Do., 03.10.2019

Armin Wiech aus Rahden fotografierte 1989 die Anfänge der friedlichen Revolution in der DDR »Es geht los«

Montagsdemonstration auf dem Leipziger Nikolaikirchhof am 4. September 1989: »Für ein offenes Land mit freien Menschen« steht auf dem Transparent. Kurz danach reißen Vertreter der Staatsmacht es herunter.

Montagsdemonstration auf dem Leipziger Nikolaikirchhof am 4. September 1989: »Für ein offenes Land mit freien Menschen« steht auf dem Transparent. Kurz danach reißen Vertreter der Staatsmacht es herunter. Foto: Archiv Bürgerbewegung Leipzig e.V./Armin Wiech

Von Thomas Purschke

Leipzig/Rahden (WB). Für Armin Wiech waren es »absolut aufregende Momente«. Am 4. September 1989 machte der aus Gelsenkirchen stammende Fotograf, der seit zehn Jahren in Rahden (Kreis Minden-Lübbecke) wohnt, historisch bedeutsame Aufnahmen in Leipzig.

Die Fotos zeigen Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit, Volkspolizisten und mutige Demonstranten, die mit ihren selbst gemalten Transparenten gegen das SED-Regime aufbegehren. Die Vertreter der Staatsmacht versuchen, ihnen gewaltsam die Banner aus den Händen zu reißen. Die Bilder sind heute wichtige Dokumente der friedlichen Revolution vor 30 Jahren.

An diesem 4. September 1989 fand, nach zweimonatiger Sommerpause, die erste Montagsdemonstration im Anschluss an das Friedensgebet in der Nikolaikirche statt. Zugleich lief zu dieser Zeit die Leipziger Herbstmesse. Viele Messebesucher aus aller Welt tummelten sich in der Innenstadt.

Forderungen auf vier Bettlaken geschrieben

Der damals 28-jährige Westdeutsche Armin Wiech, der zu dieser Zeit vornehmlich für das Hamburger Nachrichtenmagazin »Spiegel« als freiberuflicher Bildjournalist arbeitete und wegen der Herbstmesse mit dem Auto nach Leipzig eingereist war, bekam im Messe-Pressezentrum von einem Kollegen den Hinweis: »Es geht los«. »Daraufhin rannten wir zur Nikolaikirche, wo sich nach dem Friedensgebet um die 1000, zumeist junge Menschen draußen versammelt hatten – Bürgerrechtler und Ausreiseantragsteller –, um für Demokratie und Menschenrechte, Presse- und Reise-Freiheit, zu demonstrieren.« Auf vier Bettlaken hatten die Leipziger Oppositionellen in großen Lettern ihre Forderungen aufgemalt.

In den bundesdeutschen Botschaften in Prag, Warschau und Budapest kampierten zu jener Zeit auch bereits tausende junge DDR-Bürger und hofften auf ihre Ausreise in die Bundesrepublik.

Die Situation war angespannt, die DDR-Sicherheitsbehörden sichtlich nervös. Wie zunächst einer dieser Stasi-Leute der damaligen 23-jährigen Leipzigerin Gesine Oltmanns sowie der gebürtigen Thüringerin Katrin Hattenhauer, damals 20, das von beiden getragene Transparent gewaltsam zu entreißen versucht – und dies angesichts mehrerer, direkt vor dem Protestzug stehender Fotografen und Fernsehteams vom »Klassenfeind« aus der Bundesrepublik –, verdeutlicht, wie blank die Nerven im völlig überforderten Mielke-Apparat lagen. Gesine Oltmanns konnte den im Nahkampf geschulten Mann zunächst abschütteln. Offensichtlich überrascht von soviel Standhaftigkeit, ging dieser sogar zu Boden. Weitere Stasi-Mitarbeiter kamen ihrem Kampfgenossen zu Hilfe und versuchten, den Frauen das Banner aus den Händen zu reißen.

Demonstranten und Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit ringen in der Ritterstraße um ein Transparent. Foto: Archiv Bürgerbewegung Leipzig e.V./Armin Wiech

Stasi-Typ versucht Bein zu stellen

Szene für Szene dokumentierte der mit zwei Spiegelreflexkameras und mehreren Wechselobjektiven bepackte Fotoreporter Wiech all diese Szenen aus nächster Nähe.

Kurze Zeit später gab es nur wenige Meter entfernt, in der Ritterstraße weitere heftige Rangeleien von Stasi- und Polizeikräften gegen die Demonstranten, sogar direkt vor dem Volkspolizei-Kreisamt. Wiech erinnert sich: »Es ging alles so schnell. Um Übergriffe der Stasi-Schläger zu erkennen und abzuwehren, schoss ich teilweise die Fotos auch aus der Hüfte – die Kamera vor mich am Körper haltend und ohne in den Sucher zu schauen, um freie Sicht nach links und rechts zu haben.«

Fotos von 1989

Die Foto-Datenbank ist hier zu finden: www.opposition-archive-sachsen.de. Da die Datenbank weiter wachsen soll, sind weitere Foto- oder Filmaufnahmen von den Ereignissen 1989 in der DDR gern gesehen. Wer helfen möchte, kann sich unter Telefon 0341/3065175, oder E-Mail info@archiv-buergerbewegung.de melden.

