151. Teil unserer Serie „Der Blick zurück“ von Claus-Dieter Brüning
Reihe „Rahden damals“: Die Hamsterer im Steckrübenwinter

Rahden (WB). Auf interessante Dokumente ist Rahdens Stadtheimatpfleger Claus-Dieter Brüning gestoßen. Im Stadtarchiv hat er Aufzeichnungen und Bilder gefunden. Dieses Mal geht es um die „Hamsterer“ im so genannten Steckrübenwinter 1916/17 und um die Gaststätte Waldfrieden gegenüber des Espelkamper Bahnhofs, die heute nicht mehr dort existiert. Claus-Dieter Brüning schreibt:

Samstag, 06.06.2020, 07:00 Uhr aktualisiert: 06.06.2020, 07:10 Uhr
Zum ehemaligen Gasthof Waldfrieden gegenüber des Espelkamper Bahnhofes sind im so genannten Steckrübenwinter 1916/17 viele Menschen gereist, um von dort aus auf dem Land Lebensmittel zu finden und diese zu hamstern – so auch in Rahden. Foto:
Zum ehemaligen Gasthof Waldfrieden gegenüber des Espelkamper Bahnhofes sind im so genannten Steckrübenwinter 1916/17 viele Menschen gereist, um von dort aus auf dem Land Lebensmittel zu finden und diese zu hamstern – so auch in Rahden.

„Das Wort Hamstern, gewann im Zusammenhang mit der Corona-Krise jüngst wieder eine etwas fragwürdige Bedeutung. Wie mir Magdalene Kottenbrink bestätigte, hatte vor geraumer Zeit der Feldhamster (Namenspate) auch in der hiesigen Region eine etwas unrühmliche Bedeutung, da er für die langen Wintermonate ein Vorratslager von manchmal fünf Kilogramm in seinem unterirdischen Lager anlegte, auch wenn er davon nur zwei Kilogramm zum Überwintern brauchte. Von daher wurde dieser Nahrungskonkurrent als nicht gern gesehener Gast auf dem Feld betrachtet.

Steckrübenwinter

Jürgen und Anne Tönsmann haben den ehemaligen Hamsterpfad erkundet.

Jürgen und Anne Tönsmann haben den ehemaligen Hamsterpfad erkundet.

Der Rahdener Jürgen Tönsmann machte mich vor einigen Wochen darauf aufmerksam, dass neben der seinerzeitigen Gaststätte Waldfrieden ein so genannter heute noch zu sehender Hamsterpfad über die Ratzenburg bis zur Brücke an der Großen Aue (dort wo regelmäßig das Tauziehen stattfindet) führte.

Im so genannten Steckrübenwinter 1916/17 kam es in den Städten zu einer großen Not bei der Versorgung mit Lebensmitteln, die durch die Kontinentalblockade und eine Missernte (Kartoffelfäule) noch verstärkt wurden. Selbst das Hauptnahrungsmittel – die Steckrübe – wurde zur Sicherung der Volksernährung vom Kriegsernährungsamt beschlagnahmt. Daraufhin bezeichnete man sie auch als ‚Hindenburg-Knolle‘.

Zahlen mit Naturalien

Die notleidenden Städter fuhren dann mit der Bahn auf’s Land um zu hamstern. Von der Auebrücke aus verteilten sich die ‚Hamsterer‘ über das verzweigte Wegenetz zu den Höfen der näheren oder oftmals auch weiteren Umgebung. Manche halfen den Bauern auch bei der Ernte und wurden mit Naturalien bezahlt, andere durchwühlten in ihrer Not auch bereits abgeerntete Felder. Oftmals wurde auch durch Tauschhandel versucht, den Ruck- sack etwas mehr zu füllen. Von 1914 bis 1918 starben in Deutschland allein durch den Ernährungsmangel etwa 800.000 Menschen.

Espelkamper Bahnhof

Der alte Bahnhof in Espelkamp, das sich zu dieser Zeit gerade von Großendorf gelöst hatte, war durch Mundpropaganda zu einem Ziel für viele Hamsterfahrten geworden. Auf dem Rückweg machten etliche Hamsterer auf der Veranda von Peps Wiesken (Luise Peper), deren Gaststätte sich direkt gegenüber des Bahnhofes befand, eine kurze Rast und bekamen von der Wirten oftmals auch gratis ein kleines Getränk.

Der „Seeteufel“

Das Foto zeigt den Thekenbereich des Waldfriedens etwa um 1930. Viele Prominente sollen seinerzeit dorthin gekommen sein.

Das Foto zeigt den Thekenbereich des Waldfriedens etwa um 1930. Viele Prominente sollen seinerzeit dorthin gekommen sein.

Vor und nach dem Ersten Weltkrieg wurden von Peps Wiesken auch etliche Prominente im Waldfrieden bewirtet zu ihnen gehörte der Heidedichter Hermann Löns oder auch der „Seeteufel“ Felix Graf von Luckner, der unter anderem dafür bekannt war, dass er mit bloßen Händen etliche Telefonbücher zerrissen haben soll. Ob er dieses Kunststück auch in Espelkamp vorgeführt hat, ist leider nicht überliefert.

Trasse statt Lokal

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden im Waldfrieden auch Verhandlungen mit der britischen Besatzungsmacht geführt und der Waldfrieden diente, wie viele andere Gasthöfe auch, als Rettungsstation des Roten Kreuzes. Der Waldfrieden war auch Vereinslokal und Gründungslokal für etliche Espelkamper Vereine und ein sehr beliebtes Lokal für Radtouren ebenso auch für die Vatertags touren.

1987 war die eigentlich recht kurze Geschichte des Waldfriedens in Espelkamp besiegelt, als der für die neue Trasse der B 239 weichen musste.“

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