Mi., 24.04.2019

Im Interview: Seelsorger und Autor Frank Pape zu den Hintergründen des Filmprojekts Eine Geschichte von Tod und Hoffnung

Auf dem Hof von Frank Pape spielen Tiere und besonders Pferde eine große Rolle. Auch Stefanie, von deren letzten Lebenstagen das Buch und der Film »Gott, du kannst ein Arsch sein« erzählen, war der Kontakt zur Stute Luna besonders wichtig.

Auf dem Hof von Frank Pape spielen Tiere und besonders Pferde eine große Rolle. Auch Stefanie, von deren letzten Lebenstagen das Buch und der Film »Gott, du kannst ein Arsch sein« erzählen, war der Kontakt zur Stute Luna besonders wichtig. Foto: Silke Birkemeyer

Getmold (WB). Das Buch »Gott, du kannst ein Arsch sein« wird nun tatsächlich zu einem Kinofilm . Wie bereits exklusiv berichtet, stehen die Finanzierung und die Besetzung mit Jürgen Vogel, Heike Makatsch und Sinje Irslinger fest. Der Getmolder Autor der Geschichte, Frank Pape, spricht im Interview mit WB-Mitarbeiterin Silke Birkemeyer über seine Rolle bei den Vorarbeiten und über das Tabuthema Tod.

Herr Pape, nach dem Bucherfolg von »Gott, du kannst ein Arsch sein« gab es großes Medieninteresse an ihren persönlichen Erlebnissen mit ihrer Tochter und an der Arbeit des Vereins »Ein Lächeln für dich«. Wann ist die Idee für einen Kinofilm entstanden?

Frank Pape: Das war 2016, als die Produktionsgesellschaft UFA das Potenzial des Buchs erkannt hat. Es stand zu dem Zeitpunkt auf der Bestsellerliste.

 

»Die Vorlage ist natürlich das Originalbuch«

Wie kommt ein Buch eigentlich ins Kino und wie groß war ihr Anteil an dieser Entwicklung?

Pape: Mein Anteil an der Entwicklung ist ganz, ganz klein. Dafür gibt es Produzenten, Drehbuchautoren und viele andere Fachleute. Die Vorlage ist natürlich das Originalbuch. Aber das wird dafür umgeschrieben. In dem Buch steckt ganz viel Gedankengut, dass für einen Film in Bilder umgesetzt werden muss. Alles, was wir beim Lesen von Steffis Buch in Gedanken erlebt haben, also was hat sie gefühlt, was hat sie empfunden, muss jetzt in Bilder gepackt werden. Dafür wurde von der UFA ein Drehbuch in Auftrag gegeben, das die Geschichte ein bisschen umgeschrieben hat.

 

Können Sie damit leben, dass der Film in die Erinnerungen eingreift und die Geschichte auch verändert?

Pape: Dass der Film von dem Originaltext abweichen wird, das geht dann gar nicht anders. Ein Film muss den Zuschauer 90 Minuten mitnehmen und das zeigen, was wir in 296 Tagen erlebt haben. Natürlich wird der Leser eine andere Tiefe erleben als der Zuschauer. Aber damit kann ich gut leben.

 

Warum glauben Sie, hat sich die UFA für das Thema des Buches interessiert?

Pape: Ich glaube, dass das Buch, so wie es geschrieben ist, eben völlig unzensiert, einen neuen Zugang zu dem Thema Tod gibt. So nach dem Motto, ich genieße jeden Tag. Das hat Steffi hingekriegt. Sie hat nicht gejammert darüber, was ihr fehlt oder dass sie sterben wird. Sie hat jeden Tag als etwas Besonderes erkannt. Und diese Sichtweise, jeden Tag noch zu feiern und zu leben, unter dem Motto »Ich weiß, dass meine Zeit begrenzt ist«, das ist etwas, was die Menschen interessiert. Tod ist ein Tabuthema. Da sprechen wir nicht gerne drüber. Von daher passt der Film ganz gut und kann zeigen: Es geht auch anders. Das zeigt ja auch der Buchtitel, der eine kritische Auseinandersetzung mit Leben und Tod aufzeigen will. Und das wird die UFA gereizt haben, daraus einen Kinofilm zu machen.

 

»Das wird ein großartiger Film, das Drehbuch ist klasse«

Was glauben Sie: Ist es gerade »in«, im Kino grenzwertige Themen wie Demenz, Freitod und Behinderungen zu zeigen?

Pape: Ich weiß nicht, ob das »in« ist. Aber wenn eine 16-Jährige zum Thema Tod schreibt, sollte uns das als Gesellschaft interessieren. Ich glaube, dass man von ihrer Auseinandersetzung mit dem Sterben eine Menge mitnehmen kann. Das Buch hat uns verändert und sicherlich auch die Einstellung vieler Leser. Wenn der Film nur einen Bruchteil davon schaffen kann, wird das ein fantastischer Film. Außerdem zeigt er uns, dass man durchaus über Tabuthemen einen Film drehen kann, der sogar humoristische Aspekte hat, und uns so zeigt, wie man mit schweren Themen auch leichter umgehen kann.

 

Jeder kennt das: Erst hat man das Buch gelesen, dann den Film gesehen und große Unterschiede festgestellt. Wird das den Kinobesuchern das in diesem Fall ebenso ergehen?

