Fr., 23.11.2018

Dr. Christine Fuchs informiert Freundeskreis in sachlicher Atmosphäre Rahden bald mit Minden im Boot?

Seit dem 1. Oktober ist der Notarztstandpunkt Rahden auch nachts mit drei Medizinern besetzt. Chirurg und Internist sind im Haus. Ein weiterer Arzt fährt zu den Notfällen.

Seit dem 1. Oktober ist der Notarztstandpunkt Rahden auch nachts mit drei Medizinern besetzt. Chirurg und Internist sind im Haus. Ein weiterer Arzt fährt zu den Notfällen. Foto: Michael Nichau

Von Elke Bösch

Rahden (WB). Nach einem mehr als bewegten Jahr haben sich die Mitglieder des Freundeskreises des Krankenhauses Rahden zur Jahreshauptversammlung getroffen. Und Vorsitzender Clemens Eggensperger machte aus seiner Enttäuschung keinen Hehl. Er wunderte sich nämlich, dass nur so wenige Teilnehmer ins Gemeindehaus gekommen waren.

Nach den Geschehnissen im Sommer hatte er mit weitaus mehr Besuchern gerechnet. So war es nur eine Handvoll Mitglieder, die aus erster Hand von Dr. Christine Fuchs Infos erhielten. Die Geschäftsführerin des Krankenhauses Lübbecke/Rahden sprach über die Überlegungen des Vorstandes der Mühlenkreiskliniken (MKK) nach dem Scheitern des Medizinkonzeptes.

Blick zurück

Zuvor hatte Eggensperger einen Blick zurück auf die Reaktionen in der Bevölkerung gegeben, als bekannt wurde, dass der MKK-Vorstand ein Konzept erarbeitet hatte, das vorsah den Standort in Rahden als Haus der Grundversorgung aufzugeben und stattdessen eine psychosomatische Suchtklinik zu installieren. Zudem sollten Fachabteilungen von Lübbecke an das Johannes Wesling Klinikum (JWK) Minden verlagert werden. Das führte zu heftigen Protesten und zu einer Unterschriftenaktion. 25.000 Menschen unterschrieben gegen das Medizinkonzept und der Verwaltungsrat stoppte es.

Von emotional zu sachlich

Nach dieser Turbulenzen und der sehr emotional geführten Diskussion habe der Vorstand des Freundeskreises erst einmal alles sacken lassen und Wege gesucht, um auf eine sachliche Ebene zuzukehren. Dazu seien auch Gespräche mit Fachleuten geführt worden, um überhaupt einmal die Gründe und Hintergründe für die Erstellung gerade dieses Konzeptes zu verstehen. Ausdrücklich betonte Eggensperger, dass es nie Kontakte zu der Facebook-Gruppe »Gegen die Pläne des MKK-Vorstandes . . .« gegeben habe: An Agitationen wolle sich der Freundeskreis nicht beteiligen.

Gespräche mit Fachleuten hätten ergeben, dass akuter Personalmangel an allen MKK-Standorten herrsche. Das gelte generell für Krankenhäuser der Grundversorgung im ländlichen Bereich. Hinzu komme, dass sich sowohl Mediziner als auch Pflegekräfte immer stärker spezialisierten. Auch politische Vorgaben und die Kostenträger spielten eine Rolle. »An diesen Fakten kommen wir nicht vorbei. Sie erzwingen Handlungsbedarf und Krankenhäuser sind gefordert, sich neu aufzustellen.« Eggenspergers Fazit: »Unter diesen Voraussetzungen ist es schwierig, den Wunsch nach einer Rundumversorgung unter einen Hut mit den Sachzwängen zu bringen.«

Dr. Fuchs informierte

Im Anschluss informierte Dr. Fuchs über den aktuellen Stand der Dinge. Gleich zu Beginn stellte sie klar: »Das umstrittene Medizinkonzept ist endgültig vom Tisch. Der Verwaltungsrat hat dem Vorstand den Auftrag erteilt, in Lübbecke die Fachabteilungen Gynäkologie mit Geburtshilfe sowie Urologie zu erhalten und für Rahden Chirurgie, »Innere Medizin«, Notfallambulanz und Notarztstandpunkt.

