Sa., 10.11.2018

Friedbert Bohne und Erich Schumacher erinnern an die Schreckensnacht vor 75 Jahren Ein ganzes Dorf ging in Flammen auf

Blick auf alte Fotos: Friedbert Bohne (Ortsheimatpfleger) und Erich Schumacher erläutern die Folgen des Flugzeugabsturzes.

Blick auf alte Fotos: Friedbert Bohne (Ortsheimatpfleger) und Erich Schumacher erläutern die Folgen des Flugzeugabsturzes. Foto: Michael Nichau

Von Michael Nichau

Oppendorf (WB). »Es muss furchtbar gewesen sein«, beschreibt Erich Schumacher die Nacht, in der im Zweiten Weltkrieg ein mit Bomben beladenes Flugzeug in Oppendorf abstürzte und den Ort durch Druckwelle und Feuer verwüstete. »Damals hielt der Schrecken des Krieges bei uns auf dem Land Einzug«, sagt er.

Schumacher, heute 87 Jahre alt, war einer der Zeugen, die heute noch über diese Zeit berichten können. Zwar hatte er den Absturz nicht selbst miterlebt, kann aber die

Folgen schildern. Vor 25 Jahren hat er in seiner damaligen Eigenschaft als Ortsheimatpfleger angeregt, einen Gedenkstein aufzustellen. »Das ist ein Mahnstein gegen die Schrecken des Krieges«, betont er. Unser Ziel ist es, heute noch einmal auf diese Nacht der Katastrophe, vor 75 Jahren hinzuweisen.

Das sagt auch der heutige Ortsheimatpfleger Friedbert Bohne, der jetzt noch einmal gemeinsam mit Schumacher in den Aufzeichnungen von dessen Vater stöberte. Heinrich Schumacher war ab 1943 Dorfchronist in Oppendorf. »Die Nazis hatten ihm das angetragen«, erläuterte Erich Schumacher.

Und so ist die Dorfchronik, die kurz nach Kriegsende 1945 endet, eines der wichtigsten Dokumente für den Ort. Schumacher verwahrt sie mit großer Sorgfalt in den eigenen Akten. »Eigentlich sollte sie schon im Kommunalarchiv in Lübbecke sein«, meinte Friedbert Bohne. Doch hergeben möchte Schumacher das Erinnerungsstück an seinen Vater noch nicht.

Erich Schumacher hat in seiner Broschüre »Oppendorf – die Nacht der Katastrophe« Daten, Fakten und mündliche Überlieferungen zusammengefasst sowie Teile der Dorfchronik aus der Sütterlin-Schrift übertragen.

»Wir wollen den Leuten heute noch einmal vor Augen führen, was damals hier passiert ist«, erklärte Friedbert Bohne. Es gehe darum, zu gedenken, und die nachfolgende Generation gegen Krieg und Rüstung zu mahnen, sagt Erich Schumacher.

Sechs britische Soldaten und zwei Oppendorfer fanden vor 75 Jahren bei dem Absturz den Tod. Daran erinnert die Gedenktafel auf dem »Mahnstein«, wie ihn Schumacher bezeichnet.

Was war geschehen? Am 16. Dezember 1943 wurde ein Lancaster-Bomber, der noch mit Bomben beladen war, offenbar über Nordhorn von der deutschen Luftwaffe angeschossen. Die Maschine setzte den Flug fort, schaffte es aber nicht zum Zielpunkt. »Es soll dann eine Schleife geflogen sein und es nicht mehr unbeschadet über den Stemweder Berg geschafft haben«, schilderte Friedbert Bohne die Berichte der Zeitzeugen. »Das Leitwerk soll abgerissen worden sein. Jedenfalls stürzte das Flugzeug etwa um 19 Uhr direkt in den Hof Sander (heute Petring in der Nähe von Mazda Piper).

Nach Berichten aus dem Ort soll zunächst die Munition der Maschinengewehre explodiert sein. Später detonierte die mitgeführte Bombe mit 1800 Kilogramm Sprengstoff. »In einem Kilometer Entfernung sollen sich noch die Fliesen gehoben haben. Fensterscheiben gingen zu Bruch. Häuser wurden abgedeckt«, erläuterte Bohne. Dies sei die Wirkung der so genannten Luftmine, des größten konventionellen Sprengkörpers im Zweiten Weltkrieg, gewesen. Doch der Bomber führte außerdem hunderte von Brandbomben mit, die in den abgedeckten Häusern für Feuer sorgten.

»Oppendorf war damals sehr dicht bebaut. Das kann man sich heute nicht mehr vorstellen, weil in jener Nacht, in dem Feuer-Inferno, 19 Gehöfte total zerstört wurden. Viele andere wurden schwer beschädigt«, erläuterte Schumacher. Zwei Oppendorfer, die Tiere aus den Ställen retten wollten, wurden dabei getötet: Christoph Kalkhake und Heinrich Waering.

»Man kann sich das gar nicht vorstellen. Die Bewohner flohen nach dem Absturz in Richtung Berg. Danach brachen die Feuer aus und vernichteten Ernte, Hab und Gut und viele Häuser. Und das kurz vor dem Winter«, berichtete Schumacher. Die Menschen – viele schwer verletzt – fanden bei Verwandten und Nachbarn Obdach. »Manchmal musste auch ein Hühnerstall als Wohnung herhalten.«

Zudem musste das Vieh versorgt werden, das plötzlich herrenlos auf dem Straßen herumlief. Es gab plötzlich keine Ställe mehr. Die Nachbarn aus Brockum und Wehdem hätten sich damals vorbildlich um die Versorgung gekümmert.

»Dennoch hat dieses Ereignis Wunden hinterlassen: Der Krieg war aufs Land gekommen, war plötzlich nahe. Das können sich junge Leute heute gar nicht vorstellen«, sagt Schumacher und zitiert aus der Chronik:

»Am Morgen des 17. Dezember war das ganze Dorf ein Trümmerhaufen. Auf dem Grundstück von Sander 20 gähnte ein ungeheurer Trichter. Die ganze Umgebung ist mit Trümmern des Flugzeugs und Resten der Brandbomben übersät. Ein Flugzeugmotor ist quer durch den Holzschuppen von Klanke Nr 8 geschleudert worden. Von den Besatzungsmitgliedern landete einer mit dem Fallschirm lebend in Lemförde.

Ein Kommentar von Michael Nichau

Es ist gut, wenn an die Schrecken des Krieges erinnert wird. Zu recht wollen Schumacher und Bohne die schrecklichen Ereignisse in Oppendorf noch einmal in den Blick richten.

Auch angesichts erneut drohender Hochrüstung der Supermächte scheint dies ein richtiger Schritt zu Mahnung und Warnung zu sein, wie ihn sich die beiden Ortsheimatpfleger vorstellen.

Zu wünschen ist, dass diese Absicht auch von der jüngeren Generation wahr- und aufgenommen wird. Dann allerdings müssten die Ereignisse nochmals aufgearbeitet und die Schilderungen noch lebender Zeitzeugen aufgezeichnet werden, soweit dies heute noch möglich ist.

Nur dann kann Geschichte erlebbar für diejenigen gemacht werden, die nicht dabei waren.

 

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