Sa., 15.09.2018

Servicehaus Stemwede gibt Behinderten die Chance auf eigenen Arbeitsplatz Gemeinsam für Selbstständigkeit

Alexander Schneider an seinem Lieblings-Arbeitsplatz, der Waschanlage am Hahme-Markt in Haldem.

Alexander Schneider an seinem Lieblings-Arbeitsplatz, der Waschanlage am Hahme-Markt in Haldem. Foto: Michael Nichau

Von Michael Nichau

Stemwede (WB). Alexander Schneider macht die Arbeit Spaß: »Die Kollegen sind nett und freundlich. Es wird viel besprochen.« Und so packt der 47-Jährige beim Hahme Frischemarkt in Haldem überall mit an, wo Hilfe gebraucht wird. Alexander Schneider ist körperbehindert.

»Manchmal gucken die Leute erst mal komisch, vor allem die Kinder«, sagt der aus Kasachstan stammende Mann, der beim Verein »Lebensperspektiven« eine Anstellung gefunden hat. Er könne aber damit umgehen. »In Russland war es schlimmer.« Seit 2015 ist er im Hahme-Markt tätig und macht dort alles: vom Einräumen der Regale bis hin zum Service an der Waschstraße.

Er ist handwerklich begabt und froh, »alles selbst machen« zu können. Von Geburt an leidet er unter einem Spitzfuß, wurde mit sieben Jahren operiert. Jetzt macht er viel Sport. »Das hilft und auch die Bewegung im Beruf«, sagt er.

260 Mitarbeiter

Schneider ist einer von etwa 80 Mitarbeitern mit Handicap des Vereins »Lebensperspektiven«, der den Hahme-Markt, das Servicehaus Stemwede und die Kinderhäuser der von Lothar Pannen gegründeten Stiftung führt. »Mittlerweile haben wir im Verein 260 Mitarbeiter«, sagt Annika Gier, die seit August 2017 für die Inklusionsarbeit in dem Unternehmen zuständig ist.

Sie kümmert sich um den Kontakt mit den Mitarbeitern, die Begleitung am Arbeitsplatz, gibt Hilfestellungen, ist Ansprechpartnerin. »Regelmäßig gibt es Treffen und da merke ich, wo Hilfe gebraucht wird.«

Dabei arbeiten behinderte und nicht behinderte Mitarbeiter Hand in Hand. Es geht darum, Menschen mit Behinderungen eine Arbeit zu geben, ihnen die Möglichkeit zu geben, ihren Lebensunterhalt selbst zu bestreiten.

Drei Arbeitsstätten

Ideale Bedingungen dazu finden sich in den zwei Nahversorgungsmärkten des Vereins in Haldem und Hunteburg sowie beim Servicehaus Stemwede, das Hausmeister-, Bau- und Handwerkerservice anbietet. Darüber hinaus werden Garten- und Landschaftsbauliche Dienstleistungen angeboten, wie die Grab- und Gartenpflege.

»Die beiden Märkte wurden über die »Aktion Mensch« gefördert. Weitere Hilfe erfährt der gemeinnützige Verein von Integrationsämtern und dem Paritätischen Wohlfahrtsverband. Dennoch sind wir immer auf Spenden angewiesen«, sagt Annika Gier.

Während des Gesprächs macht Marion Wings »Klar Schiff« im Domizil des Vereins in Haldem. Dort wird gerade umgebaut und die Büroräume erweitert. Die 57-Jährige ist in Varl geboren und wohnt heute mit ihrem Mann in Dielingen.

»Hier wird man nicht schief angeguckt«

Arbeit mit der linken Hand: Marion Wings ist Hauswirtschafterin in der Zentrale in Haldem. Hier putzt sie Fenster. Foto: Michael Nichau

Vor 40 Jahren hatte Wings einen Arbeitsunfall, geriet mit 17 Jahren mit der Hand in eine Walze. Die Bewegung der Hand ist seitdem eingeschränkt. Wings ist zu 50 Prozent schwerbehindert.

»Hier wird man nicht schief angeguckt«, beschreibt sie die Vorzüge ihrer Tätigkeit als Hauswirtschafterin im Servicehaus. Sie ist unter anderem auch in den Kinderhäusern tätig, arbeitet aber hauptsächlich in der Zentrale in Haldem.

»Ich arbeite hier wie eine Nichtbehinderte. Es sieht zwar manchmal etwas unbeholfen aus, aber es geht«, sagt sie und zeigt die Hand, die in einem Gummihandschuh steckt. »Bis zur Rente will ich hier gern weiterarbeiten«, meint sie und schwärmt vom lockeren Umgangston und netten Menschen in dem Unternehmen. »Die Hilfsbereitschaft ist groß.«

Jüngstes Projekt heißt »Flio«

Dabei ist Marion Wings nur eine von elf Hauswirtschafterinnen, die der Verein beschäftigt. »Wir haben noch viel vor«, sagt Annika Gier und blickt auf die Baustelle der »Zentrale«. Der Grundgedanke sei immer zu helfen, auch bei schwierigen Verhältnissen.

In diese Richtung ziele auch das jüngste Projekt des Vereins: »Flio – Familienleben im Ort« will Hilfen, wie Krabbelgruppen, Elterncafés oder Handarbeitsgruppen in den Außenstellen, etwa in Rahden und Espelkamp anbieten. Und auch dabei können die Angestellten tatkräftig mitmachen. »Es ist ein gutes Gefühl«, sagt Marin Wings abschließend und geht Fenster putzen.

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