Fr., 10.05.2019

Die Magersucht überwunden: Kara Ehlert (21) aus Hille führt glückliches Leben Wenn die Seele hungert

Kara Ehlert hat ein Buch über ihren Kampf gegen die Krankheit geschrieben. Es kann im Internet bestellt werden. Sie möchte zudem in Schulen über ihre Erfahrungen berichten.

Kara Ehlert hat ein Buch über ihren Kampf gegen die Krankheit geschrieben. Es kann im Internet bestellt werden. Sie möchte zudem in Schulen über ihre Erfahrungen berichten. Foto: Kröger

Von Kathrin Kröger

Hille/Lübbecke (WB). Wer Kara Ehlert heute erlebt, kann kaum glauben, dass sie drei Jahre lang ganz unten war und fast gestorben wäre. Angefangen mit einer vermeintlich harmlosen Diät, geriet sie als Teenager in eine lebensgefährliche Magersucht. Inzwischen ist die 21-Jährige wieder von Kopf bis Fuß gesund und will anderen beim Kampf gegen die Krankheit helfen.

»Es ging nicht darum, dünn zu sein«, sagt Kara Ehlert. Die Magersucht habe nur als Ventil gedient. »Dahinter steckten Selbsthass und ein ganz geringes Selbstbewusstsein, Gefühle, die ich nicht kontrollieren konnte«, betont die junge Frau, die sich völlig befreit hat von jeglichen Zwängen und essgestörten Gedanken. Die Zeiten, als sie teilweise nur noch 39 Kilogramm wog, die Haare büschelweise ausfielen, sich ihre Fingernägel verabschiedeten und irgendwann sogar ihre Haut und ihre Augen gelb wurden sind vorbei. Endgültig. Wie viel sie heute wiegt? »Keine Ahnung, ich hab’ mich vor anderthalb bis zwei Jahren das letzte Mal auf die Waage gestellt.« Von ihrem einstigen Spezialgebiet, den Kalorienwerten von Lebensmitteln, hat die gebürtige Hillerin auch keinen blassen Schimmer mehr.

Über ihren unvorstellbar harten Weg bis dahin und schier unendlich viele Aufs und Abs kann sie heute völlig offen sprechen. Will sie sprechen. Sie hat neue Kraft gefunden und möchte anderen diesen Mut und diese Stärke weitergeben. »Es ist mir eine Herzenssache, in Schulen zu gehen und dort als Betroffene über meine Erfahrungen zu sprechen«, sagt Kara Ehlert. Sie ist überzeugt: »In jedem Jahrgang gibt es Magersüchtige, aber Themen wie Selbsthass und Essstörungen sind leider immer noch Tabus. Alle waren hilflos, nicht zuletzt die Lehrer. Keiner lehrt einen, sich selbst zu lieben.«

Nur aufs Äußere geschaut

Die Schule war der Ort, wo alles anfing. Das junge Mädchen ging in eine Klasse, in der nur auf das Äußere der Menschen geschaut wurde. »Meine Mitschüler haben viel über andere gelästert.« Und Kara, 15 ½ Jahre, ein bisschen pummeliger, wie sie sich selbst beschreibt, war verliebt. Aber ihr Schwarm fand ihre Oberschenkel zu dick. Einen weiteren Dämpfer erfuhr der Teenager, als sie ihre beste Freundin und die ganze Clique verlor, mit der sie befreundet gewesen war. »Die haben mich dann gemobbt.«

Kara fasste den Entschluss, eine Diät zu machen im Irrglauben, der Wert eines Menschen bemesse sich an seinem Erscheinungsbild und der Anerkennung anderer. Anfangs nahm sie nur noch Gesundes zu sich, ließ dann alle Süßigkeiten weg und trieb wie besessen Sport. »Ich hab drei Stunden täglich Inliner gefahren, vor und nach dem Essen. Andernfalls hab ich gar nichts zu mir genommen.« Ihre Eltern begriffen erst drei Monate später – als die Familie im Frankreich-Urlaub war – dass das keine Diät war nach dem Motto »1 Woche und dann gibt’s wieder Pizza«. Crêpes, Croissant und alle Köstlichkeiten der französischen Küche konnten Kara nicht locken. Sie war mittlerweile so weit, dass sie sich vor Essen ekelte. Immer wieder fielen auch später Sätze wie »Ich brauche das nicht«, »Ich hasse das«, »Ich esse nie wieder was«.

