Marietheres Schäfers (56) ist seit zehn Jahren Schiedsfrau in Altenbeken
Die Streitschlichterin

Altenbeken (WB/som). Zwei Nachbarn streiten sich über eine Hecke, die über den Gartenzaun wächst. Was tun, wenn es einfach keine Einigung gibt? Dann lohnt sich ein Anruf bei Marietheres Schäfers. Sie ist seit zehn Jahren Schiedsfrau in Altenbeken und vom Bund Deutscher Schiedsleute dafür ausgebildet, zwischen zwei streitenden Parteien zu vermitteln. „Es gibt drei Arten von Fällen, bei denen ich tätig werde“, erzählt die 56-Jährige.

Dienstag, 27.10.2020, 03:26 Uhr aktualisiert: 27.10.2020, 03:30 Uhr
Marietheres Schäfers ist seit zehn Jahren Schiedsfrau in der Gemeinde Altenbeken. Die 56-Jährige vermittelt zwischen zerstrittenen Parteien und schlichtet zum Beispiel Nachbarschaftsstreitigkeiten. Sie steht Altenbekenern auch mit Rat zur Seite. Foto: Oliver Schwabe
Marietheres Schäfers ist seit zehn Jahren Schiedsfrau in der Gemeinde Altenbeken. Die 56-Jährige vermittelt zwischen zerstrittenen Parteien und schlichtet zum Beispiel Nachbarschaftsstreitigkeiten. Sie steht Altenbekenern auch mit Rat zur Seite. Foto: Oliver Schwabe

Bei einem Beratungsgespräch berät sie am Telefon, was für Möglichkeiten der Anrufer überhaupt hat. Wenn Marietheres Schäfers auf Wunsch mit der Gegenseite sprechen soll, handelt es sich um einen Tür- und Angelfall. „Häufig hat sich der Fall danach schon erledigt“, schildert die Schiedsfrau ihre Erfahrungen.

„Doch es gibt auch Fälle, bei denen ist Hopfen und Malz verloren“, weiß Schäfers. Dann kann ein Antrag auf Einleitung eines Schiedsverfahrens gestellt werden. Dies ist schriftlich oder mündlich möglich. Marietheres Schäfers lädt dann beide Parteien förmlich ein, meistens zu sich nach Hause. „Man kann dafür aber auch Räume der Gemeinde nutzen“, sagt sie. Beim Treffen schildern beide Parteien ihre eigene Sicht.

Unparteiisch und verständnisvoll

„Als Schiedsfrau bin ich unparteiisch und nur als Moderator anwesend. Das Wichtigste ist, gut zuzuhören, verständnisvoll zu sein und den gesunden Menschenverstand einzusetzen“, beschreibt die Altenbekenerin ihre Aufgabe. Ziel sei immer, eine Lösung zu finden, mit der beide leben können: „Entweder finden die Beteiligten selbst einen Kompromiss oder ich schlage etwas vor.“

Beide Parteien können sich auf einen Vergleich einigen. „Das ist kein Anerkenntnis, dass einer Recht hat, sondern beide Seiten gehen daher aufeinander zu“, erläutert sie. Ein Vergleich muss übrigens nicht dem Recht entsprechen: „Nachbarn können untereinander vereinbaren, was sie wollen. Sie sind frei, was genau das ist. Aber egal, was vereinbart wird: Daraus entstehen Ansprüche“, betont Schäfers. Das heißt: Einer der beiden Parteien kann es sich nicht plötzlich anders überlegen. Ein Vergleich wird schriftlich fixiert und ist bindend. Wird keine Einigung erzielt, stellt sie eine Erfolgslosigkeitsbescheinigung aus. Damit kann dann Klage vorm Amtsgericht erhoben werden.

„Man wird nicht ins kalte Wasser geworfen“

Vor zehn Jahren ist die Altenbekenerin als Stellvertreterin des damaligen Schiedsmannes gestartet. Dadurch kam sie erstmal nur zum Einsatz, wenn er verhindert war oder nicht tätig werden durfte. Auf Schulungen des Bundes Deutscher Schiedsleute ließ sie sich zu Themen wie Nachbarschaftsstreitigkeiten aus- und fortbilden. „Man wird nicht ins kalte Wasser geworfen. Und bei Fragen kann man sich immer an die Amtsgerichte und Schiedsleute anderer Kreise wenden“, fühlt sich die Schiedsfrau gut unterstützt. Nachdem ihr Vorgänger sein Amt aus zeitlichen Gründen abgeben musste, übernahm sie alleine: „Ich suche schon lange einen Stellvertreter. Bislang habe ich noch niemanden gefunden.“

Dabei ist Marietheres Schäfers von der Sinnhaftigkeit des Ehrenamts überzeugt: „Durch das Schiedsamt werden die Gerichte entlastet.“ Die Streitkultur habe sich in den vergangenen Jahren deutlich verändert: „Viele haben heute eine Rechtsschutzversicherung, die die Kosten für ein Verfahren abdeckt. Aber die Frage sollte nicht lauten, wie viel kostet mich das, sondern lohnt sich das überhaupt?“ Nachbarn müssten ja auf Jahrzehnte nebeneinander leben. Der Klageweg könne hier für böses Blut sorgen. Ein Anruf bei der zuständigen Schiedsperson kann erstmal Informationen bringen: „Wir sind zur absoluten Verschwiegenheit verpflichtet. Unser Motto lautet: ‚Schlichten statt richten. Vertragen ist besser als klagen‘“, sagt Schäfers.

Beteiligte werden schon mal ungehalten

Neben Nachbarschaftsstreitigkeiten und anderen bürgerlich rechtlichen Streitigkeiten ist die Schiedsfrau auch für strafrechtliche Bereiche Ansprechpartnerin: Beleidigung, Verletzung des Briefgeheimnisses, üble Nachrede oder Hausfriedensbruch. Wer Privatklage erheben will, der Staatsanwalt aber kein öffentliches Interesse sieht, muss zuerst einen Sühneversuch vor dem Schiedsamt unternehmen. Kommt es zu keiner Einigung, bekommt der Antragsteller von Marietheres Schäfers eine Sühnebescheinigung, mit der er klagen kann.

Meistens schlichtet Marietheres Schäfers Nachbarschaftsstreitigkeiten, bei denen oft Einigungen gefunden werden, verrät sie: „Es gibt natürlich Fälle, bei denen geht es gar nicht um die Eiche, die über das Grundstück ragt, sondern die Gründe liegen viel tiefer“, erzählt sie. Hin und wieder eskaliere die Situation beim Schiedsverfahren, Beteiligte würden laut oder reagierten ungehalten. Schäfers: „Entweder gelingt es mir, wieder eine ruhige, entspannte Atmosphäre herzustellen, oder ich beende das Treffen und setzte einen neuen Termin an.“

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