Sa., 01.09.2018

Bad Lippspringes Bürgermeister Andreas Bee nimmt Stellung zum Thema Elli-Markt und AVK »Verwaltung muss in der Innenstadt bleiben«

Das Bad Lippspringer Rathaus könnte abgerissen und auf der frei werdenden Fläche ein Supermarkt entstehen. Entsprechende Pläne werden derzeit in der Kurstadt kontrovers diskutiert. Entschieden ist allerdings noch nichts.

Das Bad Lippspringer Rathaus könnte abgerissen und auf der frei werdenden Fläche ein Supermarkt entstehen. Entsprechende Pläne werden derzeit in der Kurstadt kontrovers diskutiert. Entschieden ist allerdings noch nichts. Foto: Besim Mazhiqi

Bad Lippspringe (WB). Vor der politischen Sommerpause informierte Bürgermeister Andreas Bee über die Pläne der Lüning-Gruppe, das Rathaus in Bad Lippspringe abzureißen und dort einen Elli-Markt zu bauen. Im Interview mit den WV-Redakteuren Ingo Schmitz und Sonja Möller spricht er über den Stand der Dinge, einen neuen Interessenten und Chancen für die Stadt.

Herr Bee, wie sehen Sie Bad Lippspringe aufgestellt?

Andreas Bee: Wir haben eine wieder erstarkte städtische Klinikgruppe. Wir haben eine erfolgreiche Gartenschau, die in der Region hoch gelobt wird. Und wir haben die Innenstadt. Das gehört alles zusammen. Wir haben eine schöne Fußgängerzone mit teilweise sehr glücklichen Einzelhändlern. Wir müssen uns bemühen, dass diese Geschäfte Bestand haben und uns weiter intensiv um das Leerstandsthema kümmern. Das ist kein Selbstläufer. Das dürfen wir nicht dem Zufall überlassen. Deswegen ist das Thema in der Verwaltungsspitze schon lange, einen Frequenzbringer in die Innenstadt zu bringen. Das sieht auch eine Mehrheit in unserem Stadtrat so.

 

Und die Lösung ist der Elli-Markt?

Bad LIppspringes Bürgermeister Andreas Bee. Foto: Bee: Unsere Achillesferse bleibt unsere Innenstadt. Am 22. Dezember hat die Firma Lüning hier am Tisch gesessen und gesagt: »Wir interessieren uns als Investor für einen Standort in Bad Lippspringe.« Ich habe direkt darauf hingewiesen, dass wir nur über die Innenstadt sprechen können. Wir haben ein Einzelhandels- und Zentrenkonzept, welches die Ansiedlung von innenstadtrelevanten Produkten an den Ortsrändern verbietet. Deswegen sind wir auf den Rathausplatz gekommen. Es gibt nur wenige Stellen, an denen es möglich ist, einen Markt zu verorten und gleichzeitig eine überschaubare Anzahl von Grundstückseigentümern betroffen sind. Das ist hier der Fall.

 

Sie haben also den einen Investor. Oder gibt es auch andere Interessenten mit einem anderen Portfolio?

Bee: Zwischenzeitlich hat sich mit Edeka Mitte ein weiterer Interessent gemeldet. Es stellt sich jetzt die Frage, wie wir uns als Grundstückseigentümer Stadt an den Markt begeben. Wir können nicht sagen, ohne den Wirtschaftlichkeitsgrundsatz zu beachten: »Wer zuerst kommt, mahlt zuerst.« Wenn sich herausstellt, dass von Seiten anderer Branchen Interesse besteht, sind wir offen. Ein Drogeriemarkt ist genauso wenig mit Denkverboten belegt, wie jedes andere Konzept auch.

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Wir haben in Bad Lippspringe jede Menge Discounter, aber nur einen Vollsortimenter

Andreas Bee

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Wir reden über einen Supermarkt, bei dem man sich die Taschen vollpackt und wieder nach Hause fährt. Welchen Frequenzgewinn hätte Bad Lippspringe davon?

Bee: Ich glaube alleine durch das Parkplatzangebot hätte man einen Magneten. Das wäre das Entscheidende. Man hat einen Anlaufpunkt, damit man nicht ausschließlich an den Ortsrand fährt. Mein Hauptaugenmerk liegt dabei nicht auf dem Rathaus. Dass wir es zusammen mit dem Rathausplatz in den Fokus genommen haben, liegt daran, dass woanders in der Innenstadt keine leicht verfügbaren Flächen sind.

 

Gibt es überhaupt Bedarf für einen weiteren Supermarkt?