Natürlich wollten alle Kara helfen. Insbesondere ihre Eltern, Geschwister, Freunde sowie Psychologen und Therapeuten in Krankenhäusern. In der Klinik Lüneburger Heide, unter anderem auf Essstörungen spezialisiert, wurde die junge Frau mehrfach stationär behandelt. »Dort traf ich sogar auf zehnjährige Mädchen mit der gleichen Krankheit.« Doch immer wieder mussten Kara und ihre Familie Rückschläge verkraften, ihr Gewicht ging rauf und runter.

Große Fürsorge der Eltern

Auch diverse Schlüsselmomente bewirkten nur ein kurzes Innehalten. Sie erinnert sich an sehr emotionale Briefe ihres Vaters, erzählt von der großen Fürsorge ihrer Mutter, die bei der Zubereitung des Essens quasi jede einzelne Erbse abwog und die Kalorien errechnete. Damit ihre Tochter aß. Und sie berichtet von ihrer Schwester, die für ein Jahr nach Thailand ging und ihr am Flughafen sagte: »Ich will, dass du in einem Jahr wieder hier stehst. Und ich dann nicht dein Grab besuchen muss.« Das habe sie in dem Moment zwar total aufgewühlt, aber dauerhaft wachgerüttelt nicht. Kara vergleicht die Magersucht mit einem Oktopus – der mit seinen langen Fangarmen immer wieder nach ihr griff.

Letztlich waren es etliche Puzzleteile, die den Weg raus aus der Magersucht ebneten. Eines davon waren Karas Erfahrungen als ehrenamtliche Helferin in einem Flüchtlingscamp in Minden-Häverstädt. Dort gab sie Deutschkurse, übernahm organisatorische Aufgaben. »Die Menschen hatten ein ganz anderes Schönheitsideal, haben mir arabisches Brot hingelegt und alles war irgendwie zwangloser.« Da habe sie das erste Mal, außer mit ihrer Familie, zusammen mit anderen gegessen. »Das hatte ich bis dahin, wenn überhaupt, nie vor anderen gemacht. Mich dafür geschämt.« Im Camp lernte Kara auch ihren jetzigen Freund Hamudi, einen kurdischen Syrer, kennen.

Heute führt die Hillerin ein ganz normales Leben, wie sie glücklich erzählt. Studiert in Münster auf Grundschullehramt, führt eine Fernbeziehung mit Hamudi, der in Minden lebt und hat wieder eine »super Beziehung« zu ihren Eltern. »Sie haben nie den Zustand akzeptiert, in dem ich war. Und das kann ich nur jedem im Umfeld eines Betroffenen raten«, sagt Kara Ehlert, die sogar ein Buch über die schwierigste Zeit ihres Lebens geschrieben hat.

Buch geschrieben

»Hunger nach mehr – Mein Kampf gegen die Magersucht« heißt ihr Erstlingswerk. Darin beleuchtet sie nicht nur ihre Sicht der Dinge, sondern ermöglicht auch verschiedene andere Perspektiven. So finden sich in dem Buch viele Einträge von Freunden und Verwandten. Das Überwundene habe sie sehr in ihrer Persönlichkeit geprägt. Die größte Erkenntnis, die die Jungautorin gewonnen hat: »In meinem Leben will ich Tiefgang und nie mehr Oberflächlichkeiten. Für mich zählt nur noch der Mensch selbst.«

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