Auch Fuchs nannte den Personalmangel als dringlichstes Problem. Natürlich wolle man sich bei Ausfällen in der MKK-Familie gegenseitig helfen, aber selbst im JWK seien in der »Inneren« nicht alle Stellen besetzt. »Jetzt gibt es Überlegungen, Rahden statt wie bislang an Lübbecke zu koppeln, stärker an das JWK anzuschließen, einfach weil dort in dem Haus der Maximalversorgung bessere Personalresourcen vorhanden sind. Wir reden über diese mögliche Organisation mit den Chefärzten.« Christine Fuchs bekräftigte auch, dass die Botschaft des Verwaltungsrates, die Versorgung in der Fläche sicherzustellen, beim Vorstand angekommen sei. Sie verschwieg aber auch nicht, dass die Zeiten sich verändert haben: »Heute fahren Patienten mit Herzproblemen nicht mehr nach Rahden oder Lübbecke, sondern gleich nach Minden oder Bad Oeynhausen.« Geplante Operationen würden oft in Spezialkliniken vorgenommen. Patienten holten sich zwar in Lübbecke in der Urologie die Diagnose, ließen die OP aber zum Beispiel in einer Spezialklinik in Hamburg machen.

Nach dem Vortrag

Ihren Ausführungen schloss sich eine Fragestunde an. So führte der ehemalige Chefarzt der »Inneren« im Krankenhaus Rahden, Dr. Dierk Schulte, ins Feld, dass die Patienten nicht mehr nach Rahden gehen, wenn sie hören, dass dort am Wochenende keine OP mehr durchgeführt oder bei Personalausfällen gleich eine ganze Station geschlossen wird. Auch auf die Befindlichkeiten des Personals ging Schulte ein: »Als ich im Krankenhaus in Münster lag, kam um 7 Uhr die Schwester gut gelaunt mit strahlendem Lächeln. Ich dachte, ich bin im falschen Film. Hier bei uns ist das Personal gestresst und besorgt, wie es weiter geht.«

Dr. Fuchs versicherte, dass die MKK händeringend versuchten, Personal zu finden, um die Mitarbeiter zu entlasten. Ein Beispiel für das Problem Personalmangel sei auch, dass sechs altgediente Oberärzte noch Dienst versehen. »Darüber sind wir froh, weil wir diese Pensionäre für Lübbecke und Rahden brauchen.«

Angesprochen wurde auch der neue Krankenhausbedarfsplan. NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann will in der kommenden Woche Gutachten vorstellen. Deren Ergebnisse könnten Auswirkungen auf die künftige Entwicklung bei den MKK haben. Die Geschäftsführerin berichtete auch von einem Antrag auf Sicherstellungszuschlag für das Krankenhaus Rahden. Den gebe es zum Beispiel für Kliniken auf Inseln. Diese Förderung solle die Versorgung der Menschen in der Fläche sicher stellen.

Günter Meyer ging auf die mögliche Umstrukturierung ein: »Die Zusammenarbeit mit Lübbecke hat gut funktioniert. Ich halte sie persönlich für sinnvoller als den Zusammenschluss mit dem JWK.« Espelkamps Bürgermeister Heinrich Vieker fragte: »Könnte so ein System nicht Lübbecke schaden? Das Haus steht dann allein und Rahden wird Dependance einer Uniklinik.« »Lübbecke kann sich besser auf die eigene Arbeit konzentrieren. Es muss nichts liegen bleiben, weil man nach Rahden muss«, entgegnete Dr. Fuchs. Das sei eher eine Chance für Lübbecke. Der stellvertretende Vorsitzende Dietmar Meier aus Stemwede sorgte sich: »Es werden Einsparungen gefordert, um Defizite zu vermeiden Ist es geplant, Stellen zu streichen? Denn Sparen geht doch hauptsächlich über weniger Personal.« »Das ist nicht geplant. Außerdem verlangt der Träger nur eine schwarze Null«, erklärte Dr. Fuchs.

