Fr., 02.08.2019

Förster Markus Uhr ist betrübt: viele tote Bäume durch Trockenheit und Borkenkäfer »Der Wald in unserer Heimat stirbt«

»Überall ein Problem bei dieser Trockenheit und Hitze«: Förster Markus Uhr, der zurzeit seinen Stemweder Kollegen Norbert Schmelz urlaubsbedingt vertritt, zeigt einen toten Baum, der vom Borkenkäfer befallen ist.

»Überall ein Problem bei dieser Trockenheit und Hitze«: Förster Markus Uhr, der zurzeit seinen Stemweder Kollegen Norbert Schmelz urlaubsbedingt vertritt, zeigt einen toten Baum, der vom Borkenkäfer befallen ist.

Von Dieter Wehbrink

Stemwede (WB). Es ist ein Bild des Jammers: Überall leiden im Stemweder Land und darüber hinaus die Bäume unter der extremen Trockenheit. Die Menschen können ihnen förmlich beim Sterben zusehen.

Betroffen ist auch der Stemweder Berg. Darüber sind die heimischen Waldbauern und Förster Peter Uhr sehr beunruhigt. Der Experte, der in Stemwede zurzeit Urlaubsvertretung für seinen Kollegen Norbert Schmelz leistet, hat lauter schlechte Nachrichten. »Im Moment sehen wir brutal die Folgen der letztjährigen und aktuellen Trockenheit – und das schon seit dem Frühjahr«, glaubt er.

Leiden der Buchen weitet sich aus

Es würden praktisch alle Baumarten leiden, sagt Markus Uhr. »Bei der Buche – die beherrschende Baumart im Stemweder Berg – schlagen die Hitze und Trockenheit mit voller Wucht zu. Im Frühjahr gab es an diesen Bäumen nur knappe grüne und sofort braun werdende Blätter.« Bedingt durch den geringen Niederschlag werde sich das Leiden der Buchen deutlich weiter ausweiten, befürchtet Uhr.

Die Birke, die im Norden des Altkreises Lübbecke häufig vorkomme, sei jetzt schon in Massen abgestorben: »Da kommt im nächsten Frühjahr nichts mehr«, sagt Uhr betrübt. Für den Förster steht fest: »Wir erleben im Wald die Folgen des Klimawandels. Es könnte die Spitze eines Eisberges sein, den wir im Moment noch nicht loten können.«

Ein Borkenkäfer. Seine Art macht derzeit Riesenprobleme.

Leiden die Bäume, profitiert ein gefürchteter Schädling: Es ist der Borkenkäfer, der zurzeit auch im Stemweder Berg dafür sorgt, dass viele vertrocknete und befallene Bäume gefällt werden müssen. »Die Kombination aus Trockenheit und Hitze, die seit dem vergangenen Jahr anhält, hat zur massenhaften Vermehrung der Borkenkäfer geführt – nicht nur im Stemweder Berg, sondern von Schweden bis an die Alpen, von Tschechien bis nach Holland«, weiß Uhr. »Das Schadinsekt ist ein riesiges Problem – vor allem für Fichten und Lärchen. Die Misere für diese Baumarten fing an mit dem Sturm Friederike. Viele Stämme stürzten um. Dann kam die Trockenheit. Die Fichte kann dadurch weniger Harz produzieren. Dabei ist das Harz ihre einzige Chance, den Borkenkäfer abzuwehren.«

Massen-Vermehrung

Wenn es zudem sehr viele Borkenkäfer gebe, könnten selbst noch gut wasserversorgte und vitale Fichten vom Insekt befallen werden. Gleichzeitig hätten die hohen Temperaturen zu einer beschleunigten Entwicklung der Käfer-Population geführt: »Diese Insekten vermehren sich in einer Saison normalerweise mit zwei Generationen. In 2018 waren es bis zu vier Generationen. Also sind aus nur einem Käferweibchen bis zu 250.000 Nachkommen entstanden«, rechnet der Förster vor. »Diese Käfermassen überwinterten im Holz, wenn befallenen Bäume nicht so rasch entfernt werden konnten. Die Insekten waren natürlich in diesem Frühjahr wieder zum Angriff bereit. Ich sehe in meinem Zuständigkeitsbereich gerade, dass Käfer sich akut neu einbohren und neue Bäume suchen.

Wenn diese befallenen Stämme nicht herausgenommen und die Käfer unschädlich gemacht werden, verschärft sich die Situation weiter.« Doch hier fange das nächste Problem an, sagt Uhr. »Das Beseitigen dieser Bäume kostet Geld. Der Holzmarkt ist ziemlich zusammengebrochen, weil wir mit Trockenheit und Borkenkäfern ein europaweites Pro­blem haben. Es ist schwierig, das Holz überhaupt noch abzusetzen. Und wenn wir die Bäume lediglich fällen und liegen lassen, finden die Käfer in dem gelagerten Holz neuen Lebensraum.«

Insektizid-Einsatz am Holzstapel

Ein schier unlösbares Problem sei es angesichts der vielen fällreifen Bäume, ausreichend Fachpersonal und Transportfahrzeuge zu bekommen, die diese Arbeit übernehmen könnten: »Unternehmer-Kapazitäten und leider auch Förster fehlen«, weiß Markus Uhr.

