Susanne Tingelhoff bringt ihre Therapiehunde zu nähebedürftigen Menschen
Zwei Vierbeiner öffnen Herzen

Altenbeken (WB). Dunkle Augen, ein fröhliches Wesen und lockiges Fell zum Reingreifen und Streicheln: Dem Charme der Therapiehunde Phibie und Seppel kann man sich nur schwer entziehen. Die beiden Barbets öffnen Herzen und tun der Seele gut, davon ist Besitzerin und Therapiehundetrainerin Susanne Tingelhoff überzeugt. Seit elf Jahren arbeitet die Altenbekenerin in der tiergestützten Therapie und hat mit ihren Vierbeinern schon so manches Wunder erlebt.

Freitag, 16.10.2020, 18:00 Uhr
Mit ihren beiden Hunden Phibie (links) und Seppel sitzt Therapiehundetrainerin Susanne Tingelhoff im Strandkorb auf ihrem Balkon in Altenbeken. Foto: Sonja Möller
Mit ihren beiden Hunden Phibie (links) und Seppel sitzt Therapiehundetrainerin Susanne Tingelhoff im Strandkorb auf ihrem Balkon in Altenbeken. Foto: Sonja Möller

Da gab es zum Beispiel vor Jahren den Fall eines jungen Mannes, der nach einem Unfall schon viele Jahre im Wachkoma lag. Susanne Tingelhoff besuchte ihn in der Marcus-Klinik in Bad Driburg mit ihrem damaligen Therapiehund Paul, einem Labrador mit besonders viel Einfühlungsvermögen. „Ich habe Paul an die Haut von André gelegt und seine Hand auf das Fell.

Zum ersten Mal reagiert ein Mann im Wachkoma auf etwas

Und zum ersten Mal seit Jahren hat er auf etwas reagiert und Paul direkt angeschaut. Und die Spastiken in der Hand lösten sich merklich“, beschreibt Susanne Tingelhoff den Moment, mit dem damals wohl kaum jemand gerechnet hatte: „Die Art von Nähe, die Hunde geben, kann ich als Mensch den Patienten nicht geben. Hunde dringen bis in die Seele vor.“ Sieben Jahre lang besuchten Paul und Susanne Tingelhoff den Wachkoma-Patienten immer freitags: „Über die Jahre ist eine tiefe Freundschaft zu Andrés Familie entstanden.“

„Beim Lockdown ging es von 100 auf null runter“

Eigentlich hatte die Altenbekenerin in diesem Jahr viel vor. Doch dann kam Corona. Der Lockdown hat die 58-Jährige hart getroffen: „Von einen auf den anderen Tag ging es von 100 auf null runter. Der Lockdown hat mich total ausgebremst. Ich war wie in Schockstarre“, erzählt sie. Mut machte Susanne Tingelhoff der unbändige Lebensmut einer Corona-Patientin, die sie bei ihrer Arbeit als Nachtschwester in der Marcus-Klinik kennen lernte: „Die junge Mutter hatte zwei Schlaganfälle und durfte aufgrund von Corona ihr wenige Monate altes Baby und ihren Mann nicht sehen. Und trotzdem hat sie immer gesagt: ‚Das schaffe ich auch noch.‘ Vor ihr kann ich nur den Hut ziehen.“ Die Therapiehundetrainerin war so beeindruckt, dass sie sich selbst fürs Durchstarten entschied.

Vier lange Monate gab es keine tiergestützte Therapie – und damit blieben auch die Einnahmen als Selbstständige aus. Auch ihre Hunde mussten sich umstellen: „Wir sind ganz viel spazieren gegangen“, erzählt Susanne Tingelhoff. Auch den Bewohnern des Seniorenzentrums Altenbeken fehlte der tierische Besuch. Stattdessen galten in der Einrichtung strenge Hygienemaßnahmen und Kontaktbeschränkungen, auch weil es wie berichtet einige aktive Corona-Fälle gegeben hatte: „Die Bewohner fühlten sich isoliert von der Außenwelt. Die kleinen Gespräche haben gefehlt“, erzählt die Hundetrainerin, die direkt neben dem Seniorenzentrum wohnt.

