Prozess gegen Preußisch Oldendorfer (59) fortgesetzt
Mord am Busbahnhof: Angeklagter soll auf Frau gezielt haben

Preußisch Oldendorf/Bielefeld (WB). Hat Albert S. seine Frau Evelina am 5. Januar am Busbahnhof in Preußisch Oldendorf absichtlich auf offener Straße erschossen und somit ermordet? Oder ist ihr Tod ein Unfall gewesen, so wie es der Angeklagte behauptet? Diese Fragen versucht derzeit die Erste Große Strafkammer des Bielefelder Landgerichts zu klären. Am zweiten Prozesstag haben mehrere Zeugen den Tathergang aus ihrer Sicht geschildert.

Montag, 29.06.2020, 16:52 Uhr aktualisiert: 29.06.2020, 16:58 Uhr
Deutlich regungsloser als zum Prozessauftakt zeigte sich der Angeklagte Albert S., hier mit seinem Rechtsanwalt Peter Rostek, am zweiten Verhandlungstag vor dem Bielefelder Landgericht. Ihm wird der Mord an seiner Ehefrau vorgeworfen. Foto: Freya Schlottmann
Deutlich regungsloser als zum Prozessauftakt zeigte sich der Angeklagte Albert S., hier mit seinem Rechtsanwalt Peter Rostek, am zweiten Verhandlungstag vor dem Bielefelder Landgericht. Ihm wird der Mord an seiner Ehefrau vorgeworfen. Foto: Freya Schlottmann

Ein Zeuge sagte vor Gericht aus, dass er zum Zeitpunkt des Unglücks mit seiner Ehefrau in einem Auto vor einer roten Ampel am ZOB in Preußisch Oldendorf hielt, als er das Ehepaar S. an einer der Bushaltestellen rangeln sah. Zunächst habe er sich nichts weiter dabei gedacht und sei weitergefahren. „Kurz vor dem Lidl habe ich dann einen Knall gehört und zu meiner Frau gesagt, dass da geschossen wurde“, gab der Zeuge an. Als kurz darauf ein weiterer Schuss zu hören gewesen sei, habe er das Auto gewendet, um zurück zu fahren.

Das Opfer, die 54-jährige Evelina S., hätten sie nach dem Wendemanöver gebückt über die Straße in Richtung Eisdiele gehen sehen. Albert S. soll seiner Frau gefolgt sein. Noch im Auto hätten der Zeuge und seine Frau einen Notruf abgesetzt. Währenddessen habe der Zeuge dann gesehen, dass der Angeklagte eine Waffe in der rechten Hand gehalten und damit auf den Kopf der mittlerweile auf dem Bürgersteig zusammengebrochenen Evelina S. gehalten haben soll. „Es ist aber nichts passiert“, erklärte er dem Gericht. Daraufhin habe Albert S. an der Waffe rumhantiert und erneut auf seine Frau gezielt.

Zeugen eilen dem Opfer zu Hilfe

Weitere Zeugen sollen in diesem Moment ebenfalls bei dem Angeklagten und seiner am Boden liegenden Frau gewesen sein. Deshalb seien der Zeuge und seine Frau ebenfalls ausgestiegen. „Ich habe meiner Frau gesagt, sie soll sich um das Opfer kümmern“, sagte der Zeuge aus. Er selbst sei zwei Männern zur Hilfe geeilt, die den Angeklagten bereits überwältigt hatten, nachdem sich dieser nach den missglückten Schüssen entfernen wollte.

Die Ehefrau des Zeugen wurde am zweiten Prozesstag ebenfalls vernommen. Sie schilderte den Ablauf ähnlich der Aussage ihres Mannes. Sie erläuterte den Prozessbeteiligten zudem, dass sie zum Opfer gelaufen sei und sich neben sie gekniet habe. „Ich habe versucht, ihr gut zuzureden. Die Frau konnte aber nicht mehr antworten. Sie war sehr mit ihrer Atmung beschäftigt“, gab die Zeugin an. Blut habe sie an dem Opfer nicht gesehen, erinnerte sich die Zeugin auf Nachfrage von Rechtsanwalt Peter Rostek, der den Angeklagten vertritt. Lediglich ein Loch in der Jacke sei zu sehen gewesen.

Mit einem Zelt hatten Feuerwehrleute die Leiche von Evelina S. abgedeckt, damit Spuren gesichert werden konnten.

