Di., 26.11.2019

Historiker fordern Debatte über umstrittene Orte wie die »Ahnenstätte Seelenfeld« in Petershagen Forscher: Schweigen über umstrittene völkisch-nationale Orte brechen

Ehemalige Totenkammer mit Deutschvolk-Adler ueber dem Eingang auf der »Ahnenstaette Seelenfeld« in Petershagen.

Ehemalige Totenkammer mit Deutschvolk-Adler ueber dem Eingang auf der »Ahnenstaette Seelenfeld« in Petershagen. Foto: epd/Archiv

Petershagen (epd). Die Historiker Karsten Wilke und Thomas Lange haben eine offene Debatte über historisch umstrittene Orte wie die »Ahnenstätte Seelenfeld« in Petershagen und ihre möglichen Verbindungen in die heutige rechtsextreme Szene gefordert. Die Geschichte des 1930 von Anhängern der völkischen Ludendorff-Bewegung gegründeten privaten Friedhofes an der Grenze zwischen Westfalen und Niedersachsen sei in den vergangenen Jahrzehnten nicht öffentlich erklärt worden, sagte Wilke dem Evangelischen Pressedienst (epd).

Solches Schweigen müsse gebrochen werden, zum Beispiel durch Veröffentlichungen oder Beschilderungen, damit eine »zustimmende Rezeption« nicht mehr möglich sei.

Die Debatte um den idyllisch anmutenden Begräbnisplatz hatte 2017 ein szenekundiger Journalist ausgelöst, der auf einem Mitgliedertreffen des Trägervereins der Ahnenstätte einen rechtsextremen Aktivisten aus Niedersachsen ausgemacht hatte. Daraufhin hatte die Stadt Petershagen den Bielefelder Wissenschaftler Wilke und seinen Kollegen Lange von der KZ-Gedenkstätte Porta Westfalica mit der Aufarbeitung von Geschichte und Gegenwart der Anlage beauftragt. Die Ergebnisse stellten die Forscher nun in Petershagen vor.

Die Ahnenstätte ist nach Einschätzung der beiden Historiker bis heute ein »problematisches Gebilde«. Es gebe seit der Entstehung einen klaren Bezug zur rechtsextremistischen Ideologie des ehemaligen Weltkriegsgenerals Erich Ludendorff (1865-1937) und seiner Ehefrau Mathilde (1877-1966), erklärte Wilke. Rechtsextreme und neonazistische Menschen seien zumindest in Einzelfällen an zentraler Stelle in das Leben der Ahnenstätte eingebunden gewesen oder hätten Versammlungen des Vereins besucht.

Auf der Anlage finden nach Angaben der Stadt Petershagen nach wie vor vereinzelt Beisetzungen statt. Eine jüngere Veröffentlichung einer Publikation der vom Verfassungsschutz als rechtsextremistisch eingestuften »Artgemeinschaft« zeige, dass Menschen aus dieser Szene sich oder ihre Angehörigen in Seelenfeld bestatten lassen möchten, berichtete Wilke.

Im Zuge der Forschungen ist es laut Lange zudem gelungen, die Legende in rechten Kreisen zu widerlegen, die Weigerung eines evangelischen Pfarrers, Konfessionslose auf dem kirchlichen Friedhof zu bestatten, habe zur Gründung der Ahnenstätte geführt. Ein solches Verbot habe es nie gegeben, allerdings seien nichtchristliche Rituale auf dem Friedhof untersagt gewesen, erläuterte Lange. Der damalige Pfarrer sei von den Anhängern der antichristlichen Lehre der Ludendorffs stellvertretend für die gesamte Kirche als Feindbild benutzt worden.

Beide Forscher kritisierten die Weigerung des Trägers des Privatfriedhofs, des »Ahnenstättenvereins Niedersachsen«, sein Archiv für die Untersuchung zu öffnen. Es werde gemauert, kritisierten Lange und Wilke. Die vom Verein angeführten Datenschutzgründe nannten die Historiker »nicht stichhaltig«, da bei der Veröffentlichung eine Anonymisierung hätte erfolgen können. Der Ahnenstättenverein müsse sich zu den Theorien der Ludendorffs und zu seinen Kontakten in die rechtsextreme Szene positionieren, forderten die Wissenschaftler.

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