Do., 15.08.2019

Gemeinde bringt vorläufige »Vergrämung« an der St. Johannis-Kirche an »Spikes« sollen Tauben fernhalten

Mit diesem Holzkonstruktionen will die Kirchengemeinde weitere Schäden durch Taubenkot verhindern.

Mit diesem Holzkonstruktionen will die Kirchengemeinde weitere Schäden durch Taubenkot verhindern. Foto: Michael Nichau

Von Michael Nichau

Rahden (WB). Hat Rahden eine Taubenplage am Kirchplatz? Klare Antwort: Nein! Bei der derzeitigen sehr geringen Population von verwilderten Haustauben sei dies nicht der Fall bestätigt Dr. Ralf Unna, Vizepräsident des Landestierschutzverbandes NRW, auf Anfrage dieser Zeitung.

Hintergrund: An der Nordseite der St. Johannis-Kirche in Rahden sind seit einiger Zeit so genannte Tauben-Vergrämungseinrichtungen installiert worden. Diese sind auf den seitlichen Stützen des Kirchenschiffs angebracht und bestehen aus einem

Das Aachener Modell

In Aachen setzt man seit 1995 auf Populationskontrolle bei Tauben. Streng genommen werden die Tiere in den Taubenhäusern Opfer eines Betrugs. Die Betreuer versorgen sie mit Körnerfutter und Wasser. Sie stehlen den brütenden Tauben auch die Eier und schieben ihnen Gipsattrappen unter. Jeder der Taubenschläge in Aachen wird zwei- bis dreimal pro Woche kontrolliert. Derzeit kümmern sich neun Frauen und Männer um die Stadttauben. In den Schlägen muss aber auch reichlich Kot weggekratzt werden. Für Menschen mit einem geschwächten Immunsystem ist die Arbeit mit den Tauben allerdings nicht geeignet. Denn die Taubenfedern produzieren Staub.

Holzgestell, das unten mit Netzen abgeriegelt und oben mit so genannten »Tauben- Spikes«, versehen ist.

»Übliche Maßnahme«

»Das ist eine an denkmalgeschützten Gebäuden durchaus übliche Maßnahme, um die Tiere davon abzuhalten, mit ihrem Kot die Gebäudesubstanz zu schädigen«, sagt Architektin Brunhilde Meier, die im Auftrag der Kirchengemeinde Rahden für die Sanierung des Kirchenschiffs zuständig ist.

»Die Tauben sollen sich nicht dort hinsetzen«, bestätigt Pfarrer Udo Schulte, Sprecher der Kirchengemeinde. »Das Ganze ist während meines Urlaubs installiert worden und sieht auch nicht gut aus«, gab er im Gespräch mit dieser Zeitung zu. »Es handelt sich aber um eine vorübergehende Maßnahme, bis das Kirchenschiff saniert ist«, sagte Schulte.

Die Sanierung werde sich allerdings zeitlich »noch etwas hinziehen«, meinte Pfarrerin Micaela Strunk-Rohrbeck, Vorsitzende des Presbyteriums. Sie selber wisse bisher nichts über die angebrachten »Taubenspikes«. Die Entscheidung darüber müsse in ihrem Urlaub getroffen worden sein, vermutete sie. Laut ihren Angaben würden die Anträge für die Sanierung jetzt auf den Weg gebracht.

»Wegen der Fledermauspopulation wird sich dies verzögern, denn die Arbeiten könnten nur in den Herbstmonaten erfolgen.

Also wird sich das Provisorium, womöglich für die kommenden zwei Jahre an der Kirche befinden. »Später wollen wir dort eine dauerhafte Lösung anbringen«, sagte Brunhilde Meier und setzt auf die anderweitig bewährten Spikes.

Verletzungen befürchtet

Tierschützer – auch in den sozialen Medien – befürchten, dass sich Tiere an den »Spießen« verletzen könnten und letztlich verenden. »Ich habe noch keine verletzte Taube gesehen«, meinte Brunhilde Meier im Gespräch mit dieser Zeitung.

»Ja, die Methode mit den Spikes ist die gängigste für die Vertreibung von Tauben. Man muss aber beachten, dass diese handwerklich so gefertigt sein müssen, dass sich die Tiere nicht verletzen oder es sich an diesen Stellen sogar noch gemütlich machen«, sagt Dr. Ralf Unna, im Hauptberuf Tierarzt in Köln.

Er sieht andere Methoden als wirksamer an und schlägt etwa vor, sogar Taubenhäuser zu bauen, die Vögel anzufüttern und letztlich die Eier auszutauschen, um die Population auf lange Sicht zu reduzieren. »Tauben sind ortstreu und auch schlau«, meint Unna.

Taubenkot ist aggressiv

Er bestätigt allerdings auch, dass der im Taubenkot enthaltene Harnstoff die Substanz historischer Bauwerke angreife. Mit dem Vorurteil Tauben seien Krankheitsüberträger räumt er hingegen auf: »Wenn Sie im Krankenhaus eine Türklinke anfassen, haben sie mehr Erreger an der Hand, als wenn Sie eine Taube berühren.« Diese Gefahr werde deutlich überbewertet: »Bakterien und Salmonellen springen den Menschen nicht an.«

Tiere nicht quälen

Wichtig sei aus Tierschutzsicht , dass die – vielleicht auch endgültig an der Kirche angebrachten Taubenabwehr-Maßnahmen – die Tiere nicht schädigen: »Das würde dem Grundsatz des Tierschutzgesetzes, dass kein Wirbeltier unnötig verletzt oder gequält werden darf, widersprechen«, macht er deutlich. »Dann wäre das ein Fall für den Amtstierarzt.

»Alle Maßnahmen, die dort verwendet werden, ob Drähte, Spikes oder rutschige Edelstahlplatten sind besser, als irgendwelche Netze. Darin verfangen sich die Tiere und können elend zugrunde gehen«, erklärt der Tierschützer.

Ein KOMMENTAR von Michael Nichau

Hoch schlugen die Wogen der Erregung bei Tierfreunden im Internet, als sie von den Tauben-Spikes auf der St. Johannis-Kirche erfahren haben. Doch muss man hier offensichtlich beide Seiten hören: Auf der einen Seite sorgt sich die evangelische Kirchengemeinde um das denkmalgeschützte Gotteshaus und weitere Schäden an dessen Substanz. Auf der anderen Seite wettern Tierschützer gegen das »Aufspießen« der Tauben. Tatsächlich scheint die Position des Vizepräsidenten des Landestierschutzverbandes moderat und angemessen zu sein:

Zum einen sieht er keine »Taubeplage« in Rahden. Zum anderen rät er zu Maßnahmen, die die Population der Tiere verringern: Nahrungsentzug (Leeren von Papierkörben) gehöre mit dazu. Nun ist Rahden keine Großstadt wie die Heimat des Tierarztes aus Köln. Dennoch sollte man auf Hinweise eingehen und sich für die endgültigen Maßnahmen fachkundigen Rat holen. Er empfiehlt sich das so genannte Aachener Modell mit den Taubenhäusern. Das würde vielleicht sogar noch schön aussehen auf dem neuen Kirchplatz . . .

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