Vertreter der Initiativen „pro ZOB“ und „pro Fahrrad“ fordern mehr Engagement ein
Radfahrer kritisieren Bürgermeister

Lübbecke (WB). Die Aussagen von Bürgermeister Frank Haberbosch zum Thema Verkehr und Parken im Interview mit dieser Zeitung (WB vom 4. Juni) rufen Widerspruch hervor: sowohl von Seiten des Verkehrsclubs Deutschland (VCD) als auch von Seiten der Initiative „pro Fahrrad“.

Mittwoch, 10.06.2020, 11:00 Uhr aktualisiert: 10.06.2020, 11:42 Uhr
Vom Verkehrsclub Deutschland sowie der Initiative „pro Fahrrad“ regt sich Widerspruch gegen die Aussagen von Bürgermeister Frank Haberbosch zum Thema Verkehr und Parken. Foto: dpa
Vom Verkehrsclub Deutschland sowie der Initiative „pro Fahrrad“ regt sich Widerspruch gegen die Aussagen von Bürgermeister Frank Haberbosch zum Thema Verkehr und Parken. Foto: dpa

Uwe Hartmeier, einer von drei Sprechern der Bürgerinitiative „pro ZOB“ und darüber hinaus engagiertes Mitglied im fahrradfreundlichen VCD, spricht zwar von einem polemischen Stil in den Aussagen des Bürgermeisters, sieht aber zugleich auch „Ansätze für eine konstruktive Zusammenarbeit“. Insbesondere die Aussage, dass die Zukunft der Mobilität in einer intelligenten Vernetzung von Auto, Fahrrad, Bus und Bahn liege, sei absolut richtig und genau der Ansatz, den Bürgerinitiative und VCD auch vertreten, so Hartmeier – inklusive Fußverkehr. „Auf dieser Erkenntnis können wir gemeinsam aufbauen“, sagt Hartmeier.

Weiter erinnert der VCD-Aktive daran, dass die Stadt Lübbecke Mitglied im „Zukunftsnetz Mobilität NRW“ sei, einem Projekt der Landesregierung, das eine Mobilitätswende in Richtung nachhaltiger Verkehr unterstützt. Beratungsangebote und Fördermöglichkeiten sollen auch Kommunen im ländlichen Raum helfen, die Verkehrswende anzugehen. „Erklärtes Ziel des Zukunftsnetzes ist es, auch in ländlichen Gemeinden und Kleinstädten den Autoverkehr zu reduzieren. Hier bietet sich auch für Lübbecke die Möglichkeit, einen wirklich großen Wurf in Richtung einer lebenswerten Stadt zu machen.“

„Herr Bürgermeister, wann setzen wir uns zusammen?“

Uwe Hartmeier wünscht sich, dass auch die Situation der älteren Lübbecker berücksichtigt wird. „Immer mehr Mitbürgerinnen und Mitbürger erreichen ein Alter, in dem sie auf den Pkw verzichten müssen oder wollen. Für diese Mitmenschen bedeutet ein gut funktionierendes Busangebot eine existenzielle Erleichterung des Alltags.“ Weiter führt Hartmeier aus: „In naher Zukunft werden wir in Lübbecke sicher noch etliche Parkplätze benötigen. Aber eine Bevorzugung von Großkonzernen mit für diese Firmen maßgeschneiderten Parkplatzangeboten und Parkzeiten, die eindeutig zu Lasten der Geschäfte in der Bäckerstraße und Langen Straße gehen, ist anachronistisch. Hier sind neue Mobilitätskonzepte gefragt. Herr Bürgermeister, wann setzen wir uns zusammen?“

