Messingtafeln von Künstler Gunter Demnig erinnern in Bad Lippspringe an NS-Opfer
Stolpersteine gegen das Vergessen

Bad Lippspringe (WB). In einer Feierstunde vor dem Bad Lippspringer Rathaus wurde am Mittwoch Opfern des Nationalsozialismus gedacht. Der Künstler Gunter Demnig verlegte anschließend insgesamt 18 Stolpersteine, die an die Familien Kusserow und Edelmann erinnern. Am Abend stellte der 72-jährige Demnig in einem Vortrag in der Pfarrkirche St. Martin interessierten Zuhörern die Aktion Stolpersteine vor.

Donnerstag, 25.06.2020, 09:26 Uhr aktualisiert: 25.06.2020, 09:28 Uhr
Der Künstler Gunter Demnig verlegte am Mittwoch in Bad Lippspringe – hier vor dem Haus Arminiusstraße 22 – insgesamt 18 Stolpersteine, die an die Opfer des Nationalsozialismus aus den Familien Edelmann und Kusserow erinnern. Foto: Oliver Schwabe
Der Künstler Gunter Demnig verlegte am Mittwoch in Bad Lippspringe – hier vor dem Haus Arminiusstraße 22 – insgesamt 18 Stolpersteine, die an die Opfer des Nationalsozialismus aus den Familien Edelmann und Kusserow erinnern. Foto: Oliver Schwabe

Zur Feierstunde und der Verlegung der aus Messing gefertigten Steine, die Namen der Opfer tragen, hatte die Arbeitsgruppe Stolpersteine eingeladen. In ihr sind Vertreter aus nahezu allen Farben des politischen Spektrums vertreten. Auch die Kirchen unterstützen das Engagement. Für die Arbeitsgruppe betonte Gerda Werth: „Es ist uns allen wichtig, dass die Erinnerung an diese schreckliche Zeit des Nationalsozialismus wach gehalten wird und dass so etwas nie wieder passiert. Die Idee der Stolpersteine ist auch, den Opfern ihre Namen wieder zu geben, die sie im Terrorregime der Nazis verloren haben, weil sie zu Nummern degradiert wurden.“ Als unsäglich bezeichnete es Werth, wenn ein Politiker diese schlimme Zeit als „Vogelschiss“ in 1000 Jahren deutscher Geschichte verharmlose.

Stolpersteine in Gedenken der Familien Kusserow und Edelmann

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Werth ermunterte dazu, stets zu handeln wo die Würde eines Anderen verletzt werde. „Dagegen zu halten, wenn eine Sprache des Hasses um sich greift. Einzuschreiten, wenn andere ausgegrenzt werden. Widersprechen, wenn bestimmte Gruppen zu Sündenböcken erklärt werden.“ Es gehe um Artikel 1 des Grundgesetzes: „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“

Der stellvertretende Bürgermeister Martin Schulte erinnerte daran, dass vor fast einem Jahr die ersten Stolpersteine für Familien in der Stadt verlegt worden waren. Schulte rief dazu auf, wachsam zu sein. „Es ist wichtig, immer wieder an die Greueltaten des NS-Regimes zu erinnern. Wir müssen Zivilcourage zeigen, damit unser Rechtsstaat nicht unter die Räder kommt.“

Zur Feierstunde waren auch Angehörige der Familie Kusserow erschienen, die zum Teil weite Reisen auf sich genommen hatten. Nicht zustande kam aber die weiteste Anreise: Jethro Rübenhagen, der Sohn von Elisabeth Kusserow, für die am Mittwoch ein Stolperstein verlegt wurde, wollte aus Surinam, einem Land in Südamerika, kommen. „Dort sind die Grenzen aufgrund der Corona-Pandemie leider immer noch zu. Er hat aber ein Grußwort verfasst, das verlesen wird“, erläuterte Gerda Werth. Darin machte Rübenhagen noch einmal deutlich, dass alle Kusserows standhafte Christen waren und aus tiefster innerer Überzeugung gehandelt haben.

Das Ziel der Nationalsozialisten wurde nicht erreicht.

Gabriel Reuter

Mit dabei war aber Gabriel Reuter, ein Neffe von Magdalena Kusserow. Er berichtete: „Meine Tante hat ihre Zeit vor dem Nationalsozialismus in Bad Lippspringe immer als sehr schöne Zeit beschrieben.“ Und Reuter skizzierte, wie das NS-Regime damit umging, wenn jemand den Hitler-Gruß verweigerte. „Die Verfolgung wurde immer härter“, so Reuter. „Die Jüngsten kamen damals in ein Erziehungsheim, man kann sagen Kindergefängnis.“ Etwa 12.000 Bibelforscher, wie die Zeugen Jehovas damals genannt worden seien, hätten besonders zu leiden gehabt. Gabriel Reuter kommt aber zum Ergebnis: „Das Ziel der Nationalsozialisten, den Glauben und Willen dieser Menschen zu brechen, wurde nicht erreicht.“ Die Stolpersteine seien eine Kunst gegen das Vergessen.

An die Opfer der Nationalsozialisten aus den Familien Kusserow und Edelmann wurde erinnert, indem kurz ihre Lebensverläufe vorgelesen wurden. Tafeln mit Bildern der Personen wurden vor dem Rathaus aufgestellt.

Hierzu zählte auch Wilhelm Kusserow, der vor genau 80 Jahren in Münster hingerichtet wurde, weil er sich geweigert hatte in den Krieg zu ziehen. Obwohl er von den Nationalsozialisten hingerichtet wurde, schickten diese seinen Eltern eine Nachricht über den Tod ihres Sohnes mit einer gänzlich anderen Darstellung zu. Da hieß es, Wilhelm Kusserow habe im „Schicksalskampf“ für das Land sein Leben gelassen. Erinnert wurde auch an Robert und Ida Edelmann, die in der Arminiusstraße in Bad Lippspringe ein Bekleidungsgeschäft führten. Durch den Boykottaufruf der Nationalsozialisten wurde ihnen die Lebensgrundlage entzogen. Sie siedelten um nach Hannover, wo sie später starben.

Stolpersteine wurden am Mittwoch in Bad Lippspringe verlegt für Franz, Hilda, Annemarie, Wilhelm, Siegfried, Karl-Heinz, Waltraud, Hildegard, Wolfgang, Magdalena, Elisabeth, Hans-Werner und Paul-Gerhard Kusserow sowie Ida, Robert, Berta, Günther und Heinz Edelmann.

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