Mo., 14.10.2019

Spurensuche im Kreis Paderborn: Als Berlin und Konstantinopel gemeinsam Muslime gegen Christen aufhetzten Der Dschihad aus dem Kaiserreich

Das Sennelager war 1914 einer der Sammelpunkte für gefangene Franzosen und deren Verbündete. Darunter waren vermutlich einige tausend Marokkaner und Tunesier.

Das Sennelager war 1914 einer der Sammelpunkte für gefangene Franzosen und deren Verbündete. Darunter waren vermutlich einige tausend Marokkaner und Tunesier. Foto: Stadtarchiv Paderborn

Von Reinhard Brockmann

Bad Lippspringe/Berlin (WB). Ein Kriegsgefangen­en­lager bei Paderborn spielt eine Rolle in einer kaum bekannten Geschichte aus dem Kaiserreich, an deren Ende ein Völkermord stand.

Postkarten von 1914 mit gefangenen Franzosen und Verbündeten: Noch nie zuvor hatten die meisten Westfalen dunkelhäutige Nordafrikaner gesehen. Das Kaiserreich wollte die Muslime unter ihnen instrumentalisieren. Eine der größten Internierungseinrichtungen im Reich war das Sennelager bei Paderborn. Foto: Stadtarchiv Paderborn

Zum Beginn des Ersten Weltkriegs entwickelte Deutschland einen Plan, der zur Vernichtung von 1,5 Millionen Christen führte. Das Kaiserreich war als Verbündeter des Osmanischen Reiches maßgeblich an der Ausrufung des ersten Heiligen Kriegs der Neuzeit beteiligt. »El Dschihad – Zeitung für die muhammedanischen Kriegsgefangenen« lautete der Titel einer wiederkehrenden Propagandaschrift, die in einem »geheimen Nachrichtenbüro« in Berlin aufgelegt wurde. Die Redaktion hatte ihren Sitz im Gebäude des heutigen KaDeWe an der Tauentzienstraße.

Verteilt wurde die Zeitung, die bis zum Kriegsende erschien, in Gefangenenlagern, in denen muslimische Soldaten festgehalten wurden. Eine der größten Internierungseinrichtungen im Reich war das Sennelager bei Paderborn. Dort hielten sich neben französischen Gefangenen ständig hunderte, vermutlich sogar tausende so genannte Senegalschützen auf. In Postkarten wurden sie zur Schau gestellt. Im Hochstift Paderborn waren die Nordafrikaner – meist aus Marokko und Tunesien – eine bestaunte Sensation. Die wenigsten Menschen hatten hierzulande schon einmal Farbige gesehen.

Türkische Truppen sollten das Zarenreich bedrängen

Grundlage des Aufrufs zum Dschihad war eine 140 Seiten starke Denkschrift, die der Orientalist und Archäologe Max von Oppenheim verfasst hatte. Unter dem Titel »Über die Revolutionierung der islamischen Gebiete unserer Feinde« schrieb von Oppenheim an Kaiser Wilhelm II.: »Wir müssen die Muslime dazu bewegen, den Heiligen Krieg auszurufen, damit sich die Hilfstruppen aus Nordafrika und die muslimischen Inder gegen unsere Feinde erheben.« Hintergedanke: Türkische Truppen sollten das Zarenreich bedrängen, über Persien und Afghanistan die britischen Kolonialgebiete in Indien bedrohen und via Ägypten Briten und Franzosen in Afrika unter Druck setzen.

Aus Konstantinopel, dem heutigen Istanbul, kam prompt Schützenhilfe. Armenier und andere christliche Minderheiten würden dem Sultan untreu, kabelte die »Hohe Pforte« genannte osmanische Führung nach Berlin. Die Volksgruppen müssten umgesiedelt werden, um den Kriegserfolg gegen Russland, Frankreich und England im Osten nicht zu gefährden, hieß es. Schon 1898 hatte sich der deutsche Kaiser am Grab von Sultan Saladin in Damaskus zum »Freund der dreihundert Millionen Mohammedaner« erklärt. Das Osmanische Reich, inzwischen angeführt von den so genannten Jungtürken, übernahm am 24. April 1915 den Vorschlag aus Berlin: die gezielte Auslöschung von Christen. Man warf ihnen Kooperation mit dem Kriegsgegner Russland vor.

