Nicht nur Schweinemäster, sondern auch Ferkelzüchter in Stemwede betroffen
Landwirte vor dem Corona-Kollaps

Stemwede (WB). Die Corona-Krise zeigt jetzt auch schon Auswirkungen auf die heimische Landwirtschaft. Joachim Schmedt (59), Vorsitzender des Landwirtschaftlichen Gemeindeverbandes, möchte dies an einem Beispiel aus Stemwede besonders deutlich machen. „Wenn das alles so weiter geht, haben wir Landwirte keine Chance, die geforderten Qualitäts- und Tierwohlstandards einzuhalten“, kritisiert er vor allem die Politik.

Samstag, 10.10.2020, 02:00 Uhr
Landwirt Carsten Mattelmeyer (28) in seinem Schwienestall. Er verfolgt die Entwicklungen rund um die Corona-Schließung der Schlachthöfe mit großen Befürchtungen für die Zukunft. Foto:
Landwirt Carsten Mattelmeyer (28) in seinem Schwienestall. Er verfolgt die Entwicklungen rund um die Corona-Schließung der Schlachthöfe mit großen Befürchtungen für die Zukunft.

Schlachthöfe geschlossen

Aktueller Hintergrund sind die Corona-Fälle in Schlachthöfen in Sögel (bei Papenburg, Landkreis Emsland) und in Emstek (Landkreis Cloppenburg). 112 Beschäftigte des zur Firmengruppe Tönnies gehörenden Schlachthofes „Weidemark“ in Sögel wurden positiv auf das Coronavirus getestet. Auf Anordnung des dortigen Landkreises wird der Schlachthof für 22 Tage geschlossen.

Sonst werden allein in diesem Betrieb mit 2000 Mitarbeitern 15.000 Schweine am Tag geschlachtet und verarbeitet. Die Zahl sinkt von einem Tag auf den anderen auf Null. Die Auswirkung: Schweinemäster können ihre schlachtreifen Tiere nicht absetzen. Diese müssen vorerst in den Ställen bleiben.

Landwirte in der Lieferkette

„Doch wir befinden uns in einer Lieferkette. Das ist ähnlich wie beim Fließband in der Autoindustrie“, erläutert Joachim Schmedt. Nur: Das Fließband in der Industrie lasse sich von heute auf morgen stoppen. „Das ist in der Landwirtschaft anders: Wenn wir die Lieferkette anhalten wollen, dauert das vier bis fünf Monate“, erläutert er.

Das sei bildlich wie ein riesiger Öltanker, der auf dem Meer auch nicht abrupt stoppen könne. „Das artet in eine Katastrophe aus“, sagt der Sprecher der Stemweder Landwirte.

Und in der angesprochenen Lieferkette sind nicht nur die Schweinemäster betroffen. Carsten Mattelmeyer, Junglandwirt (28), hat den Betrieb seines Vaters übernommen und Erweiterungskapazitäten in Drohne gefunden. Dort übernahm er einen kompletten Betrieb. „Ich habe dort eine Ferkelproduktion aufgebaut, in der Größe, wie man es uns in der Ausbildung beigebracht und angeraten hatte. Das Ganze muss sich ja auch betriebswirtschaftlich rechnen“, berichtet Mattelmeyer, der vor acht Jahren seine Prüfung zum Landwirt ablegte.

Ferkelerzeugung bedeutet: Sauen werden künstlich befruchtet und bringen nach einer Tragezeit von 113 bis 114 Tagen ihre Ferkel zur Welt. Diese werden nach der Entwöhnung von den Muttertieren an die Schweinemäster abgegeben. „Wenn aber die Tiere der Mäster nicht abgenommen werden, haben diese auch nicht den Platz in ihren Ställen, um die neuen Jungschweine aufzunehmen“, erläutert Carsten Mattelmeyer.

Kollaps in fünf Wochen

„Wenn die Schlachthöfe jetzt keine Tiere abnehmen, die Mäster sie also nicht absetzen können, stehen wir Ferkelerzeuger spätestens in vier bis fünf Wochen so unter Druck, dass wir die Ferkel nicht mehr von den Sauen trennen können. Wir bleiben dann auf den Jungtieren sitzen“, beschreibt er die drohende Situation.

Die meisten der Sauen seien eben derzeit tragend und würden statistisch 2,3 Mal im Jahr Nachwuchs zur Welt bringen. Also müssten die Ferkelerzeuger dann auch diese Tiere – den Vorschriften des Tierschutzgesetzes entsprechend – unterbringen und auch füttern, erläuterte Mattelmeyer.

Tiere töten als Alternative?

Eine Alternative in dieser Situation für die Landwirte: Die Ferkel müssten nach der Geburt sofort getötet („gekeult“) werden. Oder – die absolut letzte Lösung – man könne den Sauen in den ersten Wochen der Trächtigkeit Abtreibungsmittel verabreichen, sagen Dominik Schmedt und Carsten Mattelmeyer.

Deutlich machen beide Landwirte auch ihre persönliche Kritik an der Politik, die die Landwirtschaft betreffe: „Wir hatten im vergangenen Jahr eine tolle Solidarität unter den Landwirten. Mit Demos und Treckerzügen haben wir unsere Standpunkte deutlich gemacht. Da wird die Politik schon ein wenig Angst bekommen haben“, sagen die Junglandwirte. „Wir haben mit den Aktionen eine Wende in der Agrarpolitik gefordert. Jetzt schiebt man gern Corona vor, um unsere Reformbestrebungen zu verhindern“, meint Joachim Schmedt.

