Förster Jürgen Rolfs berichtet über dramatische Folgen von Trockenheit und Käferbefall
Fichte hat kaum Zukunft am Wiehen

Preußisch Oldendorf/Lübbecke (WB). Mit besorgtem Blick schaut Jürgen Rolfs auf einen Kahlschlag am Hang südlich von Gut Crollage. Und nach dem, was der Leiter des Forstamtes im Regionalbezirk Lübbecke-West und Preußisch Oldendorf zu berichten hat, ist Besorgnis mehr als angebracht. „Wir müssen befürchten, dass wie die Fichte komplett verlieren“, sagt er. Schuld daran ist die massenhafte Vermehrung des Borkenkäfers in den zwei extrem trockenen Sommern 2018 und 2019.

Mittwoch, 15.07.2020, 05:49 Uhr aktualisiert: 15.07.2020, 06:01 Uhr
Jürgen Rolfs, Leiter des Bezirksfortamtes Lübbecke-West/Preußisch Oldendorf, und Praktikant Eike Springhorn (links) betrachten einen Kahlschlag auf dem gerade vom Borkenkäfer befallene Fichten gefällt worden sind. Davon gibt es zurzeit extrem viele. Foto: Arndt Hoppe
Jürgen Rolfs, Leiter des Bezirksfortamtes Lübbecke-West/Preußisch Oldendorf, und Praktikant Eike Springhorn (links) betrachten einen Kahlschlag auf dem gerade vom Borkenkäfer befallene Fichten gefällt worden sind. Davon gibt es zurzeit extrem viele.

Diese düstere Vorhersage basiert einerseits auf den Beobachtungen, die er und seine Mitarbeiter aktuell im Wald am Wiehen machen. Andererseits bezieht sich Rolfs auf Aussagen des Forstschutzexperten Dr. Matthias Niesar vom Landesbetrieb Wald und Holz NRW. „Er hat erst kürzlich in einem Vortrag die Aussage getroffen, dass die Fichte mittelfristig unterhalb von 400 Metern keine Zukunft hat.“

Dramatische Situation

Wie dramatisch diese Situation für den Wiehen ist, belegt Jürgen Rolfs mit Zahlen: „Wir sprechen bei den Fichten von 43 Prozent der Waldfläche in unserem Bezirk. Das entspricht 55 bis 60 Prozent der Holzmenge und gleichzeitig 75 Prozent des Waldwertes.“ Doch die Fichten sind vielerorts derart von dem Schädling befallen, dass sechs Prozent der Bäume gefällt werden müssen. „Normalerweise schlagen wir zwei Prozent in einem Jahr. Auf die Fichtenbestände gerechnet, sind es sogar zwölf Prozent des Bestandes.“

Immer wieder begegne er im Wald Spaziergängern, die sich bei ihm beschweren, wieso denn so viele Bäume abgeholzt würden . „Die Menschen sind besonders sensibel beim Thema Bäume, nicht zuletzt aus Gründen des Klimaschutzes“, weiß Rolfes. Doch er kann den Naturfreunden nur erklären, dass die Bäume gezielt herausgenommen werden, um den Befall von weiteren Flächen durch den Schädling zu verhindern. „Wenn die Stämme geerntet sind und im Wald lagern, werden sie mit einem Mittel behandelt, dass die Käfer abtötet, damit sie sich nicht von dort aus weiterverbreiten“, sagt der Fachmann.

Besonderes Dilemma

Ein besonderes Dilemma ist laut Jürgen Rolfs, dass mit den Einnahmen aus dem Verkauf des Fichtenholzes eigentlich die naturnahe Umgestaltung der Forste in einen Mischwald finanziert werden sollte. Doch diese Rechnung droht, nicht mehr aufzugehen. „Einerseits haben wir kaum die Manpower, um alles abzuernten. Und andererseits fehlen die Absatzmärkte wegen des Überangebotes.“

Insgesamt habe er ein Team von acht festen Mitarbeitern für den Bezirk und dazu einige kleine Unternehmen, die beim Abholzen helfen würden.

Aktuell müssten die Waldbesitzer jene Bestände fällen, die einst von ihren Großeltern angepflanzt wurden, um langfristig den Ertrag zu sichern. „Wir unterstützen die Waldbesitzer in unserem Forstbezirk dabei nach Kräften“, erklärt Rolfs. Denn der Wald sei in viele kleine Parzellen unterteilt und zum allergrößten Teil in Privatbesitz. Vielfach seien die Fichtenwälder schon in den 1930er Jahren angelegt worden. „Diese Nadelbaumart galt über Jahrzehnte immer als der ‚Brotbaum‘ der Waldbesitzer“, sagt Förster Jürgen Rolfs.