Gemetzel an Frauen, Kindern, Alten und Kranken

Das politische Signal hatte verheerende Folgen: ein Gemetzel an Frauen, Kindern, Alten und Kranken im Bereich der heutigen Südosttürkei. Kurdische Stämme fielen ebenso über Aramäer, Assyrer und Pontos-Griechen her wie reguläre Truppen. »Die traten wie die SS-Totenkopf-Verbände in Russland im Zweiten Weltkrieg auf«, sagt die deutsche Historikerin Gabriele Yonan.

Ohne Erfolg blieben verzweifelte Versuche deutscher Protestanten, die Massaker zu stoppen. Ein wesentlicher Beleg in der Forschung ist ein Schreiben von Pfarrer Otto Wendt aus Lerbeck (heute Porta Westfalica). Er berichtete dem Auswärtigen Amt in Berlin, was er von seinem Schwiegersohn aus Mardin erfahren hatte. Der junge Mann gehörte dem assyrischen Volk an, hatte Wendts Tochter geheiratet und sprach fließend Deutsch. Hohe Militärs in Berlin ließen Wendt aber abblitzen. Begründung: Es gebe höhere Kriegsziele als den Schutz von Minderheiten in Ostanatolien.

Hilfstruppen sollten zur Rebellion angestachelt werden

Akten aus dem Kaiserreich und aus dem Osmanischen Archiv in Istanbul dokumentieren die Kriegsstrategie. Die muslimischen Hilfstruppen aus den Kolonialgebieten Frankreichs und Großbritanniens sollten zur Rebellion angestachelt werden. Deshalb wurde die in Berlin gedruckte Propaganda-Zeitschrift »El Dschihad« auch hinter die feindlichen Linien gebracht. Auf allen Propagandakanälen wurde die Idee gestreut.

Das eigentliche Ziel, eine Rebellion aller muslimischen Hilfstruppen auf britischer und französischer Seite, wurde verfehlt. Die Verfolgung von Christen und Juden im Osten der heutigen Türkei fand allerdings statt. Mindestens 1,5 Millionen Menschen kamen 1915 um. Das bestätigt Schamiram Ayaz aus Bad Lippspringe in einer international anerkannten Kinodokumentation. Ihr mit dem Berliner Filmemacher Aziz Said produzierter Film »Seyfo 1915 – Der assyrische Genozid« war bereits in Schweden, den Niederlanden und in deutschen Kinos zu sehen.

Enkelgeneration erzählt Dutzende privater Geschichten

Im Film erzählt eine europaweite Enkelgeneration Dutzende ganz privater Geschichten. In einer Familie starben neun, in einer anderen 15 Mitglieder bei der Christenverfolgung durch türkische Soldaten und kurdische Stämme. Auf Todesmärschen verschwanden Väter und Onkel. In Lagern wurden Mädchen und Frauen erst missbraucht und dann in den Tigris geworfen.

Es sei nicht einfach gewesen, in aller Sachlichkeit die harten Fakten vorzutragen, erzählt Journalistin Ayaz: »Im Film musste ich stark bleiben.« Am erschütterndsten waren für sie Aufnahmen in einem Tal, in dem das »Bataillon der Schlächter« unter dem gefürchteten General »Halil Bey« hunderte Männer hinrichtete. Die Tränen kamen oft erst, wenn die Kamera nicht mehr lief.

Kommentare

Und? Was soll das jetzt? Das ist ewig her und bringt uns auch nicht weiter.

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