Bee: Wir haben in Bad Lippspringe jede Menge Discounter, aber nur einen Vollsortimenter. Das ist der Combi. Wenn wir unattraktiv wären, wäre Lüning nicht von sich aus auf uns zugekommen. Und dann wäre auch nicht als nächstes Edeka Mitte gekommen und hätte gesagt, wir möchten auch berücksichtigt werden. Wir haben einen Einwohnerzuwachs von über zehn Prozent in den vergangenen Jahren. 500 neue Arbeitsplätze sind entstanden. In Bezug auf die wenigen Drogerien in der Umgebung sprechen wir über einen ganz anderen Versorgungsgrad. Da schauen wir nach Schlangen, Marienloh, Neuenbeken, Benhausen, vielleicht sogar Altenbeken. Da sprechen wir über mindestens 30.000 Menschen, für die es genau eine Drogerie gibt: Rossmann in Bad Lippspringe.

 

Wir sprechen von einem Kurort. Da möchte man doch Autos eher fernhalten, als sie zusätzlich ins Zentrum zu ziehen?

Bee: Da bin ich nicht ganz Ihrer Meinung. Sie müssen heute den Menschen sehr nahe Parkplätze anbieten. Jeder will am liebsten mit seinem Auto ins Geschäft fahren. Wir sehen das an den Bäckereien, die an Ortsrändern liegen. Das wird immer populärer. Wir müssen als Innenstädte dagegen halten. Wir müssen es schaffen, dass die Menschen sehr nah an der Innenstadt parken können, weil sie durch ihr Verbraucherverhalten zeigen, dass sie genau das wünschen. Es scheint so zu sein, dass unser Bad Lippspringe – keine Dörfer, fast 17.000 Einwohner – das Potenzial für einen zweiten Vollsortimenter bietet. Aber aufgrund der Ratsvorgabe eben nur in der Innenstadt. Selbstverständlich kämen Belastungen auf die Innenstadt zu, aber den Status als heilklimatischer Kurort oder das Heilklima sehe ich nicht ansatzweise in Gefahr.

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Man hatte mal gedacht, mit der Verwaltung in die Auguste-Viktoria-Klinik zu gehen, aber ich glaube, dass diese Gedanken nicht tragen werden

Andreas Bee

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Ein Supermarktparkplatz hat eine andere Dynamik als ein Besucherparkplatz, auf dem ich mein Auto abstelle und durch die Innenstadt flaniere.

Bee: Alles hat seinen Preis. Wenn man davon ausgeht, dass unsere Innenstadt für den dauerhaften Bestand einen Frequenzbringer braucht mit einem leicht zu findenden Parkplatz, bringt das auch Nachteile mit sich, die vor allem diejenigen betreffen, die in der Nähe wohnen. Aber dafür wohnen sie in der Innenstadt.

 

Wäre es denkbar, dass Sie sich nicht auf einen Investor festlegen, sondern auf einen Projektentwickler, der die Fläche entwickelt?

Bee: Das beantworte ich mit einem glasklaren Ja. Das ist meine persönliche Meinung. Ich weiß aber nicht, wie der Stadtrat das sieht. Die Mitglieder müssen sich erst mal mit dem Thema auseinander setzen. Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass das ein weiterer Schritt sein könnte.

 

Stellen wir uns vor, das Rathaus würde tatsächlich abgerissen. Gibt es schon Überlegungen für eine Interimslösung?

Bee: Soweit habe ich mich noch nicht nach vorne gewagt. Als wir uns damals mit dem Gedanken beschäftigt haben, uns für die Landesgartenschau zu bewerben, haben wir viel Öffentlichkeitsarbeit gemacht. Haben Bürgerversammlungen durchgeführt und gefragt, wie groß das Interesse ist. Man müsste erst mal ein solches Meinungsbild abwarten. Dann müssen wir uns mit Fragen wie Verkehrskonzeption oder Interimslösung für die Verwaltung beschäftigen. Das können Stolpersteine sein, die das Projekt am Ende noch scheitern lassen. Das ist schon ein dickes Brett. Aber wir können das Brett nur dann bohren, wenn wir die Bohrmaschine in die Hand nehmen. Man hatte mal gedacht, mit der Verwaltung in die Auguste-Viktoria-Klinik zu gehen, aber ich glaube, dass diese Gedanken nicht tragen werden.

WDR5-Stadtgespräch

WDR 5 sendet in der Veranstaltungsreihe »Stadtgespräch« am Donnerstag, 6. September, aus Bad Lippspringe. Eine Stunde lang – von 20 bis 21 Uhr – diskutieren Gäste und Publikum im Kongresshaus über das Thema »Supermarkt statt Rathaus – ist das die Lösung?« Angekündigt sind als Gäste auf dem Podium Bürgermeister Andreas Bee, Jan Heinisch (Ministerium für Heimat, Kommunales, Bau), Katharina Lücke (Bürgerinitiative gegen Ratshausabriss) und Barbara Thüer (Netzwerk Innenstadt NRW). Der Eintritt ist frei.

 

Warum schließen Sie die Auguste-Viktoria-Klinik als Standort der Verwaltung aus?

