Minden: Vier Operateure modellieren einem Patienten ein Gesicht
Aus einem Bein wird ein Kiefer

Minden  (WB/ef). Es klingt nach Science-Fiction: Ärzte des Universitätsklinikums Minden modellieren aus einem Wadenbein einen neuen Unterkiefer. Acht Stunden dauert diese Operation, an der vier Ärzte zeitgleich beteiligt sind. Die Patienten können durch diese besondere OP wieder am normalen Leben teilnehmen. Laut Klinikum Minden ist die OP einmalig in OWL.

Mittwoch, 16.09.2020, 04:00 Uhr
Vier Ärzte in zwei Teams benötigen für die aufwändige Operation im Universitätsklinikum Minden acht Stunden. Foto:
Vier Ärzte in zwei Teams benötigen für die aufwändige Operation im Universitätsklinikum Minden acht Stunden.

„Ich konnte nicht mehr kauen, hatte ständig Schmerzen und hatte im Mund die entzündeten, offenen Knochen des verbliebenen Kiefers. Es war furchtbar. Jetzt geht es mir wieder gut, ich habe keine Schmerzen und hoffe, dass ich bald auch wieder Zähne zum Kauen habe“, sagt ein Patient aus Hameln, der vor drei Wochen operiert wurde. Bisher fand diese OP in der Klinik erst weniger als zehn Mal statt.

„Die OP-Methode ist eine Chance, um Menschen ohne Kieferknochen wieder ein normales Leben zu ermöglichen, das sie sonst nicht mehr haben können“, sagt Privatdozent Martin Scheer, Direktor der Klinik für Mund-, Kiefer- und Plastische Gesichtschirurgie am Johannes Wesling Klinikum Minden. Bei der Operation werden große Stücke des Wadenbeins mit begleitenden Gefäßen entnommen, um daraus passgenau einen Teil des Unterkiefers zu formen. „Die Operation benötigt eine intensive Vorplanung. In Webmeetings werden mit einer Spezialfirma anhand hochauflösender CT-Daten des Unterkiefers und des Wadenbeines exakte Modelle sowie Bohr- und Sägeschablonen sowie eine stabilisierende Titanplatte für den Unterkiefer gefertigt“, berichtet Scheer. Neben dem eigentlichen Knochen werden auch Muskulatur, Haut und Gefäße aus dem Bein entnommen und in den Kieferbereich transplantiert. Damit wird der neue Kieferknochen mit Blut versorgt.

Der Patient ist zufrieden

„Ein Knochen ist lebendes Gewebe, welches mit Nährstoffen und Sauerstoff aus dem Blut versorgt werden muss. Daher benötigen wir die begleitenden Gefäße“, erklärt Scheer. Der Patient profitiert gleich von mehreren Vorteilen: Der transplantierte Knochen heilt gut ein, ist belastbarer und entzündet sich sehr viel seltener als künstliche Materialien.

Gründe, warum jemand keinen Kiefer hat, gibt es reichlich. Die häufigsten Ursachen sind bösartige Tumore der Mundhöhle und chronische Knochenentzündungen. Weitere Gründe sind Unfälle, angeborene Fehlbildungen oder Kriegsverletzungen. Scheer: „Ein fehlender Kiefer bringt enorme Einschränkungen für den Betroffenen mit sich.“ Meistens verlieren die Patienten die Kaufähigkeit. Das heißt, dass sie nur Astronautennahrung zu sich nehmen können. In besonders schlimmen Fällen ist sogar eine Ernährung über eine Magensonde notwendig.

Der vor drei Wochen operierte Patienten ist jedenfalls zufrieden: „Ich habe mich noch nie so sicher gefühlt, seitdem ich meinen Kiefer verloren habe.“

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