Kreisimkerverein informiert in Bleiwäsche über die Carnica-Bienenzucht
Mehr als bloß ein Hobby

Bleiwäsche (WB). Es brummt im Bleiwäscher Wald: In der Belegstelle Glashütte-Bleiwäsche des Kreisimkervereins Paderborn sind die Bienen auch nach der Saison noch fleißig. Am „Himbeerkopf“ nutzt der 90 Mitglieder umfassende Verein eine Fläche von etwa 2500 Quadratmetern um Carnica-Bienenvölker im Waldgebiet zu züchten. „Die Biene ist das drittwichtigste Nutztier nach dem Rind und dem Schwein“, sagt Karl-Josef Voß aus Paderborn, der die um 1950 errichtete Belegstelle in den 1980er Jahren übernommen hat, und zusammen mit seinem Schwiegersohn etwa 20 Bienenvölker á 40.000 Bienen besitzt.

Sonntag, 19.07.2020, 18:30 Uhr aktualisiert: 19.07.2020, 18:32 Uhr
Karl-Josef Voß (links) übernahm in den 1980er Jahren die Belegstelle. Michael Kube ist dort als Belegstellenbetreuer eingetragen. Beide sind Mitglieder im Kreisimkerverein Paderborn. Foto: Kevin Müller
Karl-Josef Voß (links) übernahm in den 1980er Jahren die Belegstelle. Michael Kube ist dort als Belegstellenbetreuer eingetragen. Beide sind Mitglieder im Kreisimkerverein Paderborn. Foto: Kevin Müller

Die Carnica-Biene stammt ursprünglich aus Slowenien und stellte nach der letzten Eiszeit neben der Spanischen Dunkelbiene eine der dominanten Bienenarten in Nordeuropa dar. Im Gegensatz zur italienischen Ligustica-Biene, die sich nicht selbstständig nördlich der Alpen ausbreitete, begibt sich die Carnica gegen Jahresende in die Winterruhe – ein großer Vorteil für Züchter in der Nordeuropäischen Klimazone, findet Voß: „Die ans südliche Klima gewohnte Ligustica-Biene fliegt auch an Weihnachten noch und sucht nach Nahrung. Diese gibt es bei uns zu der Zeit jedoch nicht – daher stehlen die Bienen die Nahrung oft aus anderen Kästen.“

Erster Bienenkontakt mit 13 Jahren

Voß hatte seinen ersten Bienenkontakt mit 13 Jahren kurz nach dem zweiten Weltkrieg. Zu der Zeit war Honig in erster Linie eine beliebte Tauschware. Aufgrund von Rassenkreuzung waren die Bienen damals jedoch von starker Aggressivität geprägt. „Das lässt sich unter anderem auf das 19. Jahrhundert zurückverfolgen, als Imker-Altmeister italienische Bienenköniginnen in den Norden gebracht haben“, sagt Voß. In den 1970er Jahren fing er selbst mit der Zucht an. Beim damaligen Bieneninstitut Celle besorgte er sich 50 Carnica-Maden. Diese wurden in präparierte Zellen gepackt und Bienenvölkern ohne Königin angeboten: Nahm eines dieser Völker die neue Königin an, so baute es ihre Zelle selbstständig aus und zog sie durch Fütterung mit Gelée Royal groß. Der ganze Prozess dauert 16 Tage an.

Damit die Königin, die zuerst schlüpft, nicht, wie bei Bienen üblich, all die anderen potenziellen Königinnen tötet, werden die Brutzellen durch „Lockenwickler“ separiert und geschlüpfte Königinnen schnellstmöglich untergebracht. Von den ursprünglich 50 Maden bekam Voß damals 25 Tiere, denn nicht alle Maden werden auch von den Völkern akzeptiert. „Sie suchen sich das Beste raus“, sagt der Züchter. „Sehr wichtig für die Bienenzucht ist, dass man die Königinnen nach guten Eigenschaften ausselektiert. Man möchte möglichst starke, vitale Völker großziehen“, fügt Voß hinzu. Dafür seien neben ausreichenden Nährstoffen auch reinrassige „Edelköniginnen“ als Zeuger der neuen Königinnen wichtig. Diese Edelköniginnen werden von reinrassigen Bienenvölkern auf Nordseeinseln begattet, auf denen nur die jeweilige Bienenart beheimatet ist.

Sind die Königinnen nach 16 Tagen geschlüpft, so wird jede von ihnen mit einer Handvoll Drohnen und Futterteig in einen Bienenkasten verlegt. Nach einer zweitägigen „Dunkelhaft“ fliegt die Königin aus und paart sich bei der Belegstelle beim „Hochzeitsflug“ mit den lokalen Vatervölkern, ehe sie zu ihrem Volk zurückkehrt. In Sachen Fortpflanzung besticht die Carnica-Biene in der Belegstelle Bleiwäsche durch einen weiteren Vorteil: Aufgrund größtenteils fehlender Rassenkreuzung ist sie nicht nur sanftmütig und leicht zu führen, sie ist auch selektionsbedingt schwarmträge – die Königin verlässt das Nest in der Regel nicht mit etwa 70 Prozent des Volkes, um sich eine neue Heimat zu suchen.

Voß und der Belegstellenbetreuer Michael Kube verwalten in Bleiwäsche eine Wirtschaftszucht. „NRW ist jedoch leider kein Bienenland“, merkt Kube an, und wünscht sich mehr Unterstützung vom Land wie etwa in Bayern. Denn auch die Leistungsstarke Carnica-Biene leidet unter erschwerenden Bedingungen wie Trockenheit und vielen Mischvölkern in Deutschland, die Einfluss auf die Zucht ausüben.

„Auch Verantwortung gegenüber der Gesellschaft“

Und auch abnehmendes Interesse setzt der Bienenzucht zu. Mitte der 1960er Jahre gab es noch um die 250 Reinzüchter in Westfalen-Lippe, heute liegt die Anzahl bei 40, das Durchschnittsalter im Kreisimkerverein bei 65 Jahren. „Wir besitzen mit der Zucht auch eine Verantwortung gegenüber der Gesellschaft – die Zucht fördert die Gesundheit der Bienenvölker. Sollte die Biene als solches sterben, so wird sehr viel Lebensqualität verloren gehen“, sagt Kube, der die Leidenschaft zur Bienenzucht von seinem Vater übernahm. Voß und Kube appellieren daher, in Zukunft verstärkt an die Zucht zu denken und sich als angehender Imker ausreichend zu informieren: Die Zucht sei schließlich kein bloßes Hobby, sondern eine Sache der Überzeugung – mit der Biene im Mittelpunkt.

In der Hochsaison zwischen Mai und Juli, die im Schnitt etwa 35 Kilogramm Honig ergibt, sind Voß und Kube jeden Freitag von 17 bis 19 Uhr bei der Belegstelle, um nach Anmeldung Königinnen zur Zucht entgegenzunehmen oder eigene Edelköniginnen für 35 Euro zu verkaufen. Zudem wird noch nach einem möglichen Sponsor gesucht, der für die Belegstelle eine Plakatfläche und einen neuen Zaun mitfinanzieren kann – sodass die Carnica-Biene im Bleiwäscher Wald auch in Zukunft ungestört summend ihrer Arbeit nachgehen kann.

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