Freiwillige aus Stemwede graben Jakobskreuzkraut aus und entsorgen es
Helfer sagen Giftpflanze den Kampf an

Stemwede (WB). Ahnungslose Bürger lassen sich von dem Anblick der hübschen „gelben Margeriten“ an Straßenrändern, auf Brachflächen oder Weiden täuschen. Doch Weidevieh-Haltern, insbesondere Pferdefreunden, sind diese gefährlichen Pflanzen ein Gräuel. Einige Stemweder sind jetzt aktiv geworden. Ihr Motto lautet: Das giftige Jakobskreuzkraut muss weg – und zwar so gründlich wie möglich.

Montag, 03.08.2020, 03:00 Uhr aktualisiert: 03.08.2020, 05:03 Uhr
Zum Ausbuddeln der für Mensch und Tier hoch giftigen Jakobskrauts legen die Helfer eine vollständig bedeckende Kleidung, Handschuhe und Mundschutz an. Foto: Peter Götz
Zum Ausbuddeln der für Mensch und Tier hoch giftigen Jakobskrauts legen die Helfer eine vollständig bedeckende Kleidung, Handschuhe und Mundschutz an. Foto: Peter Götz

„Es gibt zwar weitaus stärkere Gifte in den Kräutern am Straßenrand, aber das Jakobskreuzkraut ist ein besonders hinterhältiges“, beschreibt Bärbel Multhoff aus Destel die Wirkung. „Es wird im Körper nicht abgebaut. Die in der ganzen Pflanze enthaltenen Pyrrolizidin-Alkaloide werden in der Leber in äußerst reaktionsfähige Stoffe umgewandelt, die sich dort ansammeln. Leber, Lunge, Nieren und das Zentrale Nervensystem werden dauerhaft geschädigt, Erbgut und Embryonen ebenso.“ Auch Krebs und weitere tödliche Langzeitschäden können durch die Anreicherung im Körper ausgelöst werden.

In der Tierwelt sind grundsätzlich alle Grasfresser gefährdet, auch Wildtiere, sogar pflanzenfressende Vögel (zum Beispiel Nutztierrassen wie Hühner und Gänse) und Vögel, die auf Kreuzkräutern lebende Insekten aufnehmen, sagt die Expertin.

Warnende Bitterkeit

Wie viele andere Giftpflanzen warnt das Kreuzkraut seine potenziellen Fressfeinde durch die gelbe Farbe und einen sehr bitteren Geschmack und Geruch, jedoch nur in frischem Zustand. Getrocknete Pflanzenteile, egal ob Blatt, Blüte, Samen oder Stängel, verlieren die warnende Bitterkeit, jedoch nicht das Gift. Also besteht auch außerhalb der Vegetationsperiode eine große Vergiftungsgefahr durch verunreinigtes Heu, Silage oder sonstiges Winterfutter.

Als logische Konsequenz daraus geht es dem Übel buchstäblich an die Wurzel. Schon seit vielen Jahren engagiert sich auch Sonja Jäger aus Oppendorf tatkräftig bei der Kreuzkraut-Bekämpfung. Die Expertin war lange ehrenamtlich im Arbeitskreis Kreuzkraut e. V. engagiert, der sich 2019 wegen Überhand nehmender Belastung auflöste, da sich die giftigen Stauden in den vergangenen Jahren explosionsartig in weiten Teilen Deutschlands ausgebreitet haben.

Schier unlösbare Probleme

„Eine effektive Bekämpfung ist nur möglich, wenn alle – sprich Behörden, Landwirte und private Besitzer in gleichem Maße handeln“, sagt Jäger. „Der Befall ist in vielen Regionen so groß, dass großflächig Grünland und sogar einzelne Getreidefelder betroffen sind. Eine Duldung auf großen Naturschutzflächen gefährdet letzten Endes die Artenvielfalt und stellt Imker und Landwirte vor schier unlösbare Probleme“.

Jäger verweist auf einen Stapel Faltblätter mit Infos zu Erkennung, Bekämpfung und Entsorgung der Giftpflanzen. „Wichtig ist es, die Pflanzen mit gesamter Wurzel auszugraben und sich selbst durch Handschuhe, gut bedeckende Kleidung und Gesichtsmaske zu schützen. Jeglicher Körperkontakt, auch das Einatmen von Pollen, kann das Gift übertragen“, warnt die Oppendorferin. „Die ausgegrabenen Stauden bitte umgehend in einen dichten und stabilen Sack stecken und diesen in einem speziell dafür vorgesehenen Container entsorgen.“ Dieser Container steht auf dem Gelände des Stemweder Bauhofs an der Westruper Straße und ist zu den üblichen Öffnungszeiten erreichbar.

Ausgefeilte Überlebensstrategien

Doch es gibt auch Stimmen, die sich gegen eine flächendeckende „Ausrottung“ von Jakobskreuzkraut durch die besorgte Bevölkerung aussprechen. Allen voran der Naturschutzbund NABU aus Schleswig-Holstein, der von „Panikmache und irrationaler Debatte“ spricht. Die Artenvielfalt sei durch eine Bekämpfung, sprich großflächiges Mähen und Mulchen extensiv genutzter Flächen, bedroht, so steht es auf der Homepage des NABU.

„Biodiversität ist zwar gut und wichtig“, kommentiert Harald Multhoff diese Aussagen. Seine Frau Bärbel und er betreiben neben der Kaltblutzucht auch mehrere Bienenstöcke und halten freilaufende Hühner. „Angesichts der ausgefeilten Überlebensstrategien von Kreuzkräutern besteht jedoch kaum die Gefahr einer totalen Ausrottung. Es besteht eher die Gefahr für Menschen, Giftstoffe über die Nahrung, zum Beispiel Milch, Eier oder Honig aufzunehmen.“ Besonders Honig aus der Sommertracht könne bei großen Jakobskreuzkraut-Beständen im Revier der Honigbienen stark belastet werden. „Deshalb entfernen wir grundsätzlich alle erkennbaren Pflanzen in diesem Gebiet“, betont Multhoff.

Durch die Blühstreifen an und zwischen den Feldern fänden Insekten bis in den Herbst ein vielfältiges Nahrungsangebot und seien nicht auf das Kreuzkraut, das bis in den Oktober hinein blühe, angewiesen, sagt Multhoff. „Die Gefahr einer Ausrottung des Giftkrautes ist zudem nicht akut, da die äußerst anpassungsfähige, Pflanze ein wahrer Überlebenskünstler ist. Ihre bis zu 150.000 flugfähigen Samen pro Pflanze bleiben bis zu 20 Jahre keimfähig, die Wurzeln sind sehr stabil und fest im Boden verankert.“ Diese Eigenschaft könnte auch der Grund dafür sein, dass sich das Kraut vermehrt an den Rändern größerer Straßen und auch in Industriegebieten ausbreite.

Abmähen birgt Gefahren

Dem Vernehmen nach wurde die heimische Pflanze zur Verfestigung von Autobahn-Randstreifen und Böschungen ausgesät und durch den Verkehr im weiteren Straßennetz, auf Parkplätzen und in Industriegebieten verbreitet.

Das reine Abmähen blühender Pflanzen ohne die fachgerechte Entsorgung birgt mehrere Gefahren. Zum einen gelangen die Blüten in diesem Fall innerhalb dreier Tage zu einer Notreife und produzieren trotz Schnitts keimfähige Samen, zum anderen können getrocknete Pflanzenteile durch die fehlenden Bitterstoffe von Wild- oder Weidetieren gefressen und so mittelbar in die menschliche Nahrung gelangen.

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