Viele ältere Menschen vermissen Welpe Seppel

Viele der älteren Menschen waren vor allem traurig, weil sie Welpe Seppel nicht beim Aufwachsen beobachten konnten. „Darauf hatten sie sich sehr gefreut“, erzählt die Therapiehunde-Trainerin. Seppel stammt aus den Kitzbüheler Alpen und ist an Nikolaus 2019 bei Susanne Tingelhoff und ihrem Mann Thomas eingezogen, nachdem Labrador Paul im Frühjahr 2019 gestorben war.

Vier Monate hielt Susanne Tingelhoff die Bewohner des Seniorenzentrums mit Postkarten und Fotos über die Entwicklung des Rüden auf dem Laufenden. Mittlerweile hat die Einrichtung ein Hygienekonzept entwickelt, durch das Susanne Tingelhoff mit ihrer tiergestützten Therapie wieder zurückkehren konnte – wenn auch unter strengen Auflagen. „Ich trage Mundschutz und halte Abstand, aber die Hunde dürfen ganz nah an die Bewohner heran. Und das genießen sie.“ Denn genau das hätten die älteren Menschen am allermeisten vermisst: „Sie waren wie ausgehungert nach den Hunden“, beschreibt Tingelhoff die Reaktion. Ihr „kuschelsüchtiger Rüde“ freute sich über extraviele Streicheleinheiten.

„Hunde fangen auf und bewerten Menschen nicht“

Warum ihre beiden Vierbeiner so gut ankommen, kann Susanne Tingelhoff erklären: „Hunde fangen auf und bewerten Menschen nicht, sondern wollen einfach nur gestreichelt werden.“ Oft reiche die einfache Begegnung mit den Tieren. Bürsten und Füttern der Hunde seien zum Beispiel die Lieblingsbeschäftigungen vieler Patienten.

Susanne Tingelhoff hat 2009 mit Labrador Paul die Therapiehundeausbildung absolviert. Seitdem hat sie viel Erfahrung in verschiedenen Bereichen gesammelt. Ob das mit Senioren ist, mit psychosomatisch erkrankten Menschen, im Rehabilitationsbereich oder mit Wachkomapatienten. Bei 18 Fortbildungen hat die Altenbekenerin sich weitergebildet und selbst verschiedene Angebote ausgearbeitet.

Susanne Tingelhoff hat viele neue Ideen

Da gibt es zum Beispiel ihr Programm „Keine Angst vorm großen Hund“, bei dem sie Kindern – und auch Erwachsenen – das richtige Verhalten im Umgang mit Hunden erklärt, Phobien löst und die Teilnehmer einen Hundeführerschein ablegen. Außerdem arbeitet sie mit Menschen, die Angst vor Hunden haben, und gibt Vorträge in der Marcus-Klinik in Bad Driburg. Unter dem Titel „Hunde können Herzen öffnen“ spricht sie dort zum Beispiel am 13. November über Grundlagen tiergestützter Arbeit mit psychisch erkrankten Menschen.

Mittlerweile bildet die Altenbekenerin selbst Therapiehundeteams aus. Derzeit läuft ein Kursus mit acht Teilnehmern. Außerdem bietet sie ein spezielles Programm für Kitas und Schulen an, kümmert sich um Kinder mit Hundephobie und gibt Vorträge an der Volkshochschule Paderborn und der Marcus-Klinik Bad Driburg. Eine neue Idee hat sie auch schon entwickelt: Ein Lesetraining mit Hunden für Kinder ab acht Jahren. Dabei sind drei Kinder und zwei Hunde zusammen. Einer liest vor, während die anderen die Hunde streicheln. So wird die Angst vorm Vorlesen vor anderen abgebaut, ist die 58-Jährige überzeugt: „Damit starte ich 2021.“

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