Kathrin Tofahrn und Axel Klatt berichten aus dem Wesling-Klinikum in Minden
Arbeiten auf der Corona-Station: „Wir sind uns der Gefahr bewusst“

Minden (WB). Abstand halten und jeden Kontakt zu möglicherweise infizierten Menschen vermeiden – gegen diese Alltagsregel verstoßen Kathrin Tofahrn und Axel Klatt jeden Tag. Das müssen sie, denn das ist ihr Beruf: Beide arbeiten auf der Intensivstation I 12 des Mindener Johannes-Wesling-Klinikums und versorgen Covid-19-Patienten. Die Versorgung der Kranken ist für die beiden Mitarbeiter mit langjähriger Berufserfahrung kein Problem, sie sind ausgebildete intensivmedizinische Fachkräfte. Aber ihr Alltag auf der Station hat sich dennoch grundsätzlich geändert, wie sie in einem Gespräch berichten.

Mittwoch, 29.04.2020, 04:00 Uhr aktualisiert: 30.04.2020, 15:38 Uhr
Zwei Pflegekräfte berichten von ihrem Arbeitsalltag unter Corona-Bedingungen auf der Intensivstation. Kathrin Tofahrn und Axel Klatt müssen ihre Arbeitsabläufe genau planen, weil beispielsweise auch das Anlegen der Schutzkleidung einige Zeit dauert. Foto: Klatt Presse
Zwei Pflegekräfte berichten von ihrem Arbeitsalltag unter Corona-Bedingungen auf der Intensivstation. Kathrin Tofahrn und Axel Klatt müssen ihre Arbeitsabläufe genau planen, weil beispielsweise auch das Anlegen der Schutzkleidung einige Zeit dauert. Foto: Klatt Presse

Die Arbeit

 Kathrin Tofahrn.

 Kathrin Tofahrn. Foto: MKK

Am vergangenen Freitag waren vier Patienten zu betreuen, einer musste beatmet werden. „Die Arbeit ist vom Prinzip her nicht neu“, sagt Kathrin Tofahrn. Mit Isolationspatienten, mit Kranken, die beatmet werden müssen, haben sie ständig zu tun. Aber die starken Hygienemaßnahmen, die umzusetzen waren, haben die Strukturen auf der Station geändert.

Vier Mitarbeiter für vier Erkrankte – das klingt nach einer komfortablen Personalsituation, denn auf der I 12 werden 15 Betten vorgehalten. Aber diese Situation könnte sich von einer Minute auf die nächste ändern. Alle Abläufe und Pausenzeiten müssen genau geplant werden, weil es dauert, die Schutzkleidung wieder anzulegen.

Die Ausrüstung

 Axel Klatt

 Axel Klatt Foto: MKK

Gewöhnlich tragen die Intensivpfleger einen medizinischen Mund-Nasenschutz. Die verschärften Hygienemaßnahmen erfordern FFP-2- oder FFP-3-Masken. Diese dichten komplett ab, das sei ein ganz anderes Gefühl beim Atmen, sagen Kathrin Tofahrn und Axel Klatt. Dazu doppelte Handschuhe und ein Plastikschutzkittel. „Für einen beatmeten Patienten, dem es vielleicht nicht gut geht, muss ich viele Tätigkeiten übernehmen: waschen, betten, lagern, Verbände wechseln“, sagt die 39-Jährige. Dazu die Dokumentation. Sie sei schon mal zwei Stunden am Stück mit einem Patienten beschäftigt. Körperliche Arbeit unter diesem ganzen Schutzmaterial. „Man schwitzt, und man kann nicht nebenbei mal einen Schluck Wasser trinken“, sagt Axel Klatt. Kein Wunder, dass zwischendurch längere Pausen erforderlich sind.

