Serie „Vergangene Verbrechen“ in Preußisch Oldendorf – Teil 5: Beispiel adliger Strafgewalt
„Schwarzer Schelm“ in Hüffe

Preußisch Oldendorf-Hedem (WB). Hedem anno 1593: Ein hinterhältiges Verbrechen erschütterte die Bauerschaft im Kirchspiel Alswede. Johann Barling hatte seine Verwandte Grete „unverschuldeter Dinge“ brutal niedergeschlagen. Da er ein Eigenhöriger des Rittergutes Hüffe war, entsandte die damalige Besitzerin, Lucretia von Schloen genannt Gehle, die Witwe des Oberstleutnants Christof von Wrisberg, ihren Diener Christofer Brüggemann nach Hedem, um den Fall zu untersuchen. Das adlige Haus Hüffe beanspruchte die Ausübung der niederen Gerichtsbarkeit über alle zum Gut gehörenden Eigenhörigen. Barling aber bestritt zunächst die ihm vorgeworfene Tat und beschimpfte den Hüffer Bediensteten als „blinden Schelm und lahmen Verräter“. Außerdem drohte Barling dem Diener, ihm aufzulauern und hinterrücks zu erstechen.

Dienstag, 04.08.2020, 02:00 Uhr aktualisiert: 04.08.2020, 05:04 Uhr
Die Gutsherrin des Hauses Hüffe, Lucretia von Schloen genannt Gehle, ließ den straffällig gewordenen Bauern Barling im Gefängnis einsperren. Foto:
Die Gutsherrin des Hauses Hüffe, Lucretia von Schloen genannt Gehle, ließ den straffällig gewordenen Bauern Barling im Gefängnis einsperren.

Daraufhin eilte der Vogt oder Verwalter des Rittersitzes Hüffe, Johann Weßels, herbei. Doch auch dieser konnte den tobenden Barling nicht in die Schranken weisen. Der Hedemer Bauer titulierte Weßels als einen „schwarzen Schelm“. Diese Beschimpfung war im 16. Jahrhundert an Schärfe kaum zu übertreffen. Denn damit deutete Barling an, dass Weßels einen Pakt mit dem Teufel geschlossen habe und in magischen Kreisen verkehre. Derartige Beleidigungen konnten in der damaligen Zeit schnell zu obrigkeitlichen Ermittlungen wegen des Verdachts der Hexerei führen. Sogenannte „Besagungen“ oder Bezichtigungen als Hexer oder Hexe gewannen mitunter zügig eine Eigendynamik, die für die Betroffenen nicht selten mit einem Inquisitionsprozess endete. Jemanden als „schwarzen Schelm“ zu betiteln, musste deshalb zwangsläufig als schwerer Angriff verstanden werden – Weßels hatte unter Umständen weitreichende Konsequenzen am eigenen Leibe zu befürchten, sollte die Obrigkeit Kenntnis von der Anschuldigung erhalten.

Keine Gnade

Darum zeigte Lucretia von Schloen genannt Gehle als Gutsherrin zu Hüffe keine Gnade gegenüber ihrem Eigenhörigen Johann Barling: Unverzüglich ließ sie den straffällig gewordenen Bauern im Hüffer Gefängnis einsperren. Dabei spielte die eigentliche Tat Barlings, nämlich der Angriff auf seine Verwandte, wohl nur eine untergeordnete Rolle. Viel schwerer wog, dass er die Hüffer Angestellten übel beleidigt hatte.

Um aus der Haft entlassen zu werden, schwor Johann Barling eine sogenannte „Urfehde“. Dabei handelte es sich um ein mündlich vorgetragenes Versprechen, das anschließend verschriftlicht wurde. Der Delinquent gelobte, zukünftig weder seine Grundherrin noch deren Diener zu beschimpfen, zu beleidigen oder tätlich anzugreifen. Zudem wolle er sich nicht für seine Inhaftierung rächen – weder mit „Worten noch Werken, heimlich oder öffentlich“. Vielmehr bekannte er sich schuldig und zeigte sich einsichtig. Gleichzeitig widerrief er seine Hexereianschuldigung. Der Hüffer Verwalter sei kein „schwarzer Schelm“, die Aussage eine Lüge. Zusätzlich musste Barling Bürgen stellen, nämlich Johann Wulf, Hermann Dreyer und Hermann Siebe zu Hedem sowie Christof Lange und Heinrich Meyer zu Fiestel, die er als seine „Vetter, Schwäger und gute Freunde“ bezeichnete. Sollte Barling jemals gegen seine Zusicherungen verstoßen, verpflichteten sich die Bürgen, den Hedemer Bauern entweder persönlich zu bestrafen oder aber selbst den entstandenen Schaden zu begleichen. Im schlimmsten Fall drohte ihnen der Entzug allen Hab und Guts.

Reue und Buße

Damit war die Angelegenheit für die Hüffer Herrin erledigt. Sie entließ Barling aus der Haft, die wahrscheinlich nur wenige Tage gedauert hatte. Die Länge des Arrests war aus Sicht der Zeitgenossen auch nicht entscheidend. Relevant war vielmehr, dass der Übeltäter Reue und Buße gezeigt hatte, indem er die Urfehde schwor. Zugleich präsentierte Lucretia von Schloen genannt Gehle ihren Machtanspruch, der auch die Jurisdiktion über ihre Eigenhörigen einschloss. Indem sie Gnade gewährte, bewies sie zudem, dass sie die damals allgemeingültigen Grundtugenden guter Herrschaftsausübung verinnerlicht hatte. An Grete Barlings, die eigentliche Leidtragende, dachte zu diesem Zeitpunkt schon niemand mehr. Ihr Schicksal war unter die Räder der Inszenierung adliger Strafgewalt geraten.

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