So., 01.09.2019

Verfassungswidrige Symbole in Kirchentüren geritzt – 42-Jähriger festgenommen Verwüstungen im Gotteshaus

Zerstörte Kerzenständer auf dem Boden: Irgendjemand hat in der Kirche in Schwaney randaliert. Anton Küting versucht es mit Fassung zu tragen. Den in der Kirche entstandenen Sachschaden schätzt Küting auf etwa 5000 Euro.

Zerstörte Kerzenständer auf dem Boden: Irgendjemand hat in der Kirche in Schwaney randaliert. Anton Küting versucht es mit Fassung zu tragen. Den in der Kirche entstandenen Sachschaden schätzt Küting auf etwa 5000 Euro. Foto: Alexander Gionis

Von Alexander Gionis

Altenbeken-Schwaney (WB). Anton Küting ist geschockt. Küting ist Vorstandsmitglied der St.-Johannes-Baptist-Gemeinde Schwaney und wartet am Samstagnachmittag vor »seiner« Kirche darauf, dass die Spurensicherung der Kriminalpolizei im Chorraum der Kirche ihre Arbeit beendet. Denn dort hat ein Unbekannter wenige Stunden zuvor Verwüstungen angerichtet.

Im Eingang wurde das Weihwassergefäß umgestürzt, alles ist nass. Weiter hinten im Chorraum sieht alles noch chaotischer aus. Zerrupfte Blumen überall, kaputte Kerzenständer, im Gang liegt ein Mikrofonständer mit herausgerissenen Kabeln. Kerzen wurden von den Altaren gefegt, das »Ewige Licht« hat jemand gegen einen Altar geworfen, Wachsflecken zeugen davon.

Prozessions-Fahnen verschwunden

»Und wir bleiben auf den Kosten sitzen«, seufzt Küting. Auf mindestens 5000 Euro schätzt er den Schaden. »Was ich nicht verstehe«, sagt Küting, »ist, dass diese Person auch noch unsere beiden Prozessions-Fahnen gestohlen hat. Warum nur? Wenn wir die neu beschaffen müssen, kostet uns das bestimmt etwa 500 Euro pro Fahne.« Was noch rätselhafter ist: Vieles ist zerstört, aber wertvolle Figuren und ein Jesuskreuz sind verschont geblieben.

Doch die Zerstörungen in der Kirche sind längst nicht alles. An der Außentür hat Küting verfassungswidrige Symbole entdeckt: Unter einem Davidstern prangt ein Hakenkreuz, rechts daneben steht »HH« und »88«, Symbole, die in rechtsradikalen Kreisen für »Heil Hitler« stehen. Das »H« ist der achte Buchstabe im Alphabet.

Die Drähte zwischen den benachbarten Kirchengemeinden sind kurz. Als die Polizei eintrifft, hat Anton Küting bereits gehört, dass zuvor am Pfarrheim in Altenbeken und an der Kirche in Buke dieselben und ähnliche Symbole eingeritzt wurden. Der Staatsschutz Bielefeld werde auch bald kommen, sagt Küting. »Die Wochenendmesse um 17 Uhr wird wahrscheinlich ausfallen müssen«, befürchtet er.

Verdächtiger hält sich 15 Minuten in der Kirche auf

Die Polizei hat zu diesem Zeitpunkt jedoch bereits Hinweise auf einen möglichen Täter. Das liegt auch an Marita Benstein, denn ausgerechnet die Küsterin hat nämlich am Samstag gegen 11.30 Uhr mit ihrem Mann auf einer Bank gegenüber der Kirche gesessen und eine verdächtige Person am Gotteshaus bemerkt.

Der Mann sei zuerst zum Seitenflügel der Kirche gegangen – dorthin, wo die Zeichen in die Tür geritzt wurden –, dann habe er die Kirche betreten. Weitere Zeugen hätten beobachtet, wie die Person die Kirche 15 Minuten später wieder verlassen habe. Die Verwüstungen wurden erst gegen 14 Uhr von einer Frau entdeckt, die in die Kirche ging, um sich dort einen Pfarrbrief zu holen.

Am Sonntagabend vermeldet der Staatsschutz Bielefeld dann, dass der mutmaßliche Täter bereits am Samstagnachmittag festgenommen worden sei. Ein Mann hatte auf dem Bahnhofsvorplatz in Altenbeken den Hitlergruß gezeigt und »Heil Hitler« gerufen. Auch habe er vor Salafisten gewarnt, die sich in Kirchen aufhalten sollen.

Verwirrter Mann in Psychiatrie untergebracht

Am frühen Nachmittag sei der offensichtliche verwirrte Mann dann im St.-Vincenz-Krankenhaus in Paderborn erschienen und habe verlangt, den Kardinal zu sprechen. Das anwesende Personal soll er zuvor bedroht haben. Die Polizei nahm den 42-jährigen Mann fest und brachte ihn vorläufig in der Psychiatrie unter. Die Ermittlungen des Staatsschutzes dauern an.

Das alles weiß Anton Küting am Samstagnachmittag natürlich noch nicht. Er macht sich ganz andere Gedanken. Dass es beim Pfarrheim in Altenbeken und der Kirche im Buke bei den Einritzungen an den Türen geblieben war, liege bestimmt daran, glaubt er, dass diese Gebäude am Samstag verschlossen waren. »Unsere Kirche ist samstags und sonntags geöffnet«, sagt Anton Küting, »aber anscheinend werden wir dies wohl ändern müssen. So weit ist es schon gekommen.«

Mittlerweile ist es 16 Uhr, die Spurensicherung hat ihre Arbeit beendet und den Tatort freigegeben. Küsterin Marita Benstein wischt das im Eingang verschüttete Weihwasser weg, und Anton Küting und seine Frau Elisabeth beginnen, all die zerstörten Gegenstände wegzuräumen. Damit die Wochenendmesse doch stattfinden kann. Allen Widrigkeiten zum Trotz.

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