Tierwohl an erster Stelle

„Das Tierwohl spielt für uns eine entscheidende Rolle“, pflichtet auch Junglandwirt Dominik Schmedt (30) bei. Auch Familie Schmedt betreibt Schweinemast. „Wir stehen in der Pflicht, in den Ställen auch das Tierwohl erhalten zu müssen. Das ist uns als Landwirten ganz besonders wichtig. Wenn die Politik so weitermacht, können wir das vor lauter Verwaltungsaufwand nicht mehr gewährleisten“, sagt er.

Müsse zwangsläufig die Landwirtschaft dann mit wenigen Großbetrieben – ähnlich wie bei den Schlachthöfen – enden? Das sei die bange Frage, die sich vor allem die Junglandwirte Dominik Schmedt und Carsten Mattelmeyer stellen. „Wenn die Voraussetzungen alle so bleiben hat der Landwirt keine Chance, die Qualitätsanforderungen einzuhalten“, erklärt Carsten Mattelmeyer.

Schweinepest im Hintergrund

Die Corona-Krise überschatte jetzt sogar die Auswirkungen der Afrikanischen Schweinepest (ASP), meint Joachim Schmedt als Sprecher der Landwirte. Er hinterfragt die Situation noch kritischer: „Wenn die Produktion der deutschen Großschlachthöfe tatsächlich heruntergefahren ist, warum sind dann die Fleischtheken immer noch gut gefüllt? Werden nur deutsche Schlachthöfe wegen Corona geschlossen?“ Wenn das so sei, müsse das Fleisch im Handel ja aus dem Ausland importiert werden, argwöhnte Schmedt.

Blaues Auge für Landwirte?

„Zu Beginn der Corona-Krise hieß es, die Landwirtschaft komme mit einem blauen Auge davon. Jetzt scheint alles schlimm zu enden, wenn Landwirte sich sogar wegen der Situation das Leben nehmen wollen, wie es jetzt in Niedersachsen bekannt geworden ist“, meint er.

„Die Politik sagt, sie wolle einen Strukturwandel hin zu kleineren Betrieben. In der Realität werden aber die größeren Einheiten bevorzugt. Die sind wohl auch mit weniger Aufwand zu kontrollieren“, beschreibt der Dielinger Landwirt seinen persönlichen Eindruck.

Ein KOMMENTAR von Michael Nichau

Es ist eigentlich unglaublich, sich die Schilderungen der Stemweder Landwirte anzuhören. Dass sie – wenn sich nichts ändert – in knapp fünf Wochen schon in die Not geraten, nicht zu wissen, wo sie ihre Ferkel unterbringen sollen.

Noch unglaublicher, dass sie, um die Tierwohl-Bestimmungen zu erfüllen, im Extremfall auch die Jungtiere töten müssen. „Ich bin dann nicht auf dem Hof“, sagte mir einer der Junglandwirte. Er könne sich das dann nicht antun. Ein solches Verfahren – rein nach bürokratischen Vorschriften darf es eigentlich nicht geben.

„Eigentlich nicht geben“ dürfte es aber auch die Vorschläge der Experten aus der Politik, etwa die Ferkel dann vielleicht in einer ungeheizten Fahrzeughalle „aufzubewahren“. Es ist spürbar, dass hier Bürokraten scheinbar nicht den Hauch einer Ahnung von Landwirtschaft haben...

Aufklärungsarbeit ist nötig, damit die Bevölkerung auch über solche Hintergründe Bescheid weiß. Dazu mag dieser Bericht dienen.

https://www.instagram.com/drohner_schweinezucht_gbr?r=nametag

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Kommentare

A.H.  schrieb: 10.10.2020 15:07
Wo bleibt der Strukturwandel?
Vor wenigen Jahrzehnten wäre das alles kein Problem gewesen. Findet man heute denn niemanden mehr, der ein Schwein schlachten kann und darf? Wie ist es mit Hausschlachtung und Selbstvermarktung? Schon mal gehört? Es gibt viele Leute, die sich die Gefriertruhe mit einer zerlegten Schweinehälfte volladen würden. Am besten ein Tier aus regionaler Herkunft, das auch das Glück hatte, sich zu Lebzeiten im Morast zu suhlen und über eine Wiese laufen zu dürfen. Dann ist es auch egal, wenn es ein paar Euro mehr kostet. Gutes Marketing hilft. So bräuchten die Mäster auch wieder Nachschub von den Ferkelerzeugern.
Jetzt zahlen alle den Preis von immer mehr und immer größer, immer billigeres Fleisch. Vor allem die Tiere zahlen diesen Preis. Wir brauchen wieder Kleinbauern, denen das Tierwohl wichtig ist und die ihr Auskommen haben. Früher wurden ursprüngliche Schweinerassen auf natürliche Weise gehalten, vermehrt, gemästet und ließen beim Schlachter im Dorf ihr Leben. Wieso geht das heute nicht mehr? Ihr Bauern, habt euch freiwillig und unfreiwillig alles aus der Hand nehmen lassen und zahlt euch jetzt dumm und blöd für manipuliertes Saatgut, manipulierte Hybridferkel, industriell gefertigte Hilfsmittelchen aller Art und immer ausgefeiltereTechnik. Es wird allerhöchste Zeit, daß wir wieder zu einer kleinteiligen Landwirtschaft und lokaler Vermarktung jenseits von großen Handelsketten zurückfinden. Für landwirtschaftliche Produkte und vor allem für Fleisch müssen wieder angemessene Preise gezahlt werden. Das geht aber nur, wenn der Staat entsprechenden Druck ausübt und für vernünftige Bedingungen sorgt. Leider tut er das nicht.
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