So., 02.02.2020

Hausarzt sieht erhebliche Gesundheitsgefahren – Industrie widerspricht – mit Kommentar Windkraft und Infraschall

Lichtenau hat mit 170 Windrädern die meisten im Kreis Paderborn.

Lichtenau hat mit 170 Windrädern die meisten im Kreis Paderborn. Foto: Jörn Hannemann

Von Matthias Band

Paderborn/Bad Lippspringe (WB). Einige der 100 Menschen müssen stehen, so voll ist der Tagungsraum im Prinzen­palais. Sie alle sind gekommen, um sich anzuhören, was der Hausarzt Dr. Stephan Kaula aus Bad Homburg über die Gesundheitsgefahren zu sagen hat, die vom Schall von Windrädern ausgehen sollen. Kaula ist auf Einladung der Bürgerinitiative Lärmstopp-Eggevorland und des Vereins Vernunftkraft NRW nach Bad Lippspringe gekommen.

Dr. Stephan Kaula (Mitte) sprach in Bad Lippspringe. Volker Tschischke (links) und Heiner Brinkmann vom Vorstand des Vereins Vernunftkraft NRW begrüßten ihn im Prinzenpalais. Foto: Band Foto: Matthias Band

Der Mediziner sagt, dass er selbst betroffen sei. Deswegen habe er damit begonnen, sich mit dem Thema zu befassen. Die Menschen im Prinzenpalais sind um ihre Gesundheit besorgt, das merkt man nach wenigen Minuten. Aufmerksam hören sie dem Arzt zu, der sagt, dass Deutschland die höchste Dichte von Windenergieanlagen an Land auf der ganzen Welt habe und dass das Problem mit dem Infraschall ein massives sei. 120 Fälle hat Kaula nach eigenen Angaben dokumentiert.

Schlafstörung, Schwindel, Kopfschmerzen

Er zeigt einen Film, in dem Betroffene zu Wort kommen. Sie erzählen von Schlafstörungen, Ohrdruck, Kopfschmerzen, Schwindel, auch die Kühe hätten Probleme, sagt ein Landwirt. Manche Menschen geben an, umgezogen zu sein, weil sie es nicht mehr ausgehalten hätten in der Nähe der Windräder. Kaula schätzt, dass 190.000 Menschen in Deutschland durch Windkraft erkrankt seien.

Im Kreis Paderborn sind derzeit 493 Anlagen in Betrieb, 30 weitere genehmigt, 84 in Planung. Das ist gut die Hälfte der Windräder in OWL. Lange sei fälschlicherweise bestritten worden, sagt Kaula, dass der von Windrädern erzeugte Infraschall wahrnehmbar, geschweige denn schädlich sei. Untersuchungen zeigten darüber hinaus, dass der Infraschall nicht nach wenigen Metern verschwunden sei. Doch was ist Infraschall eigentlich?

Der durchschnittliche Mensch kann Töne mit einer Frequenz zwischen 20 und 20.000 Hertz (Schwingungen pro Sekunde) hören. Die nicht hörbaren Töne darüber werden als Ultraschall bezeichnet, die Töne unterhalb des Bereichs als Infraschall. Infraschall wird in der Natur zum Beispiel durch Erdbeben, Meeresbrandung, Sturm und Gewitter erzeugt. Aber auch Kühlschränke, Wärmepumpen, Waschmaschinen, Automotoren und Wind­räder produzieren ihn. Wir können diese Schwingungen nicht hören, unser Körper kann sie dennoch wahrnehmen.

Was bewirkt Repowering?

Betroffene sagen, es sei ein Spüren, wie ein tiefes Brummen. Kaula behauptet, dass das Repowering, also das Ersetzen alter durch höhere und leistungsstärkere Anlagen, das Problem verschlimmert habe.