Für den Experten gibt es nur eine denkbar kurzfristige Abhilfe: »In Teilen müssten wir leider den Einsatz von Insektiziden am Holzstapel in Kauf nehmen. Damit könnte man große Mengen Käfer vernichten und die weitere Ausbreitung erheblich reduzieren.« Diese Lösung sei jedoch ein finanzielles Problem für den Waldbauern, denn dieser müsse den Insektizideinsatz zahlen. »Die Waldbesitzer verlieren jetzt ihren Wald. Er ist nicht mehr kostendeckend zu betreiben«, sagt Uhr und mahnt: »Auch die Öffentlichkeit muss sich schnell überlegen, was es bedeutet, wenn der Wald derart bedroht ist wie jetzt. Er bietet ja auch kostenlose Erholung, deshalb ist es wichtig, dass er von der Allgemeinheit massiv unterstützt wird.«

Enorme wirtschaftliche Bedeutung

Für Markus Uhr steht fest: »Wenn wir jetzt den Kampf aufgeben, haben wir verloren. Leider ändern wir einen Wald nicht von heute auf morgen. Die Fichte steht bei uns am Rande des Möglichen. Sie war ohnehin eine Nachkriegsaufforstung, und der Trend geht von der Fichte weg. Leider stammt aber 85 Prozent des gesägten Holzes in Deutschland von Nadelbäumen, die somit eine enorme wirtschaftliche Bedeutung für die Holz- und weiterverarbeitende Industrie sowie für die Arbeitsplätze haben.«

Markus Uhr glaubt, dass künftig anzupflanzende Douglasien und Küstentannen besser mit Hitze und Trockenheit zurecht kommen. »Die Mischung macht’s. In Maßen könnte man auch Laubbäume integrieren. Die Eiche wurzelt zum Beispiel tiefer. In geringen Mengen könnte man auch Esskastanien anpflanzen. Das alles ist jedoch kein Allheilmittel.«

Herausforderung für Gesellschaft

Man dürfe den Kampf um den Erhalt des Waldes schon gar nicht aus Kostengründen einstellen, nur weil die Preise im Keller seien, warnt Förster Markus Uhr. »Sonst fehlt der Industrie später das Holz. Jetzt ist Deutschland noch alleinversorgend, versündigt sich aber an der Nachwelt, wenn die Selbstversorgungsquote sinkt. Wollen wir etwa in Russland einkaufen, wo der Holzanbau nicht nachhaltig entsteht?«

Für Markus Uhr ist klar: »In Deutschland gibt es mehr Arbeitsplätze in der holzverarbeitenden als in der Autoindustrie. Wir haben ja auch mal Banken gerettet. Hier liegt nicht nur ein Problem von Bäumen und Käfern im Wald vor, sondern hier wartet eine große Herausforderung auf die Gesellschaft.«

Dazu ein Kommentar von Dieter Wehbrink:

Es stimmt traurig, was jeder Bürger jetzt in Stemwede und darüber hinaus mit ansehen muss. Man mag sich nicht mehr so recht auf das nächste Frühjahr freuen, weil man ahnt, dass viele Bäume nicht mehr austreiben werden.

Die Probleme, die damit verbunden sind, müssen bei näherer Betrachtung absolut beunruhigen. Wer kann denn so viele abgestorbene Bäume im öffentlichen oder privaten Bereich zeitnah fachgerecht fällen? Es dürfte unmöglich sein, einen derart massiven Personal- und Maschineneinsatz in angemessener Zeit auf die Beine zu stellen. Womöglich müssen wir uns auf unabsehbare Zeit an den hässlichen Anblick von abgestorbenen Bäumen gewöhnen. Über die Kosten, die auf Kommunen und private Baumbesitzer zukommen, mag man ebenfalls nicht nachdenken.

Nachdenken? Das sollte man aber über groß angelegte Neuaufforstungen mit möglichst robusten und gemischten Baumarten. Sie sind die einzige Möglichkeit, der Natur jenes zurückzugeben, was ihr Hitze und Trockenheit genommen haben. Es wird aber Jahrzehnte dauern, bis annähernd ein alter Zustand wieder hergestellt sein dürfte.

Neuaufforstung und Artenschutz vor der Haustür sind Aufgaben, die wir alle – Kommunen wie Privatbürger – selbst schnell in unserem eigenen Lebensraum in Angriff nehmen können. Und dass sollten wir massiv tun!

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