiten und Kuchen. Vom Schulträger kam nichts«, so Bienen.

 
Jetzt will die Stadt für optimale Lernbedingungen sorgen. »Oberste Priorität haben nun die Realschüler«, sagte Haberbosch. So habe man eine von der Schulleitung erstellte  Liste mit Änderungswünschen vollständig umgesetzt oder in Auftrag gegeben. Auf der Liste stehen Renovierungsarbeiten wie der Austausch kaputter Fenster und Malerarbeiten.

Bei den Schülern entschuldigt

Was aber nicht zu ändern ist, ist die Größe der Räume. Die Pestalozzi-Schule ist für Klassen mit 15 Personen ausgelegt. »In der Realschule sind aber bis zu 29 Jugendliche in einer Klasse«, sagt die stellvertretende Schulpflegschaftsvorsitzende Birgit Kreft. Auch die Fachräume  sind viel zu klein. Im Physikraum seien 24  Arbeitsplätze. Im Chemieraum fehle ein Abzug. »Im Endeffekt bedeutet das, dass die Schüler keine Experimente  machen können«, sagt Kreft. Sie will jetzt bei der Bezirksregierung für mehr Personal kämpfen, um   mehr Projektarbeit  durchführen zu können. Aber auch hierbei  vermisse sie die Unterstützung der Stadt.

Bürgermeister Witte hat sich nach eigener Auskunft bei den Schülern entschuldigt: »Ich habe gesagt, dass es mir Leid tut, dass es so gelaufen ist«. Diese Entschuldigung war nach Meinung der Elternvertreter allerdings eher halbherzig. »Er ist massiv von den Schülern dazu gedrängt worden. Irgendwann hat er es gesagt«, sagte eine Mutter.

Schulleiterin Marion Bienen, die  noch keinen Telefonanschluss hat und ihren Schreibtisch in den nächsten zwei Jahren  im Sekretariat aufschlagen muss, will nach vorne schauen. »Es soll  und wird keine Wand zwischen der Realschule und den Flüchtlingen geben. Wir planen ein Fußballturnier, Lesepatenschaften und vieles mehr. Die Flüchtlinge sind an der Situation und am  Ärger nicht Schuld«. Gleiches sagte auch Pfarrer Eckhard Struckmeier, der die Diskussion geleitet hat: »Bei allem Frust, bei aller Trauer und Sorge, die an diesem Abend geäußert wurde   – eins hat mich   sehr glücklich gemacht: Niemand hat ein böses Wort gegenüber den Flüchtlingen geäußert, die unseren Schutz suchen.«

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