Im Tierheim Lübbecke wird den Katzen vorgelesen, um sie an Menschen zu gewöhnen – mit Video
Eine Geschichte für Miezi

Lübbecke (WB). Das Buch, das Laura Thiede in der Hand hält, findet Katzenkind Merle sichtlich spannend. Sie knabbert aber nicht nur gerne die Seiten an, sondern lässt sich auch daraus vorlesen. Denn im Tierheim Lübbecke ist das Vorlesen bei den Katzen mittlerweile fester Bestandteil.

Donnerstag, 22.08.2019, 06:00 Uhr
Laura Thiede liest der vier Monate alten Katze Merle aus dem Buch »Ich schenk dir eine Geschichte« vor. Durch den Kontakt zum Menschen und die Gewöhnung an die menschliche Stimme ist Merle bereits sehr zutraulich geworden. Foto: Freya Schlottmann
Laura Thiede liest der vier Monate alten Katze Merle aus dem Buch »Ich schenk dir eine Geschichte« vor. Durch den Kontakt zum Menschen und die Gewöhnung an die menschliche Stimme ist Merle bereits sehr zutraulich geworden. Foto: Freya Schlottmann

»Das Vorlesen ist eine gute Möglichkeit, scheue Katzen an Menschen zu gewöhnen«, sagt Sara Meinsen. Sie ist seit etwa einem Jahr Tierpflegerin im Lübbecker Tierheim und hat diese Praxis an ihrem vorherigen Arbeitsplatz, dem Bremer Tierheim, kennen gelernt und mit nach Lübbecke gebracht.

Viele Katzen habe schlechte Erfahrungen mit Menschen gemacht

Einige der Katzen, die im Tierheim am Heuweg landen, sind Jungtiere oder beschlagnahmte Katzen. Viele von ihnen haben, bevor sie ins Tierheim gekommen sind, entweder noch gar keine oder nur sehr schlechte Erfahrungen mit Menschen gesammelt. »Es hilft für die Sozialisierung dieser meist ängstlichen Tiere schon, wenn man sich einfach nur in das Gehege setzt«, sagt Meinsen.

Kater Karim ist zwar noch etwas misstrauisch, lässt sich mittlerweile aber gerne von Tierpflegerin Sara Meinsen kraulen.

Kater Karim ist zwar noch etwas misstrauisch, lässt sich mittlerweile aber gerne von Tierpflegerin Sara Meinsen kraulen. Foto: Freya Schlottmann

Weil Menschen aber zuhause nur selten einfach nur still dasitzen, sondern auch reden, sei es noch besser, wenn die scheuen Katzen sich so früh wie möglich auch an die menschliche Stimme gewöhnen würden. »Es ist sehr wichtig, dass die Katzen die menschliche Stimme wahrnehmen. Und weil man nicht immer einfach nur so vor sich hinreden kann, lesen viele unserer ehrenamtlichen Mitarbeiter den Tieren Geschichten vor«, erklärt die 29-Jährige.

Eine dieser Ehrenamtlichen ist Laura Thiede. Die 25-Jährige engagiert sich seit etwa einem Jahr im Tierheim und ließt einem Teil der etwa 100 Tierheim-Katzen regelmäßig vor. »Was man vorliest, ist eigentlich egal. Die meisten reagieren aber besonders, wenn man verschiedene Dialoge in unterschiedlichen Stimmlagen spricht«, erklärt Laura Thiede. Besonders Letzteres führe häufig dazu, dass die Katzen neugierig werden und nachschauen, woher diese Stimmen kommen. »Wenn man zu einer scheuen Katze ins Gehege kommt, versteckt diese sich meistens einfach nur. Wenn man dann einfach nur dasitzt, bleiben sie häufig in ihrem Versteck. Beim Vorlesen kommen sie dagegen eher hervorgekrochen und schauen nach, was los ist«, sagt Thiede.

Scheue Katzen lassen sich nur schwer vermitteln

Andere Lockmittel, wie Futter oder Leckerlies, würden bei Katzen weniger gut funktionieren als beispielsweise bei Hunden. Das Vorlesen habe sich als Lockmittel daher als das Beste bewährt. »Katzen sind weitaus misstrauischer. Nur Futter als Lockmittel reicht da meist nicht«, verrät die 25-Jährige.

Der neunjährige Campino versteckt sich vor Fremden in einem alten Schreibtisch. Vorlesen lässt aber auch er sich gerne.

Der neunjährige Campino versteckt sich vor Fremden in einem alten Schreibtisch. Vorlesen lässt aber auch er sich gerne. Foto: Freya Schlottmann

Das Vorlesen und der menschliche Kontakt seien vor allem deshalb sehr wichtig, weil sich scheue Katzen nur sehr schwer vermitteln ließen, sagt Sara Meinsen. Dementsprechend sei sie sehr froh, dass Laura Thiede und etwa 100 weitere freiwillige Helfer die Mitarbeiter im Tierheim unterstützen und sich bewusst die Zeit für die verängstigten Katzen nehmen würden. »Wir Tierpfleger selbst haben nur wenig Zeit fürs Vorlesen«, sagt Meinsen. Die zu beobachtenden Fortschritte bei den Katzen seien aber essenziell wichtig für die Vermittlung. »Häufig muss erst der Knoten platzen, dann sind die Tiere oft auch richtige Schmusetiger und finden schnell ein neues Zuhause. Dass uns die Ehrenamtlichen dabei unterstützen, ist sehr viel wert«, betont die Tierpflegerin.

Wie schnell die Katzen Vertrauen zu den Menschen fänden, sei trotzdem von Tier zu Tier verschieden. »Man braucht einfach Zeit und muss diese den Katzen auch lassen«, sagt Laura Thiede. Die vier Monate alte Katzendame Merle, die ein Mann vor etwa zwei Monaten unter der Motorhaube seines Autos gefunden und im Tierheim abgegeben hat, hat jedenfalls schnell Vertrauen gefunden. Wenn Laura Thiede in ihrem Gehege sitzt und aus dem aktuellen Buch »Ich schenk dir eine Geschichte« vorliest, hüpft sie schnell auf ihren Schoß und macht es sich bei ihr gemütlich.

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