Mo., 29.07.2019

Verein plant NS-Gedenkstätte im Jakobsberg Portas dunkler Fleck

Unter unmenschlichen Bedingungen errichteten im Jahr 1944 Zwangsarbeiter in Porta Westfalica im Stollen des Jakobsbergs eine Ölraffinerie. Seit 2009 wird das dunkle Kapitel der Stadt von einem Verein erforscht, der mittlerweile auch Führungen durch die Anlage anbietet. Schon bald soll dort eine offizielle Gedenkstätte entstehen.

Unter unmenschlichen Bedingungen errichteten im Jahr 1944 Zwangsarbeiter in Porta Westfalica im Stollen des Jakobsbergs eine Ölraffinerie. Seit 2009 wird das dunkle Kapitel der Stadt von einem Verein erforscht, der mittlerweile auch Führungen durch die Anlage anbietet. Schon bald soll dort eine offizielle Gedenkstätte entstehen. Foto: Florian Weyand

Von Florian Weyand

Porta Westfalica (WB). Eine schwere Stahltür versperrt den Weg zum Stollen im Jakobsberg in Porta Westfalica. Zwangsarbeiter errichteten dort Ende des Zweiten Weltkriegs unter unmenschlichen Bedingungen eine Ölraffinerie. Viele bezahlten das mit ihrem Leben. »Hier wurde Vernichtung durch Arbeit betrieben«, sagt der heimische Historiker Thomas Lange.

Lange ist Geschäftsführer des Vereins KZ-Gedenk- und Dokumentationsstätte Porta Westfalica. Gemeinsam mit Ehrenamtlichen möchte er im Jakobsberg eine Gedenkstätte errichten.

Marianne Domke war ein 16 Jahre altes Mädchen, als die Zwangsarbeiter 1944 nach Porta Westfalica kamen. »Ich war erstaunt über die vielen jungen Männer«, erinnert sie sich zurück. Der schlurfende Gang der Häftlinge sei ihr besonders in Erinnerung geblieben, sagt die Zeitzeugin. Ebenso die traurigen Gesichter, in die sie als Jugendliche blickte.

Graffitisprayer verschafften sich in den vergangenen Jahrzehnten illegal Zugang zum Stollen. Bunte Schmierereien sind bei der Führung im Inneren des Jakobsbergs an vielen Wänden zu sehen.

Dachs I

Dachs I – So nannten die Nationalsozialisten die Anlage im Jakobsberg, in der mehr als 1300 Zwangsarbeiter schuften mussten (Lange: »Arbeit kann man das nicht nennen«). In der unterirdischen Anlage sollten erst Jagdflieger, später Mineralöl für die Rüstungsindustrie produziert werden. Ein verrückter Plan, wie Thomas Lange findet. »Mit Blick auf die Abgase und weitere Dinge war das Wahnsinn. Darauf würde heute niemand mehr kommen.«

Die Zwangsarbeiter, im beschlagnahmten Hotel Kaiserhof untergebracht, wurden häufig zur Arbeit geprügelt. Wer nicht spurte, wurde von SS-Aufsehern und Zivilangestellten gequält. Ein Häftling berichtete nach dem Krieg von Schaufelschlägen und Stockhieben.

Die Arbeit: knüppelhart. »Es müssen über 3900 Schubkarren gewesen sein, die von den Zwangsarbeitern durch die Gegend gefahren wurden, um den Stollen auszuheben. Eine unglaubliche Menge«, sagt der Historiker. Berechnungen ergaben, dass 100 Tage im Akkord gearbeitet worden sein muss.

Mehr als 100 Ehrenamtliche

Seit 2009 arbeitet Thomas Lange mit den mehr als 100 Ehrenamtlichen die Geschichte hinter dem Stollen im Jakobsberg auf. Mit der Dr. Jörgen Kieler-Medaille (siehe Foto) – in Erinnerung an einen dänischen Zwangsarbeiter – belohnt der Verein herausragendes Engagement für Völkerverständigung, Menschlichkeit und Frieden. Seit 2015 sind Führungen im Stollen möglich. Inoffiziell hatten sich in den Jahrzehnten Unbekannte allerdings schon illegal Zugang verschafft. Das beweisen die Graffitis an den Wänden. Mehr als 5000 Besucher wurden offiziell durch die Höhle geleitet. Das Interesse ist weiterhin groß. Für Führungen gibt es Wartelisten.

Auf dem Weg zur Installation einer festen Gedenkstätte haben die Ehrenamtlichen einen vierstufigen Plan entwickelt. Bis 2023 sollen die Forschungslücken geschlossen und eine Ausstellung erarbeitet werden. Derzeit ist der Stollen nur an drei Monaten im Jahr besuchbar, daher möchte der Verein bis 2026 das Dokumentationszentrum offiziell eröffnen und es ganzjährig in Betrieb halten. »Wir wollen hier nicht nur eine Gedenkstätte errichten, sondern den Ort auch für die Nachwelt zugänglich machen«, sagt Bürgermeister Bernd Hedtmann.

Zeitzeugen notwendig

Um das zu ermöglichen, sind nicht nur viele Ehrenamtliche und Zeitzeugen wie Marianne Domke notwendig – man benötigt auch viel Geld. Hilfe kommt vom Landschaftsverband Westfalen Lippe (LWL), der das Vorhaben mit 80.000 Euro unterstützt. »Mit dem Projekt wird eine Forschungslücke in der Geschichte der Region in Ostwestfalen geschlossen«, sagt LWL-Chef Matthias Löb. Sein Verband möchte helfen, den Jakobsberg als Ort des Erinnerns zu etablieren. Die Aufarbeitung des Jakobsbergs sei nur ein erster Schritt. Noch sind viele Dinge kaum erforscht – wie die Geschichte der in Porta inhaftierten Frauen, die in einer Röhrenfabrik arbeiteten. Lange: »Berichte sind kaum bekannt. Das sind Ansätze unserer Forschung.« Es bleibt noch viel zu tun.

 

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