„Mickrig“! Grüne kritisieren zu niedrige Investionen in Radverkehrsanlagen

Deutliche Kritik übt Dr. Petra Spona an den Aussagen des Bürgermeisters: „Eine sachliche Diskussion sieht anders aus.“ Sie ist Mitglied der Initiative „pro Fahrrad“ in Lübbecke sowie Sachkundige Bürgerin für die Grünen im Wirtschaftsausschuss. Besonders aufgestoßen seien ihr die Aussagen zum Thema Radverkehr anlässlich der beiden Anträge der Grünen, die Haberbosch als „populistische Effekthascherei“ abqualifiziere. Gleichzeitig behaupte er, dass „wir in Lübbecke seit Jahrzehnten beharrlich“ daran arbeiten würden, die Situation für Radfahrer zu verbessern. Dazu Petra Spona: „Gemäß Angaben der Verwaltung (Antwort auf die Anfrage der Grünen zum Thema Verkehr) hat Lübbecke in den letzten Jahren aber lediglich etwa 1,07 Euro je Einwohner und Jahr an investiven Maßnahmen für Radverkehrsanlagen ausgegeben. Das ist noch weniger als mickrig.“

Vor allem ärgert die engagierte Fahrradfahrerin die „Art und Weise, sich mal wieder als Fachmann in Sachen Radverkehr in Szene zu setzen, nur weil er selbst Rad fährt“. So sagt Haberbosch etwa: „Ich fahre jeden Tag mit dem Fahrrad, und ich traue mir eine Einschätzung darüber zu, was Radfahrern wirklich hilft.“ Eine Aufbewahrungskiste in der Fußgängerzone hätte er noch nie vermisst.

„Mit der ‚Aufbewahrungskiste‘ bezeichnet er abwertend die Schließfächer, die die Grünen zusammen mit überdachten Radstellplätzen beantragt haben. Und was ist sein Argument dagegen? ER hat es sich bislang nicht gewünscht. Und weil ER regelmäßig Rad fährt und kein Schließfach braucht, benötigen andere Radler sie natürlich auch nicht. Wo käme man dahin, wenn es unterschiedliche Bedürfnisse gäbe?“, schreibt Petra Spona. Sie wisse aus vielen Gesprächen mit ganz unterschiedlichen Leuten, dass „überraschend viele genervt“ seien, bereits getätigte Einkäufe und gegebenenfalls einen Helm immer mitschleppen zu müssen, wenn sie mit dem Rad shoppen oder essen gehen wollen.

Frank Haberbosch ist zwar Bürgermeister, aber mitnichten nicht das Maß aller Dinge.

Dr. Petra Spona, Initiative „pro Fahrrad“ in Lübbecke

Spona weist aber darauf hin, dass es neben etwa 7 Prozent Gewohnheitsradlern und den etwa 33 Prozent Nicht-Fahrern auch 60 Prozent Gelegenheitsfahrer gibt, deren Radfahrverhalten sehr stark von der Angebotsstruktur abhängt. „Infrastruktur wie vom Autoverkehr separierte, gepflegte und durchgehende Radwege, gute Ampelschaltungen für reduzierte Wartezeit, sichere Kreuzungen und trockene Stellplätze sind für Vertreter dieser Gruppe ausschlaggebend dafür, ob und wie oft sie das Rad nutzen. Für diese 60% macht Herr Haberbosch nichts, denn deren Bedürfnisse haben nichts mit seinen zu tun.“ Ältere oder Kinder hätten ja auch ein gewisses Unfallrisiko. Spona: „Aber mit nur 1,07 Euro im Jahr je Einwohner wird sich das Problem nicht lösen lassen. Herr Haberbosch ist zwar Bürgermeister, aber mitnichten das Maß aller Dinge.“ Zuhören und zusehen würde einem Bürgermeister dagegen gut zu Gesicht stehen.

Kommentare

Andreas Braune  schrieb: 10.06.2020 19:40
Vor gut 25 Jahren gab es in Lübbecke auch einmal einen Verkehrsarbeitskreis , der regelmäßig im Bürgerhaus stattgefunden hat. Der war damals durchaus konstruktiv und wurde nicht nur durch die verfluchte Parteibrille gesehen. Es entstand damals u. a. der erste Kreisel an der Steubenstraße/Osnabrücker Straße mit einem vernünftigen Rad- und Gehweg.
Am Blasheimer Markt könnten die Stellplätze für Fahrräder denn auch mal etwas verbessert werden.


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