Sa., 23.05.2020

Dr. Wolfgang Adam plädiert für eine maßvolle Lockerung „Wissen wenig über Corona“

An vielen Stellen weisen Schilder auf den Mindestabstand hin. Diese Maßnahme scheint derzeit am sinnvollsten zu sein.

An vielen Stellen weisen Schilder auf den Mindestabstand hin. Diese Maßnahme scheint derzeit am sinnvollsten zu sein. Foto: dpa

Rahden (WB/ni). Lockerungen der einschränkenden Maßnahmen beim Umgang mit der Corona-Pandemie sind von vielen gefordert und jetzt teilweise umgesetzt worden. Ein wenig vorsichtig schätzt der Rahdener Kinder- und Jugendarzt Dr. Wolfgang Adam die derzeitige Lage ein. „Die Prognosen und Erkenntnisse ändern sich fast jeden Tag“, sagt er.

90 Prozent der Menschen würden auch verantwortungsvoll mit der neuen Freiheit umgehen“, schätzt er nach persönlicher Erfahrung ein. Und auch die Erkenntnisse bei der Behandlung der „Covid-19“-Erkrankung machen Fortschritte, so dass auch die Überlebenschancen Schwerkranker steigen würden, sagt der Rahdener Mediziner.

„Abstand halten scheint die wichtigste Vorsorge gegen Ansteckung zu sein. Was wir nicht wissen ist eine lange Liste von Unsicherheiten und vagen Vermutungen. Da ist zum einen die Herdenimmunität, die oft genannt wird und vielleicht im schwedischen Modell angestrebt wird. Aber es ist zu bedenken, dass wahrscheinlich mehr als 90 Prozent der Deutschen die Infektion noch nicht hatten und dass eine Herdenimmunität selbst bei der viel höher ansteckenden fliegenden Infektion der Windpocken und Masern weltweit nie gelungen ist“, schreibt Dr. Adam.

„Auch haben uns die Infektiologen immer wieder gesagt, dass wir eine Immunität von 98 Prozent benötigen, um etwa Masern ganz verschwinden zu lassen. Bei einer Durchseuchung von 60 bis 70 Prozent wird es alle drei bis vier Jahre zu neuen Ausbrüchen von Covid-19 kommen“, sagt Adam.

Auch müssten die Virologen zugeben, dass es selbst bei einer weltweit durchgeführten Impfkampagne weiter zu Infektionen kommen wird, da es einen 100-prozentig wirksamen Impfstoff noch nie gegeben hat und dass es zum Beispiel bei der Impfstoffsituation oft nur einen 50-prozentigen Impfschutz gebe. „Warum sollte das bei einem möglichen Covid-19-Impfstoff anders sein?“, fragt der Mediziner.

„Darüber hinaus wissen wir noch in keiner Weise, welche langfristigen Schäden die neue Virus-Krankheit bei Menschen, die die Erkrankung durchgemacht haben, hinterlassen. Nach bisherigen Studien ergeben sich bei den erkrankten Patienten in vielen Fällen krankhafte Veränderungen im Lungenbereich und oft auch an den Innenwänden der Gefäße im gesamten Körper, also auch an Organen wie Nieren, Gehirn oder peripherem Gewebe der Blutgefäße“, schreibt er. Auch diese bleibenden Schäden mit chronischen Erkrankungen würden die Mediziner bereits von anderen schweren Virus -Infektion kennen.

In seltenen Fällen könne ein Virus sich quasi auch im Körper im Bereich von Gefäßen oder Nervenendigungen lange Zeit verstecken und so zu erneuten Ausbrüchen der Erkrankung führen. „Das kennen wir zum Beispiel bei den Windpocken, die oft Jahre oder Jahrzehnte später eine Gürtelrose nach sich ziehen. Bei Masern ist es die nach Jahren auftretende Enzephalitis, SSPE, die häufig zum Tod führt“, weißt der Kinderarzt.

„Mein Fazit ist, wir wissen bislang vielleicht nur ein Drittel davon, was das Virus Covid-19 wirklich anstellt. Also geht es mit langsamen und intelligenten Lockerungen – vielleicht auch mit erneuten Einschränkungen – und Aufzeigen von Perspektiven in eine neue Zeit.“

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