Sa., 19.01.2019

100 Jahre Frauenwahlrecht: noch immer nur wenige Frauen im Stadtrat Kurzer Satz hat historische Bedeutung

Im LÜBBECKER KREISBLATT – dem Vorgänger der LÜBBECKER KREISZEITUNG – wurden in der Ausgabe vom Dienstag, 20. Januar 1919, die Ergebnisse der ersten Wahl zur Nationalversammlung veröffentlicht, an der auch Frauen teilnehmen durften.

Im LÜBBECKER KREISBLATT – dem Vorgänger der LÜBBECKER KREISZEITUNG – wurden in der Ausgabe vom Dienstag, 20. Januar 1919, die Ergebnisse der ersten Wahl zur Nationalversammlung veröffentlicht, an der auch Frauen teilnehmen durften. Foto: Viola Willmann

Von Viola Willmann

Lübbecke (WB). »Völlig gleiches Wahlrecht beider Geschlechter für die Gemeindevertretungen in Stadt und Land.« Dieser Satz im LÜBBECKER KREISBLATT - Vorgänger der LÜBBECKER KREISZEITUNG - vom 16. November 1918 bedeutete damals Historisches. Vor 100 Jahren durften Frauen das erste Mal wählen.

Die Stadtchronik des Jahres 1919 greift dieses Thema gleich zu Anfang auf. »Die Offenlegung der Wählerlisten hat am 30. Dezember begonnen und dauert 8 Tage. Wahlberechtigt sind alle männlichen und weiblichen Personen, die am 19. Januar 1919 20 Jahre alt sind«, heißt es unter dem Eintrag zum 3. Januar 1919.

Hanna Hadewig war erste Frau im Lübbecker Rat

Doch die Frauen durften ab diesem Zeitpunkt nicht nur wählen, sondern auch selbst gewählt werden. Bis in Lübbecke die erste Frau in den Stadtrat gewählt wurde, dauerte es noch weitere acht Jahre bis 1927. Anna Haddewig gehörte mit einer Unterbrechung bis 1969 dem Stadtrat an und zog 1952 ebenso als erste Frau in den Kreistag ein. »Sie war politisch sehr engagiert und ist lange dabei geblieben«, berichtet Stadtarchivarin Christel Droste im Gespräch mit dieser Zeitung.

Wie ihr Mann Karl Haddewig war die Lübbeckerin Mitglied der SPD. Am 13. April 1933 wurde sie wie alle Vertreter der SPD durch die Nationalsozialisten von der kommunalen Arbeit entbunden. Ihr Mann wurde 1944 verhaftet und im Konzentrationslager Lahde durch eine Giftspritze hingerichtet. Doch seine Frau Anna Haddewig ließ sich davon nicht entmutigen und blieb der Politik viele Jahre erhalten.

Fünf Frauen im 39-köpfigen Rat

Ihre Nachfolgerinnen im Lübbecker Stadtrat heute heißen Nadine Schröder, Andrea Lojewski, Michaela Zill, Ulrike Bökenkröger und Marion Schmidt - fünf Frauen sitzen aktuell in dem 39 Mitglieder starken Gremium. Viel zu wenig, findet Sarah Lutz. »Im Rat sieht es sowohl bei uns als auch in vielen anderen Kommunen nicht gut aus«, sagt die Gleichstellungsbeauftragte der Stadt. »Die Frauen haben einen viel zu kleinen Anteil.« Das liege ihrer Meinung nach aber nicht unbedingt an den Parteien, sondern das Problem sei die Zeit. »Ich bin selbst junge Mutter. Da wird es schwierig, sich politisch zu engagieren«, meint Sarah Lutz.

Dass nicht nur das eigene Engagement, sondern auch der Gang zur Wahlurne häufig ausbleibt, dafür macht die Gleichstellungsbeauftragte ein fehlendes Vorleben verantwortlich. »Früher wurde innerhalb einer Familie häufig sogar die Partei ›vererbt‹, die man wählt. Heute fehlt oft schon das Vorbild der Eltern, dass man zusammen wählen geht.«

»Arbeit ist zeitintensiv und schreckt ab«

Anders war es bei Nadine Schröder (CDU). »Ich bin über meinen Vater zur Politik gekommen«, erzählt die Ratsvertreterin. Auch einige der Klassenkameraden seien in der Jungen Union gewesen, »so dass ich da mit reingerutscht bin«. Inzwischen gehört sie seit 15 Jahren zum Stadtrat. »Ich wünsche mir mehr Frauen in der Politik, weil sie oft einen anderen Blickwinkel auf die Themen haben. Auch mit einem Blick auf den Altersdurchschnitt sind junge Familien zu wenig vertreten. Das kommt leider häufig in der Entscheidungsfindung zu kurz.« Wie Sarah Lutz glaubt auch Nadine Schröder, dass die Zeit das leidige Thema sei. »Die Arbeit ist zeitintensiv, das schreckt viele ab«, glaubt die Kommunalpolitikerin.

Vor zwei Jahren hat sie sich an einem Projekt beteiligt, mit dem mehr Frauen an die Politik herangeführt werden sollten. Mentoren nehmen dabei interessierte Frauen an die Hand, um sie von ihrer Erfahrung profitieren zu lassen. Auch Nadine Schröder war als Mentorin im Einsatz. »Das ist eine schöne Möglichkeit, mehr Frauen für die Politik zu gewinnen«, meint Schröder, auch wenn ihre Begleiterin der Politik wohl nicht erhalten bleibe.

»Frauen sind meistens überlegter«

Eine, die sich seit fast zehn Jahren im Stadtrat einbringt, ist Marion Schmidt (SPD). »Ich wünsche mir auf jeden Fall mehr Frauen in der Kommunalpolitik. Aber das lässt sich leider nicht immer mit Beruf und Familie vereinbaren. Frauen sind aber doch meistens etwas überlegter und nicht so impulsiv bei der Sache wie Männer.«

Für Andrea Lojewski (FDP) zählt am Ende die Qualität der Arbeit. »Es wäre gut, wenn mehr Frauen im Rat wären, aber nur wenn sie das Gleiche können wie die Männer.« Sie selbst sei Handwerkerin und mit Männern groß geworden, deshalb sei sie es gewohnt, mit vielen Männern zu tun zu haben.

Die Arbeitsgemeinschaft »Mädchenarbeit« des Kreises Minden-Lübbecke präsentiert aus Anlass »100 Jahre Frauenwahlrecht« am Samstag, 19. Sanuar, um 18 Uhr im Dersa-Kino in Rahden den Film »Suffragette – Taten statt Worte«. Die Karten dafür sind ausverkauft.

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