Das Team

Stationsleiter Axel Klatt, 51 Jahre alt und seit 1995 am Mindener Klinikum, lobt den „guten, großen Zusammenhalt“ unter den Kollegen. Die Dienste wurden umstrukturiert, aber alle hätten mitgezogen. Für diese Arbeit müsse man fit und „voll konzentriert bei der Sache sein“. Körperlich habe die Arbeit durch die dichte Schutzkleidung, zum Beispiel bei einer Reanimation, einer Herz-Druck-Massage, schon etwas von Hochleistungssport. Anders ist: Wer als Mitarbeiter Krankheitssymptome zeigt, wartet nicht ab, sondern sucht das Zelt vor dem Klinikum auf und lässt einen Abstrich machen. Danach geht es nach Hause. Ist das Testergebnis negativ und der Kollege fühlt sich arbeitsfähig, ist er wieder im Einsatz.

Neu ist auch die Sorge: „Was erwartet mich morgen, wenn ich wieder zum Dienst komme?“, sagt Kathrin Tofahrn, die seit 17 Jahren auf der Intensivstation arbeitet. Die große Welle sei ja bisher ausgeblieben, aber alle hätten natürlich die Bilder aus Italien und New York im Kopf.

Die Patienten

Kein Besuch, nur eingeschränkter Kontakt nach außen: „Wenn die Patienten wach sind, müssen wir sehr viel mehr auffangen als sonst bei schwerkranken Patienten auf der Intensivstation“, sagt die Mindenerin. Die Kranken wissen, was sie haben, sie befürchten zu Recht, dass sich ihr Gesundheitszustand verschlechtern könnte und sehen noch dazu die Mitarbeiter in dieser Schutzausrüstung und mit Masken.

„Sie haben Angst, sie haben Panik“, sagt Kathrin Tofahrn. Da müsse man auch psychisch stützen und zum Beispiel durch Anrufe und Videotelefonie mit Angehörigen Mut machen lassen. Das sei oft über das Smartphone des Patienten möglich. Die Krankenschwester berichtet von einem Patienten mit Luftröhrenschnitt, der ja nicht selbst reden kann: Er habe ihr begreiflich gemacht, dass er gerne zuhören wollte, wie sie mit seiner Frau telefonierte.

Die Ansteckungsgefahr

Da, wo sie seien, geschützt durch Masken und Kleidung, seien sie unter Umständen sicherer als draußen, zum Beispiel im Supermarkt. „Dennoch sind wir uns der Ansteckungsgefahr bewusst“, sagt Axel Klatt. Die größte Gefahr seien die Aerosole, die ein Erkrankter ausstoße. Trotz Schutzkleidung sollte man vermeiden, dass jemand einem ins Gesicht hustet.

Und im Privatleben? Durch die Kontaktsperre gebe es ja ohnehin wenig Umgang mit anderen Menschen über die Familie hinaus. Der Krankenpfleger hält Abstand zu seiner älteren Mutter. Kathrin Tofahrn hat einen fünfjährigen Sohn und plante für das kommende Wochenende eine große Geburtstagsparty. „Natürlich alles abgesagt. Dann hole ich den runden Geburtstag nächstes Jahr nach.“

Die Zukunft

Axel Klatt erzählt von einem jüngeren Patienten ohne Vorerkrankung, dessen Zustand sich zwischendurch so sehr verschlechtert hatte, dass er intubiert und beatmet werden musste. Dieser konnte mittlerweile gesund entlassen werden. „So können wir sehen, dass unsere Arbeit gut ist“, sagt der Bückeburger.

„Wir wissen aber, dass wir nicht jeden retten können.“ Die Sorge vor einer zweiten Welle bleibt auch bei Kathrin Tofahrn. „Aber wir sind bisher verschont geblieben, wir haben Zeit gewonnen“, sagt sie. Und ihr Kollege ergänzt, die Mitarbeiter und das Krankenhaus hätten die Zeit genutzt, um sich zu sortieren: „Jetzt sind wir gut aufgestellt.“

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