Mo., 01.04.2019

Nachwuchswerbung bei Bad Wünnenberger Gewerbetag »Von Heilbad bis Hightech« Zwischen Abi und Ausbildung

Reifenwechsel ist nicht nur Männersache: Alexander Philippi zeigte in der Werkstatt des Autohauses Hillebrand in Bad Wünnenberg Lea Marie (links) und Elina wie es geht.

Reifenwechsel ist nicht nur Männersache: Alexander Philippi zeigte in der Werkstatt des Autohauses Hillebrand in Bad Wünnenberg Lea Marie (links) und Elina wie es geht. Foto: Marion Neesen

Von Marion Neesen

Bad Wünnenberg (WB). Abi, Abi, Abi – Leni, Lea Marie, Laura, Elina, Marie, Lukas, Mattea und Amy wollen alle Deutschlands höchsten Schulabschluss machen und dann studieren. Gleichzeitig ringen Handwerk und Gewerbe um Azubis. So stand der große Gewerbetag »Von Heilbad bis High Tech« in Bad Wünnenberg auch im Zeichen der Nachwuchswerbung. Das WESTFÄLISCHE VOLKSBLATT hat die 13- und 14-jährigen Schüler der Profilschule Fürstenberg auf ihrer Tour durch die Unternehmen begleitet. Vielleicht geht da ja doch noch was – vor dem Studium?

Die sieben Mädchen und Lukas nutzen den Buspendelverkehr, um ins Haarener Gewerbegebiet zu fahren. Die Firma Pietec ist ihr erstes von drei Zielen. »Die Teilnahme ist verpflichtend«, sagt Leni, »aber wir freuen uns trotzdem drauf.« Die Schüler sind gut vorbereitet, bei Pietec werden sie ein Schlüsselbrett anfertigen und dabei verschiedene Stationen ansteuern. Erst einmal holen sie sich eine vorgefertigte Platine.

Zahl der Bewerber geht deutlich zurück

Dirk Erftemeier, Ausbildungsleiter bei Pietec, möchte die jungen Leute mit dem Werkstoff Metall vertraut machen. Er kennt die Nachwuchsprobleme: »Früher hatten wir 20 Bewerber auf eine Stelle, heute sind es vielleicht fünf.«

Auch Josef Stratmann, Ausbildungsakquisiteur in Bad Wünnenberg, ist vor Ort. »Erst mal zur weiterführenden Schule« – solche Sätze hört er gar nicht gern, wenn Schüler nicht wissen, was sie machen wollen. »Der Weg zum Studium ist auch nach der Ausbildung noch frei«, weist er auf Karrierechancen und duales Studium hin.

Praktika, sagt er, helfen den Schülern, sich zu orientieren. »Es muss sich keiner dafür entschuldigen, wenn er kein Abi macht«, sagt auch Geschäftsführer Reinhard Piepenbrock, »wichtig ist es, den jungen Leuten zu zeigen, dass wir spannende Berufe haben.«

Nachdem die Schüler ihre Metallstücke haben schleifen und biegen lassen, geht es rüber zur Innenausbaufirma Löer und Schmidtmeier. Dort wird die Holzablage des Schlüsselbrettes bearbeitet. Das macht den Mädchen und Lukas sichtlich Spaß: Es wird gebohrt, geschliffen und gepinselt. Walter Florian kümmert sich in der Firma um die Lehrlinge. »Es ist schwierig, motivierte junge Leute zu finden«, sagt der Tischler und berichtet von Praktikanten, die nur mit dem Handy daddeln. So mancher finde aber auch über Umwege sein Glück im Handwerk.

Mit dem Bus zur nächsten Firma

»Nach dem Abi wusste ich nicht so recht, wohin mit mir«, erzählt ein Auszubildender zum Tischler im zweiten Lehrjahr bei Löer und Schmidtmeier. »Alle meine Mitschüler haben studiert, und ich dann eben auch.« Nach fünf Semestern war aber klar, dass es das nicht ist. »Praktische Arbeit macht mir Spaß und man hat am Ende des Tages ein Erfolgsgefühl«, hat der 27-Jährige nicht bereut, das Studium geschmissen zu haben.

Für die acht Sekundarschüler heißt es jetzt erst einmal auf den Bus zu warten, der sie zur Firma Wöhler nach Bad Wünnenberg bringt. Dort warten die Mitarbeiter bereits auf wissensdurstige Besucher. Für Geschäftsführer Wolfram Wöhler ist der Gewerbetag eine gute Gelegenheit, Präsenz zu zeigen. »Wöhler ist mehr als nur Bürsten«, sagt er. Insgesamt 30 Nachwuchskräfte bilde das Unternehmen in den verschiedensten Berufen aus. Leni hat bei Wöhler schon mal ein Praktikum gemacht. »Das war toll«, erinnert sie sich.

Bei Pietec hat es den jungen Leuten heute aber besser gefallen. »Weil man da selbst etwas machen konnte«, sagt Laura. Das geht auch im Autohaus Hillebrand. Und wie! Alexander Philippi nimmt die Gruppe gleich mit in die Werkstatt. Ein Auto wartet schon auf der Hebebühne: Ein Reifenwechsel steht an. Luka ist sofort dabei, und auch die Mädchen packen an.

Mit 450 PS unterwegs

Lukas Herz schlägt dann so richtig hoch, als er mit Firmenchef Jürgen Hillebrand eine Runde im getunten Peugeot 205 GTI dreht. 450 PS drücken den 13-Jährigen in den Sitz. »Wie in einer Rakete«, schwärmt Lukas. Ob da wohl jemand Spaß am Job eines Kfz-Mechatronikers bekommen hat?

Laura ist ganz begeistert von ihrem Einsatz im Bagger der Firma Strassing. Mit Hilfe von Straßenbauermeister Andreas Grabarkiewicz bugsiert sie mit der Baggerschaufel eine Flasche in einen Eimer und nimmt einen Holzklotz an den Haken. »Echt cool«, lautet ihr eindeutiges Urteil. Leni schaut lieber zu. »Das ist nichts für mich. Ich kann mir eher etwas im Büro vorstellen«, sagt die 14-Jährige.

Auch das ist eine Erkenntnis, die der Gewerbetag »Von Heilbad bis Hightech« den Schülern gebracht hat. Und das Abi? Ja, das wollen sie trotzdem alle lieber machen. Aber ein bisschen Zeit bis dahin ist ja noch.

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