Do., 20.06.2019

15-Jährige macht widersprüchliche Aussage Missbrauchsfall bleibt rätselhaft

Symbolbild

Symbolbild Foto: dpa

Von Ulrich Pfaff

Bad Lippspringe/Paderborn (WB). Missbrauch oder Fantasie? Der Antwort auf diese Frage ist das Landgericht Paderborn nach zehn Zeugen und fast sieben Stunden Verhandlungsdauer noch nicht nahe genug gekommen, um ein Urteil zu fällen. Angeklagt ist ein 38 Jahre alter Familienvater – er soll eine Zwölfjährige mehrmals sexuell missbraucht haben.

Die Taten sollen 2015 in Bad Lippspringe abgespielt haben. Das jetzt 15 Jahre alte Mädchen beschuldigt den 38-Jährigen, sich mehrmals an ihm vergangen zu haben, wenn sie bei der Familie zu Besuch war.

Bereits am ersten Prozesstag waren die Vorwürfe nicht wirklich zu er­härten: Das Mädchen schilderte die Übergriffe anders als bei der Polizei, auch die Aussagen der Eltern der 15-Jährigen konnten wenig zur Aufklärung beitragen.

Steifkinder widersprechen dem mutmaßlichen Opfer

Gar in krassem Widerspruch zu der Darstellung des mutmaß­lichen Opfers standen jetzt die Schilderungen der Stiefkinder des Angeklagten, die damals mit der Schülerin befreundet waren: Sie seien niemals alleine mit dem Hund zum Gassi-Gehen geschickt worden, so dass die 12-Jährige mit dem Angeklagten alleine geblieben wäre, gab der 19-jährige Stiefsohn zu Protokoll.

Das aber hatte die 15-Jährige behauptet, wenn die Sprache auf den direkten Ablauf der Taten kam. Auf dem Schoß des 38-Jährigen habe das Mädchen selbst gerne gesessen, weil sie eifersüchtig auf ihre Freundin gewesen sei. Die Oma der Familie konnte bestätigen, was Schulfreundinnen über das Opfer aussagen: Dass sie gerne im Mittelpunkt stehe und auch die Unwahrheit sage.

Schon zuvor falsche Anschuldigungen?

Denn einmal habe das Mädchen behauptet, sie würde von ihrem eigenen Stiefvater »angepackt«: Als die 70-Jährige mehrfach insistierend nachfragte, habe das Mädchen zugegeben, gelogen zu haben – sie wolle dem Stiefvater eins auswischen, weil der immer so streng zu ihr sei.

Reichlich Mühe gab sich die Jugendkammer, um auf dem Handy einer Mitschülerin einen Chatverlauf nachzuvollziehen: Darin ging es um die Zeugenaussagen von Schulfreundinnen bei der Polizei, nachdem die Mutter der 15-Jährigen im vergangenen November Anzeige erstattet hatte.

Der Chat klingt stellenweise so, als wolle das Opfer die Zeuginnen zu bestimmten Darstellungen bewegen. Die Mutter einer »Sandkastenfreundin« des Mädchens sagte frei heraus: »Ich weiß, dass sie sich gerne etwas ausdenkt. Sie hat früher oft gelogen, um Aufmerksamkeit zu bekommen.«

Die 15-Jährige musste selbst erneut in den Zeugenstand, eindringlich ermahnt von Richterin Dr. Tabea Rustemeyer, die Wahrheit zu sagen: »Wir müssen Dir glauben. Aber wir haben Nach­fragen, und Du hast jetzt Gelegenheit, das zu korrigieren, was Du bisher gesagt hast.«

Vage, abweichend und widersprüchlich

Die Aussage der 15-Jährigen blieb aber nicht nur genauso vage, abweichend und widersprüchlich wie zuvor: Es habe noch einen weiteren Übergriff des 38-Jährigen gegeben, erklärte das Mädchen – den habe sie jedoch bisher vergessen, und es sei ihr erst wieder eingefallen, als eine Freundin ihr nach dem ersten Prozesstag davon erzählt habe.

Bis zum nächsten Verhandlungstag am 28. Juni wird sich die Jugendkammer Gedanken machen, wie sie mit den bisherigen Zeugenaussagen umgehen will. Dann soll das Urteil fallen.

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