Mit einem Zelt hatten Feuerwehrleute die Leiche von Evelina S. abgedeckt, damit Spuren gesichert werden konnten. Foto: Christian Althoff

Schuss zunächst für Böller gehalten

Mehrfach soll der Angeklagte laut Aussage der Zeugin in die Richtung seiner Ehefrau geschaut haben, als er sich bereits vom Tatort entfernt hatte. „Sein Blick war dabei irgendwie leer. Ohne Emotionen“, berichtete die Zeugin. Gleiches beschrieb auch ein weiterer Zeuge, der ebenfalls mit seiner Ehefrau zum Tatzeitpunkt am ZOB, jedoch auf der anderen Straßenseite, war.

Er habe zuerst den Schuss gehört und ihn zunächst für einen Böller gehalten. Anschließend habe er aber das rangelnde Paar gesehen, sagte der dritte Zeuge. Evelina S. sei auf sie zugelaufen gekommen und habe um Hilfe gerufen. Er habe sich dann zwischen das Opfer und den Angeklagten gestellt, erklärte der Zeuge. Albert S. soll daraufhin die Waffe auf ihn gerichtet und versucht haben, an ihm vorbei auf seine Ehefrau zu zielen. „Er hatte irgendwie einen irren Blick, wie in Trance“, sagte der Zeuge aus. „Ich hatte in dem Moment keine Angst und dann ging er an mir vorbei“, sagte er weiter.

Opfer fällt Zeugin verletzt in die Arme

Der Ehefrau des Zeugen, so schilderte sie es selbst im Zeugenstand, sei Evelina S. „in die Arme gefallen“, während ihr Mann versuchte, den Angeklagten aufzuhalten. Das Opfer sei ihr jedoch „aus den Armen geglitten“ und auf dem Boden zusammengesackt. Albert S. sei daraufhin gekommen und habe auf den Kopf des Opfers gezielt. Die Waffe habe jedoch eine Ladehemmung gehabt. Und auch ein weiterer Schussversuch sei missglückt, woraufhin Albert S. von seinem Opfer abgelassen haben soll. „Ich konnte nicht sehen, dass die Frau verletzt war. Ich war vollkommen hilflos“, gab die Zeugin an. Sie habe aber den Eindruck gehabt, dass Evelina S. die Situation durchaus noch registriert habe, schließlich habe sie nach ihrem ersten Zusammenbruch in den Armen der Zeugin noch einmal versucht zu flüchten.

Erst als die Rettungskräfte die Jacke des Opfers hochgeschoben hätten, sollen die beiden Zeuginnen, die sich um Evelina S. gekümmert hatten, bevor sie vor Ort starb, Blut auf der Kleidung und das Einschussloch gesehen haben.

Angeklagter leistete keinen Widerstand

Alle vier Zeugen sagten zudem aus, dass sie Albert S. nicht persönlich gekannt, ihn aber bereits zuvor schon öfter in Preußisch Oldendorf gesehen hätten. Sie alle hätten ihn am Tattag an seiner getönten Spezialbrille, die er aufgrund einer schweren Augenerkrankung trägt, wiedererkannt.

Widerstand habe Albert S. nach Aussagen der beiden männlichen Zeugen nicht geleistet, nachdem er von zwei weiteren Männern überwältigt worden war. Er habe sich eher „ruhig“ verhalten und auch nicht viel gesagt. Nur einmal soll er aufgestanden sein und gefragt haben: „Was ist mit meiner Frau?”

Mehrere Motive sprechen für niedrige Beweggründe

Der Vorsitzende Richter Georg Zimmermann gab zu Beginn des zweiten Verhandlungstages den rechtlichen Hinweis, dass dem unter Mordverdacht stehenden Angeklagten weiterere Motivaspekte vorgeworfen werden. Die Staatsanwaltschaft hatte in ihrer Anklage anfangs lediglich die Wut über Evelina S.’ Trennung von ihrem Mann Albert wenige Wochen vor der Tat sowie dem damit verbundenen möglichen Ansehensverlust als Motiv aufgeführt.

Richter Zimmermann ergänzte nun als weitere mögliche Motive den Ärger und den Zorn über das ausgebliebene Gespräch zwischen den Eheleuten über den Trennungsgrund und den Umstand, dass Evelina S. ihrem Mann kurz vor der Tat gesagt haben soll, dass Albert S. nicht gänzlich verlassen sei, sondern noch seine Kinder hätte. Dementsprechend müsse geprüft werden, ob es sich bei der Tat um einen Mord aus niederen Beweggründen handele. Das Urteil soll am 20. Juli fallen.

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