152. Teil unserer Serie »Blick zurück – Rahden damals« von Claus-Dieter Brüning
Varl ist ein „steinaltes“ Dorf

Rahden (WB). Auf interessante Dokumente ist Rahdens Stadtheimatpfleger Claus-Dieter Brüning gestoßen. Im Stadtarchiv hat er Aufzeichnungen und Bilder gefunden. Dieses Mal geht es um die ältere Geschichte der Ortschaft Varl. Unter dem Titel „Jung geblieben, aber dennoch steinalt“ schreibt Claus-Dieter Brüning:

Sonntag, 12.07.2020, 08:00 Uhr
Der Varler Ortsheimatpfleger Reinhard Stevener vor dem 2008 wieder errichteten Reststeinen des einstigen Hünengrabes. Die Steine künden von einer sehr alten Geschichte Varls. Foto: Claus-Dieter Brüning
Der Varler Ortsheimatpfleger Reinhard Stevener vor dem 2008 wieder errichteten Reststeinen des einstigen Hünengrabes. Die Steine künden von einer sehr alten Geschichte Varls.

„Vom geschichtlichen Ablauf her gehört der 152. Teil dieser Berichte ganz an den Anfang der Rahdener Geschichtsschreibung. Eigentlich kommt man auch nicht auf die Idee, dass Varl, das in diesem Jahr sein 750-jähriges Bestehen feiert, eigentlich schon längst seinen 5000. Geburtstag begehen könnte, wenn sein Name schon zu jener Zeit „in Stein gemeißelt” worden wäre.

„Steinkämper“ Feld

Aber es ist wissenschaftlich belegt, dass die beiden Varler Steingräber (auch Hünengräber oder Megalithgräber genannt) mindestens schon 3000 vor Christus mit damals bereits erheblichem Aufwand aufgeschichtet worden sind. Die Cheops-Pyramide in Ägypten wurde etwa 500 Jahre später errichtet. Mit den Hohensteinen und dem Großsteingrab auf dem „Steinkämper“ Feld verfügte Varl gleich über zwei dieser Hünengräber, von denen heute noch Reste am Varler Glockenturm (Hohen­steine) und an der Straße „Zur Steinkämper Mühle” erhalten sind. Die Reste der Hohensteine lagen ursprünglich auf dem alten Varler Schulhof und die des Steinkämper Hünengrabes wurden 2008 etwa 300 Meter von ihrem Urspungsstandort auf dem Grundstück der Familie Wessler neu errichtet.

Gemeinsam mit Ortsheimatpfleger Reinhard Stevener suchte ich vor einigen Wochen Jürgen Warner, den Sohn der Heimatkundlerin Frieda Warner auf, der uns unter anderem auch eine Bleistiftzeichnung von Edeltraud Maschmann zeigte. Sie gibt gut wieder, wie imposant das Steinkämper Grabmal einst gewesen sein muss. Auf dem Hof Warner liegen übrigens noch größere Findlinge, die auch aus dem Steinkämper Grabmal stammen. An einigen dieser Steine sind auch heute noch Spuren alter Sprengungen sichtbar.

Wenn man bedenkt, dass jeder dieser tonnenschweren Steine allein mit Muskelkraft auf Holzrollen und nur mittels Holzhebeln bewegt und die Decksteine über eine Steinrampe auf die Stützsteine gesetzt wurden, bekommt man eine Ahnung, welcher Aufwand hinter dem Bau eines jeden dieser Hünengräber gestanden hat.

Hohensteine

Das Wort Hüne kommt in diesem Zusammenhang aus dem mittelhochdeutschen Wort „Huine”, was so viel wie Riese oder riesig bedeutet. Es waren also keinesfalls Hünen (Riesen) beim Bau dieser Grabanlagen am Werk, wie alte Legenden weismachen wollen.

Bereits 1817 wird in den Mindener Sonntagsblättern von den Hohensteinen, die zwischen dem Jägerkrug (Aßling) und der späteren Hohensteiner Mühle lagen, berichtet. Pastor Habbe, ein Geschichtsschreiber und Sohn des Apothekengründers Habbe aus Rahden, berichtet 1822, dass unter dem Deckstein der Hohensteine eine Herde Schafe Platz gefunden haben soll. Allein an der Nordseite dieses Grabes sollen 18 bis 20 Findlinge von erheblicher Größe gelegen haben, die wie ein Felsenmeer gewirkt hätten. Auf der Mitte des Decksteines soll sich eine eingehauene Vertiefung befunden haben, die als „Blutrinne” für Opfergaben gedeutet wurde. Auch römische Legionäre sollen angeblich hier hingerichtet worden sein.

Aus späteren Ausführungen des Sanitätsrats Becker geht hervor, dass bereits 1822 das Zerstörungswerk an den Hohensteinen schon sehr weit fortgeschritten war. Die Steine wurden zerschlagen und die Einzelstücke dann für den Unterbau von Mühlen und Häusern verwendet. So ruhte die Hohensteiner Mühle später ebenso auf den Steinen eines Hünengrabes wie auch später die Steinkämper Mühle.

Baumaterial

Es darf auch angenommen werden, dass etliche der „Hohensteine“ als Fundament für das Gebäude des Kaufmanns Lindemann in der Mitte Rahdens gedient haben, da diesem seinerzeit das Gelände und die Hohensteiner Mühle gehörte und das Lindemannsche Gebäude kurze Zeit vorher abgebrannt war. Die Ausmaße der Hohensteine dürften auch nicht unerheblich größer gewesen sein als jene der reinen Grabanlage auf dem Steinkämper Feld.

Nach Recherchen von Frieda Warner wurde das Hünengrab auf dem Steinkämper Feld erst etwa 50 Jahre später abgebaut und dessen Steine dann teilweise beim Bau der Steinkämper Mühle verwendet.

Hätte man damals die Steine nicht so dringlich als Baumaterial gebraucht, wäre Rahden heute ein bedeutender Ort an der Straße der Megalithkultur. Aber mit dem Großen Stein in Tonnenheide verfügen wir immerhin über einen der größten Findlinge Norddeutschlands.

Schön, dass etliche Reststeine dieser alten Gräber erhalten geblieben sind und davon künden, dass die Besiedlung des heimischen Raumes schon vor mehr als 5000 Jahren stattgefunden hat. So brachten die Urahnen der Varler zu jener Zeit viele ‚Steine ins Rollen‘. Irgendwie scheint man sich diese Mentalität auch bis heute bewahrt zu haben und bringt als Dorfgemeinschaft noch heute gern viele Steine ins Rollen. Allemal ist es kein Wunder, dass der Name ‚Steinkamp‘ in kaum einem Ort weiter verbreitet ist als in Varl und Umgebung.“

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