Bee: Ich glaube, dass die Investitionsausgaben für die dort vorhandenen Räume exorbitant hoch wären, um diese in eine moderne Verwaltung zu verwandeln. Ich glaube außerdem, dass unsere Stadtverwaltung, unser Rathaus, in der Innenstadt bleiben muss. Und viel zentraler als bei uns könnte dies gar nicht sein. Wir sind der zentrale öffentliche Dienstleister. Das muss man am Standort manifestieren.

 

Können Sie sich eine Bürgerbefragung für Bad Lippspringe vorstellen?

Bee: Absolut. In der Gemeindeordnung gibt es entsprechende Regelungen. Ein solches Instrument müsste aus der Bürgerschaft kommen. Mein Eindruck ist, dass die Elli-Markt-Pläne das Hauptgesprächsthema in Bad Lippspringe sind. Aber es ist nicht so, dass dies von der überwiegenden Mehrheit verteufelt wird. Es gibt sehr viele Bad Lippspringer, die sagen: Lasst uns mal weiter darüber nachdenken. Die Gegner scheinen sich auf eine gefühlt nicht allzu große Gruppe Menschen zu konzentrieren. Wenn ein Riesenprotestgebrüll losgegangen wäre, hätte der Stadtrat schon gesagt: »Bee, dieses Thema begrab mal ganz schnell wieder.« Aber das war nicht der Fall. Ich verfolge nicht, was auf Facebook los ist. Ich will mich nicht mit Einzelmeinungen beschäftigen, weil man dann persönliche Zielscheibe ist. Aber wenn eine Riesenprotestwelle unterwegs wäre, hätten wir das hier schon gespürt. Ein Beispiel: Vor einigen Jahren hatten wir in Bad Lippspringe das Guerilla Knitting, das Umhäkeln von Bäumen durch eine Frauengruppe. Ich habe die Bäume zur Verfügung gestellt und die Frauen haben diese rundherum behäkelt. Das war ein schönes, buntes Bild. Damals war der Protest gegen diese Aktion größer als das, was wir jetzt im Rathaus gegen den Elli-Markt spüren.

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Ich bin überzeugt davon, dass in der Sache noch viel mehr Dynamik liegt, als wir im Moment einschätzen können

Andreas Bee

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Sie haben gesagt, das Rathaus muss saniert werden. Was genau steht dabei an?

Bee: Wenn man sich das Rathaus genau anguckt, merkt man schnell, dass hier einiges zu tun ist. Man muss sich Gedanken machen, wie und wann man das Rathaus modernisiert. Wir haben so viele weitere, große Investitionserfordernisse: das Freibad, das Feuerwehrgerätehaus. Wir erweitern gerade unsere Schulen. Deswegen ist die Frage, ob man am Rathaus weiter flickschustern will und sagt, es sieht von außen schön aus, weil so schöne Blumenkästen vorhanden sind. Oder ob man sich mal mit dem großen Wurf beschäftigt.

 

Als Mieter des neuen Gebäudes würden Sie die Unterhaltungskosten sparen. Das würde sich auch in der Bilanz auswirken.

Bee: Nach meinem Dafürhalten ist ein Sale-and-lease-back-Modell denkbar. Noch eher könnte ich mir aber ein Eigentümerbeteiligungsmodell vorstellen. Dann hätte die Stadt weiter den Daumen auf der Liegenschaft.

 

Von welchem Areal genau sprechen wir bei den Plänen der Lüning-Gruppe?

Bee: Es fängt an beim Löwen und endet am übernächsten Haus direkt hinter dem Rathaus-Anbau. Insgesamt sind drei Eigentümer betroffen. So kommen wir auf 7000 Quadratmeter bei einem Verbrauchermarkt mit 1700 Quadratmeter Verkaufsfläche.

 

Wie sind die Reaktionen der Betroffenen?

Bee: Es hat grundsätzliche Verkaufsbereitschaft bestanden. Die habe ich abgefragt, bevor wir an die Öffentlichkeit gegangen sind. Zwischenzeitlich hat es bei einem der Eigentümer ein gewisses Umdenken gegeben. Genaueres weiß ich allerdings nicht. Mit denen müsste die Firma Lüning im Gespräch sein. Nun ist es die Aufgabe der Firma Lüning, entsprechende Gespräche zu führen. Wenn es hier konkrete Lösungen gibt, nehmen wir das Thema wieder auf.

 

Wie ist das weitere Vorgehen?

Bee: Wir betreiben weiter öffentliche Aufklärung. Ich bin überzeugt davon, dass in der Sache noch viel mehr Dynamik liegt, als wir im Moment einschätzen können. Ein Ratsbeschluss wird erst möglich sein, wenn dem Rat entsprechende Fakten vorliegen. Um diese zusammenzutragen, ist es noch ein langer Weg. Erst wenn diese immer konkreteren Erkenntnisse vorliegen, kann man einen konkreten Beschluss fassen. Wenn aber plötzlich erkennbare Unwägbarkeiten auftreten, können wir das Projekt zu jedem Zeitpunkt über den Haufen werfen. Wir bringen keinen Stein ins Rollen, den hinterher keiner mehr aufhalten kann.

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