Sa., 09.05.2020

Forschungsprojekt im Waldnaturschutzgebiet Egge-Nord bei Bad Lippspringe Volkszählung bei den Insekten

Michael Meyer zeigt eine Becherfalle. Er und Michael Elmer, Christoph Scherber, Andreas Bathe und Roland Schockemöhle (hinten von links) studieren den Wald.

Michael Meyer zeigt eine Becherfalle. Er und Michael Elmer, Christoph Scherber, Andreas Bathe und Roland Schockemöhle (hinten von links) studieren den Wald. Foto: Oliver Schwabe

Von Dietmar Kemper

Bad Lippspringe (WB). Vorsicht, Falle! Seit Freitagabend dokumentieren Leonie Bronkalla und Jonas Wiedemann im Waldnaturschutzgebiet Egge-Nord die Insektenvielfalt im Wald. Alle zwei Wochen bauen die Studenten des Instituts für Landschaftsökologie der Universität Münster ihre Lichtfalle auf. Nach Sonnenuntergang stülpen sie ein Netz über eine leuchtende Lampe und locken Nachtfalter an.

Auch Michael Meyer, der wissenschaftliche Mitarbeiter des Projektleiters Christoph Scherber, geht in den nächsten Monaten regelmäßig in den Wald bei Bad Lippspringe und stellt Becherfallen mit einer alkoholhaltigen Flüssigkeit auf, um die Zahl der krabbelnden Arten zu ermitteln.

Wie lässt sich die Biodiversität im Wald erhöhen?

Am Freitag begann ein zweijähriges, vom NRW-Umweltministerium finanziertes Forschungsprojekt über die Lebensbedingungen und die Vorkommen von Insekten im Wald. Dabei arbeitet der Professor für Tierökologie der Universität Münster, Christoph Scherber, eng mit dem Regionalforstamt Hochstift des Landesbetriebs Wald und Holz und dessen Experten für Waldnaturschutz, Michael Elmer, zusammen. Die Leitfrage beschrieb Christoph Scherber so: „Welche Waldstrukturen sind für die Biodiversität förderlich?“

Schätzungsweise 25.000 Insektenarten in NRW

Elmer und er wollen herausfinden, wie Baum- und Bodenarten, Licht und Schatten, das Alter eines Baumbestandes, Totholz sowie der Unterschied zwischen bewirtschafteten und stillgelegten Waldflächen sich auf fliegende, nachtaktive und auf dem Boden krabbelnde Insekten auswirken. Und natürlich auch, welche der geschätzt 25.000 Insektenarten in Nordrhein-Westfalen auch im nördlichen Eggegebirge vorkommen. An 24 Standorten auf einer 1500 Hektar großen Fläche stellen die Experten Fallen auf und werten die Daten aus. Der heimische Förster Andreas Bathe wird sie dabei unterstützen.

Warum so viel Aufwand für Käfer, Spinnen, Fliegen, Wespen, Wanzen und Nachtfalter? „Insekten sind Nahrungsquelle für andere Organismen, Vögel sind auf sie angewiesen“, betonte Christoph Scherber. Außerdem spielten sie als Bestäuber eine wichtige Rolle und sorgten für Zersetzungsprozesse, so dass man zum Beispiel nicht im Laub versinke. Außerdem halte eine bunte, vitale Insektengemeinschaft Schädlinge in Schach.

Zusammenhängendes Waldstück mit altem Buchenbestand

Weil sich die Öffentlichkeit auf die Corona-Pandemie konzentriere, sei das zuvor große Interesse am Rückgang der Insekten in den Hintergrund geraten, sagte der Leiter des Regionalforstamts Hochstift, Roland Schockemöhle. Das Waldnaturschutzgebiet Egge-Nord sei deshalb als Standort für die Studie ausgesucht worden, weil es durch alte Buchenbestände und Baumstrukturen, bewirtschaftete und stillgelegte Flächen sowie die Topografie mit Ebenen und Höhen etwas ganz Besonderes darstelle. Hinzu komme der zusammenhängende Charakter: „1500 Hektar am Stück, da müssen Sie in NRW lange suchen.“

Das Waldnaturschutzgebiet Egge-Nord enthält Naturwaldzellen, in denen keine Bäume gefällt werden dürfen. Dieses Verbot gilt in ganz NRW inzwischen für eine Fläche von 14.000 Hektar. Für die Forscher in Münster und den Landesbetrieb NRW ist die Frage interessant, ob in solchen Gebieten besonders viele Insektenarten vorkommen. In jedem Fall scheint der Wald für Käfer und Falter noch ein besserer Lebensraum zu sein als das Offenland, für das die sogenannte Krefelder Studie vor drei Jahren einen deutlichen Rückgang der Population ergab. Roland Schockemöhle betonte am Freitag: „Der Wald ist das einzige landgebundene Ökosystem, wo die Biodiversität steigt. Wir sind auf einem guten Weg.“

Der Wald wirft noch viele Fragen auf

Das Forschungsprojekt soll Förstern Fingerzeige für die Bewirtschaftung des Waldes geben und diesen Lebensraum insektenfreundlicher machen. Erstaunlicherweise ist die Frage, wie sich die unterschiedlichen Waldstrukturen konkret auf Insekten auswirken, noch nicht wirklich erforscht. Auch gibt es keine Maßzahl dafür, wie viele Insekten sich auf einem Quadratmeter Wald befinden sollten, um von einem intakten Verhältnis sprechen zu können. Über die Situation im Wald sei bisher nur wenig bekannt, hieß es am Freitag vor Ort am Forsthaus in Bad Lippspringe. Eine nicht gerade erfreuliche Erkenntnis gibt es aber bereits. „Die Allerweltsarten nehmen zu, die selteneren verlieren wir oft“, erläuterte Christoph Scherber von der Universität Münster.

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