Einer dieser Stasi-Typen versuchte dem Reporter Wiech, der 1,89 Meter groß ist und einst 90 Kilo wog, »mehrfach auf perfide Weise ein Bein zu stellen. Den brüllte ich an, er solle dies sofort sein lassen, woraufhin er auch tatsächlich gehorchte.«

Wiech konnte »auf dem Nikolaikirchhof die nervliche Anspannung der mutigen Leipziger Demonstranten förmlich spüren. Später stieg ich auf einen dort abgestellten West-Pkw mit einer extra stabilen Dachplatte und fotografierte weiter.« Ein Fernsehkameramann des Norddeutschen Rundfunks stand dort direkt neben ihm, wie ein Foto des Leipzigers Rainer Kühn zeigt.

Siegeszeichen auf Papas Schultern

Die Stasi wagte es nicht, die Herausgabe der Film- und Fotoaufnahmen bei den westdeutschen Journalisten durchzusetzen. Aber auch ein beeindruckendes Schwarz-weiß-Motiv von Wiech, auf denen viele hoffnungsvolle Gesichter in der Menschenmenge der Demonstranten zu sehen sind sowie ein kleiner Junge, der auf den Schultern seines lächelnden Vaters sitzt und wie dieser seine Finger zum Siegeszeichen spreizt, erzählt beim heutigen Betrachten mehr über diesen ganz besonderen Moment als die berühmten tausend Worte.

Einige Tage später fuhr Wiech dann von Leipzig nach Hause nach Nordrhein-Westfalen zurück mit all seinen brisanten Fotos, »die zum Glück auch am DDR-Grenzübergang Eisenach/Herleshausen nicht beschlagnahmt wurden«. Die markanten Reportage-Aufnahmen erschienen wenig später unter anderem im »Spiegel« und im US-Magazin »Newsweek« und sorgten weltweit für Aufsehen.

Die an diesem Tag entstandenen 279 Schwarz-weiß-Fotos alleine von Reporter Armin Wiech sowie viele weitere interessante Aufnahmen, darunter auch die der Leipziger Bürgerrechtler Christoph Motzer und Rainer Kühn sind ab sofort in einer gemeinsamen Online-Datenbank des Archivs Bürgerbewegung Leipzig, des Martin-Luther-King-Zen­trums für Gewaltfreiheit und Zivilcourage in Werdau und der Umweltbibliothek Großhennersdorf für jedermann recherchierbar.

Bürgerrechtler Uwe Schwabe (57), der heutige Vorsitzende des Archivs Bürgerbewegung in Leipzig und am 4. September vor drei Jahrzehnten einer der Demonstranten aus der ersten Reihe, erklärt: »Wir sind dem Fotografen Armin Wiech sehr dankbar für diese bedeutsamen Fotos, die der westlichen Welt damals aufzeigten, wie das SED-Regime die Menschenrechte förmlich mit Füßen getreten hat. Zudem hat Herr Wiech uns nunmehr seine Fotos kostenfrei überlassen. Dies ist von ihm eine schöne Geste, über die wir uns sehr gefreut haben.«

Armin Wiech ist heute Lehrer für Pflegeberufe und lebt auf einem Bauernhof in Rahden (Kreis Minden-Lübbecke). Foto: Thomas Hochstätter

Umschulung zum Altenpfleger

Auch nach der Friedlichen Revolution und der deutschen Wiedervereinigung begleitete Armin Wiech den Aufbau demokratischer Strukturen in den neuen Bundesländern. So fotografierte er am 18. März 1990 in Leipzig unter anderem die ersten freien Volkskammerwahlen in der DDR und im Juli die großen Schlangen vor den Sparkassen zur Währungsunion. »Alles veränderte sich in Ostdeutschland rasend schnell. Man ist mit dem Fotografieren kaum noch hinterher gekommen.«

In den neunziger Jahren gab der gelernte Büromaschinenmechaniker den Fotografenjob dann auf und schulte zum Altenpfleger um. Heute ist er als Lehrer für Pflegeberufe in ganz Nordrhein-Westfalen tätig. Seine Leidenschaft für das Fotografieren und technische Details ist bis heute geblieben.

Zum geschichtsträchtigen 4. September 1989 sagt Armin Wiech ganz bescheiden: »Ich war doch nur einer von mehreren Fotografen, die in Leipzig vor Ort waren. Ich habe nur meine Arbeit gemacht und habe intuitiv gehandelt. Das ich einen Teil der Friedlichen Revolution vor 30 Jahren auf Fotos festhalten konnte, ist etwas, was ich nie vergessen werde.«

 

 

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