Pape: Das wird ein großartiger Film, das Drehbuch ist klasse. Aber in der Tat ist der Film etwas anders als das Buch. Zum einen, weil das Pferd Luna eine untergeordnete Rolle spielen wird und weil die Liste der Dinge, die Steffi noch erleben wollte, mehr in den Mittelpunkt gerückt ist. Paris ist eines der Ziele in dem Buch – das hat sie zu Lebzeiten tatsächlich nicht mehr geschafft. Aber wer in den Film geht, weiß, dass er unausweichlich ihr Ende miterleben wird. Die Frage ist, wo wird sie sterben beziehungsweise wann wird sie sterben. Der Film ist eine Mischung aus Lebensabenteuer und der Hoffnung, rechtzeitig beim Pferd zurück zu sein.

 

»Vielleicht sagen wir dann: Stopp, das lässt sich auch realer gestalten«

Welche Rolle werden Sie, Ihre Familie und Stefanies Orte in dem Film spielen? Was sagen die anderen Familienmitglieder zu der Entwicklung, die ja erst einmal wieder einen neuen Medienrummel bedeutet?

Pape: Wir spielen in dem Film nicht mit, aber haben den Prozess der Schauspielerauswahl mit viel Neugierde verfolgt. Die Schwester schaut, wer die Schwester spielt. Meine Frau und ich machen das natürlich auch. Ob das passt? In erster Linie muss es für den Zuschauer passen. Der Medienrummel steigt natürlich. Wir sind aber alle so gespannt. Drei Jahre haben wir Drehbücher gelesen und abgenommen. Und jetzt wird unsere Fiktion gefilmte Realität.

 

Welchen Einfluss hatten Sie als »Vater der Geschichte«? Gibt es persönliche Wünsche, die letztendlich ihren Weg ins Drehbuch gefunden haben?

Pape: Wir waren eher Berater in der Entstehungsphase und haben Hinweise gegeben, als das Drehbuch entstand. Jetzt am Set könnte das natürlich noch einmal viel intensiver werden. Vielleicht sagen wir dann: Stopp, das lässt sich auch realer gestalten. Unsere Rolle ist aber mehr beratend als korrektiv. Und echte Mitbestimmungsrechte haben wir natürlich nicht. Unsere Hinweise sind bisher immer dankend aufgenommen worden.

 

Mit Sinje Irslinger, Dennis Mojen, Heike Makatsch und Jürgen Vogel ist der Film mit namhaften Schauspielern besetzt. Wie ist es zu der Auswahl gekommen?

Pape: Der Regisseur hat gemeinsam mit der UFA verschiedene Schauspieler für die unterschiedlichen Rollen gecastet und dabei sind diese großartigen Schauspieler herausgekommen. Das sind allesamt bekannte und beliebte Schauspieler und echte Profis und ich kann mir jetzt schon gut vorstellen, wie sie die Rollen mit Leben füllen werden. Eine tolle Besetzung die mir auch zeigt, wie wichtig dieser Film genommen wird.

»Nutze die Zeit, die du hast. Lebe dein Leben«

Wie werden sich die Schauspieler auf ihre Rollen einstellen?

Pape: Es gibt eine mit der Regie abgestimmte Einladung an die Schauspieler, den Ort hier kennen zu lernen, mal mit am Bett eines schwerkranken Menschen zu sitzen und zu erleben, was Sprachlosigkeit bedeutet, und die Nähe zu spüren. Die letztendliche Entscheidung obliegt natürlich den Einzelpersonen. Die Rollen haben eine große menschliche Tiefe und Tragweite – wir würden uns natürlich freuen, wenn wir über den Weg der Einladung unsere Aspekte und Emotionen transportieren könnten.

 

Wie müsste der Film werden, damit Sie schlussendlich sagen: Ich bin total zufrieden?

Pape: Dafür hätte das Drehbuch keinen einzigen Millimeter vom Originaltext abweichen dürfen. Die Frage wäre gewesen: Wie kriege ich die Gedankenwelt einer 16-Jährigen verfilmt, ohne die Geschichte zu verändern. Das wäre mutig gewesen, weil es völlig unzensiert gewesen wäre. Und es hätte die Zuschauer stark gefordert, in 90 Minuten ein junges Mädchen kennen und lieben zu lernen und beim Sterben dabei zu sein. Tatsächlich ist das aber zu intensiv und nahbar. Der Kinofilm ist nah dran und hat trotzdem Unterhaltungswert. Auch das gehört dazu. Und wenn die Menschen im Kino am Ende Emotionen zeigen, wenn sie lachen und weinen, dann bin ich zufrieden.

 

Kann der Film dazu beitragen, dass die Zuschauer einen anderen Zugang zum Thema Sterben erhalten? Und was ist die Kernaussage?

Pape: Davon bin ich fest überzeugt. Das Verständnis, Dinge zuzulassen, verändert den Blickwinkel. Ich sehe und begreife, dass ich bestimmte Dinge einfach nicht ändern kann. Das Verständnis, nicht immer etwas sagen zu müssen, sondern gewisse Umstände aushalten zu müssen, das alles kann ich in einem Kinofilm präsentieren. Und andere Filme haben uns schon gezeigt, dass es die Einstellungen der Menschen verändert. Die Kernaussage ist ganz einfach: Nutze die Zeit, die du hast. Lebe dein Leben.

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