Explosion nach Himmelfahrt

Umso dramatischer hätten diese die jüngste Entwicklung erlebt, berichtet Rolfs. „Nach den beiden heißen, trockenen Sommern sah es zunächst so aus, als ließe sich dieses Jahr noch ganz gut an“, sagt Rolfes. Doch auf den feuchten Februar seien wieder sechs Wochen gefolgt, in denen so gut wie kein Regen gefallen sei. Forstschutz-Experte Niesar spreche inzwischen nicht mehr von Frühling, sondern vom „ersten Sommer des Jahres“. „Nach Himmelfahrt hat sich dann der Borkenkäfer geradezu explosionsartig bei uns vermehrt“, sagt der Fachmann. „Eine Waldbesitzerin erzählte mir davon, dass sie ganze Schwärme von Käfern gesehen habe, die von einem Standort zum nächsten zogen.“

Vier Vermehrungen pro Jahr

Zusammen mit dem Praktikanten Eike Springhorn aus Rödinghausen zeigt Rolfs einige Fichtenstämme, an denen der Befall deutlich zu sehen ist. „Üblicherweise verteidigen sich die Fichten mit Harz gegen das Eindringen der Käfer“, erklärt er an einem Baum, der viele Harzflecken aufweist. „Aber aufgrund der langen Trockenperioden sind viele der flachwurzelnden Fichten zu geschwächt.“ Die Folge ist, dass die Käfer sich unter die Rinde bohren und dort ihre Brut ablegen. „In normalen Jahren haben Borkenkäfer in einem Sommer zwei Generationen durchgebracht. In den vergangenen Hitzejahren waren es vier“, berichtet der Kenner Jürgen Rolfs. „Unsere Hoffnung war, dass sich der ‚Buchdrucker‘, wie er auch genannt wird, in diesen Sommer, wenn es nicht ganz so heiß und trocken ist, vielleicht nur zwei oder vielleicht drei Mal vermehren kann.“

Wenn wir befallene Bäume sehen, dann versuchen wir, diese Exemplare herauszunehmen und fällen 20 Meter im Umkreis, um ein Überspringen zu verhindern“, sagt Rolfs. „Die Praxis zeigt aber: Wir schaffen es nicht. Der Käfer ist schneller.“

Fallen sind voll

Im Moment sind die Käferfallen, die alle drei bis vier Tage kontrolliert werden, immer voll mit den winzigen Tieren, die darin wie ein schwarzer Brei aussehen. In die Pheromonfallen gehen sie aufgrund eines Lockstoffs. In einer findet Eike Springhorn eine große Zahl sehr viel größerer gelb-schwarzer Käfer. „Diese Buntkäfer fressen Buchdrucker, aber sie kommen nur hier auf dieser Fläche vor, wo auch junge Birken wachsen“, weiß Jürgen Rolfs.

Das zeige einmal mehr, dass die Zusammenhänge im Wald sehr komplex sind und von vielen Faktoren abhängen. „Im Augenblick kämpfen wir um jeden einzelnen Baum. Aber die Prognosen sind nicht gut für die Fichten. Wir versuchen, den Tod zu strecken.“

Ein wenig Hoffnung für die Waldbesitzer bieten laut Jürgen Rolfs im Moment die Douglasie und die Küstentanne. Er zeigt ein Waldstück, auf dem bereits stattliche Exemplare dieser beiden nordamerikanischen Baumarten stehen. „Bei uns scheinen sie sich sehr gut trotz der Trockenheit zu halten, weil sie tiefer wurzeln als die heimischen Fichten“, sagt er. Doch hätten Kollegen aus anderen Forstämtern auch schon von dem Schädling befallene Douglasien festgestellt. „In ihrer Heimat in Nordamerika werden auch sie durchaus vom Borkenkäfer befallen.“

Hoffen auf Winter

Der Gesichtsausdruck von Jürgen Rolfs, der zwischenzeitig aufgehellt hatte, bekommt einen müden, aber entschlossenen Ausdruck, als er sagt: „Wir kämpfen um jeden Baum und hoffen, dass wir es schaffen, über die Jahre einen harmonischen Mischwald zustande zu bringen.“ Und mit einen leichten Lächeln setzt er hinzu: „Ich hoffe, dass uns die Natur ein bisschen hilft. Gut wäre ein ‚Winter ohne Eisdiele‘, der könnte den Käfern vielleicht zusetzen.“

 

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