Mi., 12.02.2020

Immer häufiger: Apotheken klagen über Lieferengpässe Medikamente werden knapp

Kersin Blaue (Vital-Apotheke) ist stellvertretende Kreisvertrauensapothekerin. Sie beklagt, dass sich rein wirtschaftliche Entscheidungen der Pharma-Hersteller, Krankenkassen und Politik auf die Gesundheit der Patienten auswirken.

Kersin Blaue (Vital-Apotheke) ist stellvertretende Kreisvertrauensapothekerin. Sie beklagt, dass sich rein wirtschaftliche Entscheidungen der Pharma-Hersteller, Krankenkassen und Politik auf die Gesundheit der Patienten auswirken. Foto: Michael Nichau

Von Michael Nichau

Rahden (WB). „Es tut mir leid, das Medikament ist derzeit nicht lieferbar“ – Diesen Satz hören Patienten, die mit ihrem Rezept vom Arzt in die Apotheke kommen, immer häufiger.

Noch vor Jahren kannte man Lieferengpässe in Apotheken allerhöchstens bei Impfstoffen. In jüngster Zeit nehmen fehlende Arzneimittel immer mehr zu. Auch Krankenhausapotheken seien betroffen, schreibt etwa das Deutsche Apothekenportal.

„Diese Lieferengpässe kommen bei allen Arzneimittelarten und bei vielen Herstellern vor“, erläutert Kerstin Blaue, Inhaberin der Vital-Apotheke in Rahden. Sie ist stellvertretende Kreisvertrauensapothekerin und über das Thema informiert.

„Betroffen sind Schmerzmittel, Blutdrucksenker und auch Psychopharmaka“, sagt sie. Das bereite derzeit schon häufig Schwierigkeiten. Denn „Patienten sind auf bestimmte Wirkstoffe und Präparate eingestellt. Es hat sich ein Erfolg eingestellt und durch einen Engpass müssen sie eventuell das Medikament wechseln“, erläutert die Apothekerin.

„Das alles kostet viel Zeit: Wir müssen Rücksprachen mit den Ärzten halten. Oft genug muss das Rezept geändert werden. Wir suchen dann nach Alternativen und Lösungen, um die Patienten optimal zu versorgen“, sagt Blaue. Es sei gut, dass die Verbindung zu den Ärzten auf kurzem Wege möglich sei.

„Es sind komplexe Lieferketten, die dafür verantwortlich sind, dass Medikamente einfach nicht verfügbar sind. Oft helfen sich die Apotheken schon untereinander aus, doch irgendwann gehen die Bestände aus“, sagt Blaue.

Einer der Gründe für die Engpässe, die sich im Lauf der Zeit verschärft hätten, sei die Produktion der Wirkstoffkomponenten in Nicht-EU-Ländern, besonders aus Asien. „Dadurch entstehen weite Transportwege, weil die Unternehmen in China, Indien oder auch Amerika ansässig sind.“

Vor allem Wirkstoffe für Generika (Nachahmerpräparate als wirkstoffgleiche Kopien) würden in der Regel in derartigen Ländern hergestellt, meinte Blaue. Durch die Rabattverordnung (seit 2003) dürften die Ärzte nur noch die von den Krankenkassen vorgegebenen Medikamente verschreiben. Und oft seien gerade diese nicht lieferbar.

„Das ist doch klar: Die Unternehmen können mit diesen Produkten keine Profite machen und schränken die Produktion ein“, beschreibt Blaue die Lage auf dem Markt. Seien die Generika nicht lieferbar, so gelte für die Verordnung der „Originale“ ein Preisanker, den auch die Ärzte bei der Neu-Verordnung nicht überschreiten dürften, erläuterte die Apotheker-Sprecherin. In jedem Falle müsse man sich aber bemühen, eine Versorgungslösung zu finden, sagte sie.

„Wir denken über eine zentrale Bevorratung mit bestimmten Arzneimitteln nach“, heißt es vom Apothekenportal als Lösungsvorschlag. Auch solle die Politik über das Abschaffen der Rabattverträge diskutieren, lautet eine der Forderungen.

Kerstin Blaue geht noch einen Schritt weiter: „Wir müssen die Produktion wichtiger Arzneimittel wieder nach Deutschland holen, um direkten Einfluss zu haben“, sagt sie. „Von der ‚Apotheke der Welt‘ sind wir zum Notstandsgebiet geworden“, klagt sie.

Und noch ein Faktor komme vielleicht in den kommenden Wochen und Monaten auf die Patienten zu: „Viele dieser Arzneimittelwirkstoffe werden in der Gegend von Wuhan in China hergestellt. Wenn dort durch das Corona-Virus noch mehr zum Stillstand kommt, sind wir hier in Deutschland mit Sicherheit noch stärker von Lieferengpässen betroffen.“

Blaue rät chronisch kranken Patienten dazu, nicht erst bei der letzten Pille aus der Packung „Nachschub“ für den ständigen Bedarf zu besorgen. „So bleibt Arzt und Apotheke mehr Zeit, um eine passende Alternative zu besorgen.“

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