Do., 23.05.2019

Arbeitskreis Stolpersteine will an Opfer der NS-Verbrechen in Bad Lippspringe erinnern Tatorte mitten in der Stadt

Der Arbeitskreis Stolpersteine hatte zu einem Spaziergang eingeladen, bei dem Wohnorte von jüdischen Opfern im 3. Reich sowie Tatorte der NS-Verbrechen aufgesucht wurden. Ludwig Mikus (3. von rechts) schilderte die Hintergründe.

Der Arbeitskreis Stolpersteine hatte zu einem Spaziergang eingeladen, bei dem Wohnorte von jüdischen Opfern im 3. Reich sowie Tatorte der NS-Verbrechen aufgesucht wurden. Ludwig Mikus (3. von rechts) schilderte die Hintergründe. Foto: Sonja Möller

Von Sonja Möller

Bad Lippspringe (WB). Ein Gedenkstein an der Kurparkstraße erinnert an die jüdischen Opfer der NS-Verbrechen im Dritten Reich. Bald sollen viele kleine Metalltäfelchen folgen, die an mehreren Orten in der Kurstadt auf dem Bürgersteig angebracht werden. Sie tragen die Namen der Juden, die Opfer des NS-Regimes wurden.

Bei einem Spaziergang haben sich etwa 50 Teilnehmer einige der damaligen Wohnorte der Juden und auch Tatorte angeschaut. Ludwig Mikus führte die Gruppe auf Einladung des Arbeitskreises Stolpersteine herum. Der 68-Jährige hatte 50 Jahre nach der Reichskristallnacht 1938 angeregt, mit einem Gedenkstein an die jüdischen Opfer der NS-Diktatur zu erinnern. Dieser Stein steht auf dem Platz der ehemaligen Synagoge. »Hier stand früher ein Kaufhaus, das der jüdischen Gemeinde als Bethaus überlassen worden war. Eine eigene Synagoge gab es nicht«, erläuterte er.

»Lebendige Gemeinde, in der es keine Probleme mit Ortsansässigen gab«

Der erste Jude sei am 20. Oktober 1811 in der Bad Lippspringer Bevölkerung aufgenommen worden. Mehrere jüdische Familien siedelten sich in der Badestadt an. »Die jüdische Gemeinde hatte aber nie mehr als 50 Mitglieder. Es war eine lebendige Gemeinde, in der es keine Probleme mit den Ortsansässigen gab«, erläuterte Ludwig Mikus.

Der Bad Lippspringer leitete die Spaziergänger zur Lippequelle. Dort erzählte er, dass sich das gute Verhältnis zwischen Juden und Deutschen mit der Machtergreifung der Nazis änderte: »Hier mitten im Ort an der Quelle war der Tatort eines besonders abscheulichen Verbrechens. Am 9. November 1938 haben Nationalsozialisten um Mitternacht jüdische Männer aus ihren Wohnungen geholt, gedemütigt, misshandelt und ins eiskalte Wasser geworfen. Die Temperatur lag um den Gefrierpunkt. Sie wurden 20 Minuten lang immer wieder mit vorgehaltener Waffe hineingetrieben«, fasste Mikus die Überlieferungen der damaligen Zeugen zusammen. Aus Mangel an Beweisen seien die Täter 1949 freigesprochen worden. »Sie gaben vor Gericht an, sie hätten den Juden schwimmen beibringen wollen und sie getauft«, erzählt Ludwig Mikus.

Kolonialwarengeschäft an der Lange Straße

An der Lange Straße, Ecke Brunnenstraße betrieb Max Meyer ein Kolonialwarengeschäft, das er in den Zwanzigern von seinem Vater übernommen hatte. Mikus: »Bereits 1934 wurde er gezwungen, seinen Laden in arischen Besitz zu überführen.« Bewegend war auch das Schicksal Albert Lorchs, der 1934 bei einem Verkehrsunfall ums Leben kam. »Er war Fan und Vorstandsmitglied des BV Lippspringe. Doch bei seiner Beerdigung ließ sich keiner seiner früheren Sportkameraden blicken. Der damalige Vorsitzende Hugo Aldegarmann, SS-Arzt und -Sturmbannführer, hatte es verboten und mit Vereinsausschluss gedroht«, kannte Mikus den Grund.

Der Bad Lippspringer wusste viel über die jüdischen Familien und deren verwandtschaftlichen Grade untereinander zu berichten. Mehrfach rückte er dabei in den Fokus, dass die Verbrechen an den Juden damals unter aller Augen stattfanden: »Die Taten waren alles andere als human, wie dies später übermittelt wurde.«

Die Stolpersteine sind eine Aktion in mehreren Ländern, die der Künstler Gunter Demnig initiiert hat. Auch Bad Lippspringe will sich daran beteiligen und die Erinnerung an die Juden wachhalten, nachdem sie durch den NS-Terror oft zu Nummern degradiert wurden. Dem Arbeitskreis gehören Mitglieder aus Politik, Kirchen, Religionsgemeinschaften, Vereinen, Verwaltung und Privatpersonen an. Die ersten 18 Stolpersteine werden am 10. Juli verlegt. Mehr über die Geschichten der jüdischen Familien und zum Arbeitskreis gibt es im hier.

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