Do., 20.02.2020

Neujahrsempfang der Mühlenkreiskliniken in Minden: Ehemaliger Vorstandsvorsitzender kritisiert Gesetzgebung Bracht redet Klartext

Der ehemalige Vorstandsvorsitzende der Mühlenkreiskliniken, Matthias Bracht, kritisierte den seiner Ansicht nach politisch gewollten Kostendruck auf Krankenhäuser.

Der ehemalige Vorstandsvorsitzende der Mühlenkreiskliniken, Matthias Bracht, kritisierte den seiner Ansicht nach politisch gewollten Kostendruck auf Krankenhäuser. Foto: Amtage

Minden/Lübbecke (WB/hjA). Es ist ein ungewöhnlicher Neujahrsempfang gewesen, dieser inzwischen zehnte der Mühlenkreiskliniken (MKK). Als Gastredner auf der einen Seite der Vertreter der „großen Politik“ in Form eines Staatssekretärs aus Berlin mit viel Dampf in seinem Vortrag. Auf der anderen Seite der ehemalige Vorstandsvorsitzende der MKK, der ungewöhnlich deutlich Klartext sprach.

Mehr als 300 Gäste aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft folgten am Mittwoch im Medizin Campus OWL in Minden aufmerksam den Worten von Matthias Bracht, der bis 2015 die Geschicke des Klinikverbundes leitete und nun unter anderem als Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft kommunaler Großkrankenhäuser (AKG) wirkt.

Staatssekretär im Bundesgesundheitsministerium und Pflegebeauftragte der Bundesregierung Andreas Westerfellhaus wies zu Beginn darauf hin, dass der Titel seiner Reden immer gleich laute: „Pflege, quo vadis?“ Denn schließlich gebe es immer aktuelle Entwicklungen in der Pflegepolitik. Damit war auch klar, was die Zuhörer erwarten würde. Berliner Erkenntnisse zur Pflegesituation, mit ein paar Sprenkeln Selbstkritik. Dennoch ließ ein Hinweis gleich aufhorchen. Der Hinweis auf den größten ambulanten Pflegedienst – die pflegenden Angehörigen. Rund drei Millionen Menschen in Deutschland werden zuhause gepflegt. Das sind 78 Prozent der Pflegebedürftigen. Ohne große Lobby. „Die dürfen wir nicht aus den Augen verlieren“, mahnte Westerfellhaus.

Klare Absage

Er erinnerte daran, dass über Jahre hinweg die Pflege vernachlässigt worden sei. „Als Pflegebevollmächtigter setze ich mich dafür ein, dass sich die Strukturen des Pflege- und Gesundheitssystems an den Belangen der zu Pflegenden ausrichten.“ Und hier seien alle Akteure gefordert. Die Krankenhausunternehmen ebenso wie die Ausbildungsbetriebe, die Politik und die Pflege selbst.

Stark machte sich Westerfellhaus auch für einen Rahmenlehrplan. Denn Bildung sei der Grundstock. Außerdem gelte es, das Zusammenwirken der im Gesundheitsbereich wirkenden Professionen zu fördern. Eine klare Absage erteilte der Staatssekretär dem Thema Pflegeroboter. „Menschen pflegen Menschen und Menschen kommunizieren mit Menschen.“

25 Minuten lang hatte auch Matthias Bracht dem Gastredner zugehört und begann dann mit den Worten, vieles von dem Gehörten sei „scheinheilig und verantwortungslos“. Zwei Begriffe, die nicht unbedingt für Festtagsstimmung bei einem solchen Empfang stehen. Doch der Mediziner versäumte nicht, seine Einschätzung nüchtern und sachlich zu begründen. Es sei zweifelsohne richtig, dass die Arbeitsbedingungen im Gesundheitswesen verbessert werden müssten. „Aber warum fragt eigentlich keiner danach, warum der Pflegeberuf so unattraktiv geworden ist?“ Er verwies auf den Kostendruck, der auf den Krankenhäusern laste und politisch gewollt sei.