Tatsächlich mehren sich die Hinweise aus Wissenschaft und Medizin, dass Infraschall die Gesundheit beeinträchtigen kann. Eine allgemein anerkannte wissenschaftliche Aussage zur Gefahr von Infraschall durch Windräder gibt es aber bis heute nicht. Interessant ist eine Studie der University of Auckland. Sie zeigt, dass negative Informationen über Windräder ungute Erwartungen aus­lösen können. Dabei handelt es sich um den Nocebo-Effekt, bei dem im Gegenteil zum Placebo-Effekt der Glaube an eine gesundheitsschädigende Wirkung die Symptome verschlimmert. Allein die Psyche erklärt die Beschwerden vermutlich nicht.

Die Windkraftindustrie weist Kaulas Vorwürfe und die anderer Windkraftgegner zurück. Der größte deutsche Hersteller von Windrädern, Enercon, teilte auf Anfrage mit: „Alle uns bekannten Untersuchungen besagen, dass von Windenergieanlagen keine Gesundheitsgefährdung oder Beeinträchtigung durch Infraschall ausgeht. Um negative Auswirkungen zu haben, müsste bei tieffrequenten Tönen der Schalldruckpegel sehr hoch sein.“ Diese Pegel erreichten die Anlagen aufgrund der Mindestentfernungen zur Wohnbebauung aber nicht. Enercon beruft sich auf eine Studie der Landesanstalt für Umwelt in Baden-Württemberg, die den Infraschall von Haushaltsgeräten mit den Infraschall-Emissionen von Windkraftanlagen verglichen hat. Demnach sei der von einer Waschmaschine oder Ölheizung ausgehende Infraschall genauso hoch beziehungsweise höher als die Infraschall-Emission eines Windrades in 300 Meter Entfernung.

Es fehlen Langzeitstudien

Der Kreis Paderborn als Genehmigungsbehörde verweist auf ein Papier des NRW-Umweltministeriums. Dort heißt es: „Die Infraschall-Pegel in der Umgebung von Windenergieanlagen liegen bereits im Nahbereich, das heißt bei Abständen zwischen 150 und 300 Metern von der Anlage, deutlich unterhalb der menschlichen Hör- beziehungsweise Wahrnehmungsschwelle.“ Das heißt im Klartext: Es wird zwar ein Lärmgutachten erstellt, der Infraschall ist im Genehmigungsverfahren aber außen vor, weil man ihn nicht hören kann. Das Umweltbundesamt bemängelt, dass noch Langzeitstudien fehlten, die über chronische Effekte von Infraschallbelastung Aufschluss geben könnten. Die Frage, ob Infraschall krank macht, ist in Deutschland bislang auch noch nicht von einem Gericht entschieden worden. Allerdings klagen aktuell drei Windkraftgegner vor dem Oberlandesgericht Hamm.

Zu einer intensiven Diskussion kommt es im Prinzenpalais übrigens nicht. Kaula, der der Politik Untätigkeit vorwirft, konstatiert am Ende: „Unser System versagt. Wir Bürger sind gefordert.“

Kommentar

Verschwörungstheorien haben zurzeit Hochkonjunktur. Da passt es ins Bild, dass einige der Zuhörer im Prinzenpalais offenkundig der Meinung sind, dass die Bundesregierung und die Medien die Auswirkungen des Infraschalls unter den Teppich kehren wollten, weil das nicht zum Primat der Energiewende passe. Das ist selbstverständlich Blödsinn. Trotzdem gilt es, die Sorgen der Menschen bezüglich der Windkraft ernst zu nehmen, die Probleme direkt Betroffener umso mehr. Jeder, der nicht in der Nähe einer Windkraftanlage lebt, sollte nicht vorschnell urteilen. Vielleicht gibt es ja doch einen Zusammenhang zwischen den Erkrankungen und dem Infraschall der Windräder. Auf jeden Fall bedarf es weiterer Forschungen. Und vielleicht bringt auch das Oberlandesgericht Hamm mehr Licht ins Dunkel, wenn es demnächst die drei Klagen aus NRW verhandelt. Matthias Band

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