Do., 06.06.2019

Germanen in Gehlenbeck: Archäologen präsentieren fast 2000 Jahre alte Funde »Volltreffer«

Keramik, fast 2000 Jahre alt, made in Gehlenbeck: Die Archäologin Caren Schulze zeigt einen der schönsten Funde von der Bleichstraße. Das Artefakt zeichnet sich durch den kerbstichverzierten Rand und Fingerkuppeneindrücke aus.

Keramik, fast 2000 Jahre alt, made in Gehlenbeck: Die Archäologin Caren Schulze zeigt einen der schönsten Funde von der Bleichstraße. Das Artefakt zeichnet sich durch den kerbstichverzierten Rand und Fingerkuppeneindrücke aus. Foto: Kai Wessel

Von Kai Wessel

Lübbecke-Gehlenbeck (WB). Verziertes Geschirr, Spuren von Pfahlbauten und Grubenhäusern sowie eine Scheibe aus Bronze: Archäologen des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe (LWL) haben beeindruckende Fundstücke von der Ausgrabungsstätte an der Bleichstraße präsentiert.

Vor einigen Wochen wurde der Bauernhof aus der römischen Kaiserzeit in einem Neubaugebiet entdeckt (wir berichteten). Ein vergleichbarer Fund wurde zuletzt vor 26 Jahren im Kanaldorf Hedem gemacht. Ansonsten lagen im Lübbecker Land bislang nur wenige Zeugnisse zur Siedlungsgeschichte vor, die von kulturhistorischem Wert sind. »So etwas wie hier findet sich nur sehr selten«, sagt Dr. Hans-Otto Pollmann, wissenschaftlicher Referent des LWL.

Dr. Sven Spiong, Leiter der LWL-Archäologie in der Außenstelle Bielefeld, bezeichnet die Fundstelle an der Bleichstraße schlicht als »Volltreffer«. Für die archäologische Erforschung des Raums zwischen Wiehengebirge und Großem Torfmoor sei diese Grabung von besonderer Bedeutung. Er betont, dass alle Funde akribisch dokumentiert würden.

Den Siedlern auf der Spur

Um den Siedlern auf die Spur zu kommen, mussten Bagger eine 50 Zentimeter dicke Schwemmschicht abtragen. Ursache für diese Schicht ist nach Einschätzung der Archäologen Raubbau an der Natur. Um Ackerflächen zu schaffen, hätten die Siedler von einst wohl umfangreich Bäume gefällt. Die Folge: Bei Starkregen fand die Erde auf dem wasserundurchlässigen Lehmboden keinen Halt und rutschte den Hang hinunter. Der fruchtbare Boden ging dadurch verloren: »Wahrscheinlich mussten die Bauern damals mit großen Ernteausfällen zurechtkommen«, sagt Spiong. Der positive Effekt: »Unter dem angeschwemmten Boden haben sich die Spuren des Hofes sehr gut erhalten.«

Die Ausgräber entdeckten nicht nur ein großes Wohnhaus, von dem allerdings nur noch Spuren der Pfosten zeugen, sondern auch Grubenhäuser. Diese Bauten wurden in den Boden »eingetieft«. Die beiden Grubenhäuser sind so gut erhalten, dass sich die Archäologen Konstruktionsdetails und Hinweise auf die frühere Nutzung erhoffen. Mit botanischen Spezialuntersuchungen soll zudem geklärt werden, welche Nutzpflanzen damals angebaut wurden.

»Die Lebensdauer solcher Bauten war begrenzt«

Die Keramikscherben stammen aus dem 2. und 3. Jahrhundert. Das Grabungsteam stieß auch auf eine runde Bronzescheibe mit kreisförmiger Rillenverzierung, Möglicherweise war die Scheibe Teil des Zaumzeugs eines Pferdes. Nach Einschätzung der Experten stand der Hof etwa 50 bis 100 Jahre am Hang. »Die Lebensdauer solcher Bauten war begrenzt«, sagt Vollmann. »Das Holz fiel nach einiger Zeit der Witterung zum Opfer und musste dann ausgebessert werden. Das scheint hier nicht geschehen zu sein.«

Ungewiss bleibt, zu welchem Stamm – denkbar wären Cherusker – die Siedler gehörten. »Wir können die Frage ihrer Identität nicht beantworten«, sagt Spiong. Einen Schriftfund gibt es nicht.

Die Ausgrabungen werden voraussichtlich noch einige Wochen andauern. Vermutet wird, dass sich unter der benachbarten Wiese, die derzeit noch nicht erschlossen wird, weitere Funde verbergen könnten. Die Kosten für die Ausgrabung liegen im niedrigen, fünfstelliger Bereich. Die Rechnung geht zunächst an den Bauentwickler, doch nicht selten werden die zusätzlichen Kosten am Ende von den Bauherrn gezahlt, hieß es.

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