Falsche Wahrnehmung

Der Gastredner mit vielen Jahren MKK-Erfahrung sitzt der AKG vor. Einem Interessenverbund von 24 Großkrankenhäusern und Krankenhausverbünden in Deutschland. So kritisierte Bracht die ungesteuerte strukturverändernde Wirkung der aktuellen Gesetzgebung. „Berlin will die Überversorgung in einigen Gebieten der Republik abbauen.“ Der Fachkräftemangel biete der Politik diese Chance. Der Weg der Verknappung zwinge vor allem kleine Krankenhäuser in die Knie. Es werde verantwortungslos in Kauf genommen, dass versorgungsrelevante Einheiten vom Netz verschwinden. „Einen Vorgeschmack darauf erleben wir beim Thema intensivmedizinische Versorgung, wo es bereits für die Bevölkerung spürbarer wird, dass Kapazitäten nicht mehr in dem Umfang zu Verfügung stehen.“ Auch die Mühlenkreiskliniken sind nach Informationen dieser Zeitung davon betroffen, in dem einige Intensivbetten gesperrt sind.

Matthias Bracht ging aber auch konkret auf die Mühlenkreiskliniken ein. „Mein Eindruck ist, dass in der Region zu wenig wahrgenommen wird, was für eine beeindruckende Erfolgsgeschichte die MKK geschrieben haben.“ Während nahezu alle Kliniken im AKG-Verbund Ergebniseinbrüche verzeichneten, bildeten die Mühlenkreiskliniken eine Ausnahme. „Sie sind der Ergebnisprimus. Wissen Sie eigentlich, wie gut sie aufgestellt sind?“

Entwicklung spürbar

Zu Beginn des Neujahrsempfangs wies der Vorstandsvorsitzende der Mühlenkreiskliniken, Olaf Bornemeier, darauf hin, dass das vergangene Jahr wirtschaftlich sehr herausfordernd gewesen sei. „Gesetzliche Anforderungen und Kosten steigen, die Einnahmen stagnieren. Auf Dauer geht das nicht gut.“ Auch die Mühlenkreiskliniken hätten diese Entwicklung zu spüren bekommen. Das Konzernergebnis sei von 3,1 Millionen Euro im Jahr 2018 auf 500.000 Euro im Jahr 2019 gesunken. Er bestätigte aber auch: „Wir sind damit einer der wenigen kommunalen Krankenhauskonzerne, der nicht defizitär ist.“

Eine wesentliche Aufgabe für 2020 sieht Bornemeier in der Anbindung des Krankenhauses Rahden an das Johannes-Wesling-Klinikum in Minden. „Die ersten Erfahrungen sind gut. Wie bei großen Änderungen üblich, hakt es an der einen oder anderen Stelle noch, aber ich bin überzeugt, dass das Modell erfolgreich sein wird.“

Der Verwaltungsratsvorsitzende der MKK, Landrat Ralf Niermann, schloss den offiziellen Teil des Empfangs. In seinem Schlusswort zog er einen Bogen von dem Beginn seiner Amtszeit als Landrat im Jahr 2007 bis heute. Nach dem Umzug ins Johannes-Wesling-Klinikum hätten die Mühlenkreiskliniken kurz vor dem Kollaps gestanden, erinnerte er. „In einem für alle Beteiligten anstrengenden Kraftakt haben wir die Wende geschafft.“ Seit 2011 schrieben die MKK schwarze Zahlen, dankte er auch Matthias Bracht. „Heute stehen die Mühlenkreiskliniken in öffentlicher Trägerschaft gut da und das ist der Verdienst aller Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter“, so Niermann.

Wirtschaftlich gesund

Der Konzern sei wirtschaftlich gesund und medizinisch gut für die Zukunft aufgestellt. 5100 Beschäftigte arbeiteten heute für das kommunale Klinikunternehmen. 1000 mehr als zu seinem Amtsantritt. „Es kommt nicht von ungefähr, dass die Mühlenkreiskliniken mit dem Johannes-Wesling-Klinikum an der Spitze zusammen mit dem HDZ und dem Klinikum Herford das Ausschreibungsverfahren der Ruhr-Uni Bochum gegen harte Konkurrenz unter anderem aus Bielefeld gewonnen haben“, so Landrat Dr. Ralf Niermann.

Begleitet wurde der Neujahrsempfang der Mühlenkreiskliniken von einem stillen Protest der Gewerkschaft Verdi. Auf Handzetteln und Transparenten erzählten die Gewerkschafterinnen und Gewerkschafter im Eingangsbereich des Campus in einem Märchen den Gästen vom vergeblichen Versuch (der Klinikleitung), aus Stroh Gold zu spinnen.

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