Ein Raum im Raum: Im Seniorenzentrum Altenbeken empfangen Bewohner Besuch
Freudentränen hinter Plexiglas

Altenbeken (WB). Im Seniorenzentrum Altenbeken vom Reichsbund freier Schwestern können sich Bewohner und Angehörige wieder in die Augen schauen und die Hände aneinanderlegen – wenn auch getrennt durch eine Plexiglasscheibe. Ein Raum im Raum macht es möglich.

Mittwoch, 06.05.2020, 15:54 Uhr aktualisiert: 06.05.2020, 16:08 Uhr
Seit Wochen haben die Bewohner des Seniorenzentrum Altenbeken, wie hier Sigrid Becker (rechts), ihre Angehörigen nicht gesehen. Ein Raum im Raum ermöglicht jetzt wieder Besuche. Helga Heinrichs vom Sozialen Dienst mimt einen Besucher. Foto: Jörn Hannemann
Seit Wochen haben die Bewohner des Seniorenzentrum Altenbeken, wie hier Sigrid Becker (rechts), ihre Angehörigen nicht gesehen. Ein Raum im Raum ermöglicht jetzt wieder Besuche. Helga Heinrichs vom Sozialen Dienst mimt einen Besucher. Foto: Jörn Hannemann

Die Idee dazu hatte Einrichtungsleiterin Renate Rustemeyer, als sie ein solches Konstrukt auf Facebook entdeckte: „Wir haben schon längere Zeit überlegt, wie wir unseren Bewohnern trotz Corona den persönlichen Kontakt zu Angehörigen ermöglichen können.“ Als sie den Raum im Raum entdeckte, weihte sie den Hausmeister in ihre Idee ein. Da Michael Bölte nicht nur Hausmeister, sondern von Beruf Tischler ist, baute er eine Konstruktion aus zwei im rechten Winkel zueinander stehenden Holzwänden. Eine große Plexiglasscheibe ermöglicht den Blick auf die andere Seite.

Mundschutz und Desinfektionsmittel stehen für Angehörige bereit

Dieses Konstrukt auf Rollen wird für die Besuche von innen so vor die Terrassentür geschoben, dass sich ein abgetrennter viereckiger Raum ergibt. Darin stehen zwei Stühle, Bilder hängen an der Holzwand und es gibt Mundschutz und Desinfektionsmittel für die Angehörigen. Denn trotz Plexiglas und Holz schließen die mobilen Wände oben nicht zur Decke ab. Die Einrichtung will auf Nummer sicher gehen und setzt auf zusätzlichen Mundschutz.

Renate Rustemeyer

Renate Rustemeyer Foto: Jörn Hannemann

Am Montag gab es die ersten Besuchen mit herzzerreißenden Szenen, wie Helga Heinrichs vom Sozialen Dienst des Seniorenzentrums erzählt: „Vor allem die Angehörigen sind überglücklich, ihre Eltern wiederzusehen und sich vor Ort davon zu überzeugen, dass es Mama und Papa gut geht. Da sind auch Tränen geflossen.“

Themen gibt es nach wochenlangem Kontaktverbot genügend

Wer nicht in der Lautstärke, die durch die Plexiglasscheibe notwendig ist, sprechen kann, für den übernimmt der Soziale Dienst. „Wir sind bei jedem Besuch dabei. Wir halten uns zwar im Hintergrund, aber wenn wir gebraucht werden, sind wir da“, erzählt Helga Heinrichs. Doch meist klappt die Kommunikation so. Ein Bewohner hat sich zum Beispiel sehr angeregt mit seiner Tochter unterhalten. Themen hatten die zwei genug: Garten, Enkel, Hund, Alltag – in den Wochen des Kontaktverbots hat sich einiges ereignet. „Nach den 30 Minuten verabschiedete der Herr sich mit einem Strahlen im Gesicht. Man sah ihm an, wie glücklich er war“, berichtet Heinrichs.

Glücklich ist auch Einrichtungsleiterin Renate Rustemeyer: „Wir haben sonst täglich viele Ehepartner oder Kinder, die ihre Partner und Eltern regelmäßig besuchen und durch den Tag begleiten. Gerade für diese Menschen waren die bisherigen Kontaktverbote besonders schlimm. Vor allem über eine so lange Zeit.“

Jede Kontaktmöglichkeit macht die Bewohner glücklich

Umso glücklicher seien die älteren Menschen über jede noch so kleine Kontaktmöglichkeit nach außen. Ob das Ostergrüße per Post, WhatsApp-Videos von der Familie oder gemalte Bilder sind. Auch die Mitarbeiter lassen sich einiges einfallen. Sie lesen zum Beispiel nach dem Essen im Speisesaal Geschichten vor oder stimmen Lieder an. Zwar sitzen alle mit Abstand zueinander, doch solche Aktionen stärken das Gemeinschaftsgefühl, sagt Rustemeyer.

Das Seniorenzentrum in Altenbeken.

Das Seniorenzentrum in Altenbeken. Foto: Jörn Hannemann

Nachdem wieder Gottesdienste unter Auflagen möglich sind, hat auch die seelsorgerische Begleiterin des Seniorenzentrums, Schwester Franziska, angefragt, ob sie wieder Gottesdienste anbieten könnte. „Den Senioren fehlt das Erlebnis und die heilige Kommunion“, weiß Rustemeyer. Im kleinen Kreis mit viel Abstand sind deswegen wieder Gottesdienste im Haus möglich.

„Hier steht das Telefon nicht mehr still!“

Trotz all des Engagements hat der direkte Kontakt eine andere Wertigkeit, erzählt sie. Dementsprechend groß ist der Andrang nach einem 30-minütigen Besuchstermin, erzählt Helga Hinrichs: „Hier steht das Telefon nicht mehr still!“ Die Besuchszeiten sind so gelegt, dass sie sich nach den Bedürfnissen der Bewohner richten. „Wir haben einen Terminkalender wie beim Arzt“, erzählt Hinrichs lachend und freut sich mit jedem einzelnen: „Eine Bewohnerin hat mir gesagt, sie freut sich ein Loch in den Bauch, dass sie ihren Sohn wiedersieht.“

Auch Angehörige von an Demenz erkrankte Menschen können ihre Liebsten sehen. „Wir ermöglichen in dem geschützten Gartenbereich Sichtkontakt über einen doppelten Gartenzaun, so dass eine ausreichende Entfernung gewährleistet ist“, erzählt Rustemeyer: „Wir hoffen, dass bald weitere Öffnungen möglich sind, aber bis dahin bleiben wir kreativ und sind dankbar für jeden kleinen Schritt nach vorn in die Normalität, ohne unsere Bewohner dabei zu gefährden.“

Kommentare

Diese Diskussion ist geschlossen. Kommentieren ist nicht mehr möglich.
 
https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/7398258?categorypath=%2F2%2F2158585%2F2158590%2F2198384%2F2198401%2F2851060%2F
Krisenstab mietet Wohnsiedlung für positiv getestete Tönnies-Mitarbeiter an
Symbolbild. Foto: dpa
Nachrichten-Ticker