Weiter daran arbeiten

Bürgermeister Bert Honsel zeigte sich positiv überrascht über den Vortrag von Dr. Fuchs. »Ich hoffe, dass das Konzept mit der möglichen Zusammenarbeit mit dem JWK Minden positiv beschieden wird, sollte es keine bessere Lösung geben. Dadurch könnte sich die personelle Situation in Rahden verbessern. Er kündigte an, mit Eggensperger und Fachleuten nach Lösungen zu suchen. »Natürlich müssen wir auch abwarten, wie sich Minister Laumann positioniert. Das muss in den weiteren Verlauf mit einbezogen werden.« Zudem erwartet er, dass bei künftigen Beratungen über Konzepte die Standortbürgermeister einbezogen werden.

 

Ein Kommentar von Elke Bösch

Entsetzen, Wut und Entrüstung kannten keine Grenzen, als die Mühlenkreiskliniken (MKK) das Medizinkonzept präsentierten. Und die Wellen haben sich nicht völlig geglättet. Aber verfolgen die Menschen tatsächlich mit Argusaugen, was mit dem Krankenhaus in Rahden passiert? Seit Donnerstagabend muss man sich fragen, wie groß das Interesse ist. Denn die Resonanz auf die Versammlung des Freundeskreises des Krankenhauses war einfach nur traurig. Zu recht waren Vorsitzender Clemens Eggensperger und Schatzmeister Dr. Bert Honsel entsetzt, wie wenig Mitglieder sich aus erster Hand informieren wollten über die Überlegungen des MKK-Vorstandes zur künftigen Entwicklung.

Die Abwesenden haben eine gute Chance vertan, denn die Geschäftsführerin des Krankenhauses Lübbecke/Rahden hat in sachlicher Atmosphäre einen ebenfalls sachlichen informativen Vortrag gehalten. Damit könnte jetzt eine neue Phase eingeleitet werden. Was allerdings tatsächlich passieren wird, das ist noch nicht absehbar. Ein Grund dafür ist natürlich auch, dass die MKK abwarten müssen, was im Krankenhausbedarfsplan des Landes NRW verankert wird. Außerdem muss eine Lösung für den Personalmangel her.

Bürgermeister, Rahdener Politik, und Freundeskreis stehen voll hinter dem Erhalt des Hauses in seiner jetzigen Form. Doch sie können sich weder Ärzte noch Pflegepersonal backen. Open end also? Leider ja. Hält man sich an die Fakten, dann wird es schwierig, ein kleines Krankenhaus im ländlichen Bereich als Haus der Grundversorgung weiterzuführen. Natürlich muss jede Chance genutzt werden. Und dass das geschieht, dass nach jedem Strohhalm gegriffen wird, dafür setzt sich auch die Stadt mit allen Kräften ein. Darauf kann sich Rahden verlassen. Wenn man jedoch betrachtet, dass junge Ärzte, die sich weiterentwickeln, sich spezialisieren möchten, dazu in Rahden keine Möglichkeiten, keine Zukunftsperspektiven sehen, dann kann es einem schon Angst und Bange werden.

Und die Befürchtung nicht weniger Menschen, dass trotz des großes Einsatzes der Verantwortlichen in Rahden, trotz 25.000 Unterschriften nicht die Tage, vielleicht aber die Jahre des Krankenhauses gezählt sein könnten . . ? Das ist eine ganz, ganz furchtbare Vorstellung und man möchte überhaupt nicht daran denken, dass es mittelfristig nur noch darum gehen könnte, die Notfallversorgung zu behalten. Leider dürfte allein das schon ein Kraftakt werden. Denn auch für die Notfallambulanz braucht man Ärzte – und nicht nur einen . . .

Kommentare

Diese Diskussion ist geschlossen. Kommentieren ist nicht mehr möglich.

Google-Anzeigen

© WESTFALEN-BLATT
Vereinigte Zeitungsverlage GmbH

Alle Inhalte dieses Internetangebotes, insbesondere Texte, Fotografien und Grafiken, sind urheberrechtlich geschützt. Verwendung nur gemäß der Nutzungsbedingungen.

Mehr zum Thema

Anzeige


https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/6211332?categorypath=%2F2%2F2158585%2F2158590%2F2198384%2F2198399%2F2516046%2F