Di., 31.12.2019

Fahrlehrer und Händler äußern sich zur Neuregelung bei Leichtkrafträdern Einstieg in Motorradwelt wird erleichtert

Die Vespa ist der Klassiker unter den 125er-Rollern. Damit kann man etwa 100 Stundenkilometer schnell fahren, sagt David König.

Die Vespa ist der Klassiker unter den 125er-Rollern. Damit kann man etwa 100 Stundenkilometer schnell fahren, sagt David König. Foto: Ingo Schmitz

Von Ingo Schmitz

Paderborn/Borchen (WB). Mit dem Auto-Führerschein soll man künftig Leichtkrafträder mit bis zu 125 Kubikzentimetern und 15 PS fahren dürfen. Aber: Die Fahrer müssen gewisse Voraussetzungen erfüllen und sich einer ausführlichen Schulung unterziehen. Was sagen Fahrschullehrer und Motorradhändler zu der Neuregelung? Das WESTFALEN-BLATT hat sich im Kreis Paderborn umgehört.

Als Verkehrsminister Andreas Scheuer im Sommer seine Idee vorstellte, wurde der umstrittene CSU-Politiker heftig kritisiert. Die Befürchtung: Die Zahl der folgenschweren Unfälle könne steigen.

Gesetz über­raschend durchgewunken

Diese Sorgen hat der Bundesrat kurz vor Weihnachten offenbar nicht geteilt und das Gesetz über­raschend durchgewunken. Wann genau es in Kraft tritt, ist noch unklar. Aber schon jetzt bereiten sich die Motorradhändler auf eine entsprechende Nachfrage bei den beliebten 125ern – dazu gehören vor allem Motorroller – vor. Fahrlehrer hingegen sehen die Neuregelung zwiespältig.

Das vom Bundesrat beschlossene Gesetz sieht vor, dass die 125er-Aspiranten mindestens 25 Jahre alt sein und seit fünf Jahren einen Führerschein der Klasse B (Auto, ehemals Klasse 3) haben müssen.

15-minütige Überprüfungsfahrt reicht aus

Um den Autoführerschein auf die 125er-Regelung ausweiten zu können, müssen die Autofahrer die Schlüsselziffer 196 erlangen. Dazu wird der Besuch einer Fahrschule vorgeschrieben. Laut Gesetz sind neun Unterrichtseinheiten zu je 90 Minuten (vier Theorie und fünf Praxis) vorgeschrieben. Im Anschluss entscheidet der Fahrerlehrer nach einer 15-minütigen Überprüfungsfahrt, ob der Fahrer auf den zwei Rädern fit genug ist.

Horst Limburg, Leiter des Unterbezirks Paderborn des Fahrlehrerverbandes Westfalen, macht deutlich: „Der Fahrlehrerverband betont, dass diese Regelung noch nicht rechtskräftig ist. Wir sind damit auch nicht einverstanden.“ Hier werde die komplette Verantwortung auf den Fahrlehrer abgewälzt. Aus seiner Sicht ergebe diese Regelung wenig Sinn, „weil das Resultat nicht befriedigend ist“.

Horst Limburg vom Unterbezirk des Fahrlehrerverbandes sieht die Regelung kritisch. Foto: Jörn Hannemann

Wer ein „125er“-Leichtkraftrad fahre, müsse ständig schalten, sagt Limburg. Zudem sei ein Aufstieg in die nächst höhere Motorradklasse (bis 48 PS) auf diesem Wege ausgeschlossen. Dafür müsse man noch einen zusätzlichen Führerschein machen. Höchstens im Bereich der Roller, die mit Automatik ausgestattet seien, ergebe eine 125er Sinn. Und wie hoch wären die Führerscheinkosten? Dazu gibt es laut Horst Limburg bislang keine Aussagen. Er schätzt aber, dass mindestens 500 Euro fällig sein werden.

Kritik an der Mindestanzahl der Unterrichtsstunden

Auch der Paderborner Fahrlehrer Lars Knicker kritisiert das Gesetz. Er hält die Anzahl der vorgeschriebenen Übungsstunden für Menschen, die nie zuvor auf einem Motorrad gesessen haben, für zu gering. Sollte wenig später ein Fahrer verunglücken, wäre das auch für den Fahrlehrer tragisch. Dieser habe schließlich der Zuteilung der Schlüsselziffer 196 zugestimmt.

Lars Knicker sieht aber auch Vorteile, dass der Bundesrat hier Hürden abbaut. Er vermutet, dass damit das Thema Elektromobilität im Zweiradbereich angeschoben wird. Er geht zudem fest davon aus, dass sich die neue Regelung auch für die Fahrschulen positiv auswirken wird: „Ich erwarte deutlich mehr Anmeldungen. Unternehmerisch ist das sicher gut für uns.“ Dabei ist noch gar nicht klar, wann es los geht. Knicker geht davon aus, dass das Gesetz zum 1. April in Kraft treten könnte. Das wäre dann pünktlich zum Start in die Zweirad-Saison.

Händler erwarten große Nachfrage

Auf einen erheblichen Anstieg der Nachfrage bereitet sich unter anderem auch das Motorradhaus Berlage in Borchen vor. David König, zuständig für den Fahrzeugverkauf, hält die 15-PS-Maschinen für sehr gut beherrschbar. „Wer schon mal einen 50er Roller gefahren hat, dürfte keine Probleme beim Umstieg haben“, meint er.

Viele Maschinen seien mit ABS ausgestattet – bei einer Vollbremsung würden dadurch Stürze vermieden. Er vermutet, dass es vor allem einen Run auf Roller geben werde. Aber auch darüber hinaus sei das Angebot groß: vom Cruiser, über das sogenannte unverkleidete „Naked Bike“ bis hin zu alltagstauglichen Enduros und vollverkleideten Maschinen.

Kein rollendes Hindernis auf der Landstraße

Eine 125er gebe dem Fahrer auf der Landstraße im Vergleich zu einer 50er stets ein besseres Gefühl. Die kleinen Maschinen vermittelten den Eindruck, ein rollendes Hindernis zu sein. Die größeren 125er könnten hingegen mit rund 100 Stundenkilometern locker im Verkehr mithalten. Zudem seien die Kosten überschaubar.

Kommentar

Die Entscheidung des Bundesrates, Autofahrern den Zugang zu Leichtkrafträdern bis 15 PS unter gewissen Voraussetzungen zu erleichtern, war überfällig. Schon heute dürfen Autofahrer, die ihre Fahrerlaubnis vor dem 1.4.1980 absolviert haben, ganz legal mit einem Leichtkraftrad fahren. Die Spätgeborenen werden bislang ausgeschlossen. Eine nachvollziehbare Begründung gibt es nicht. 15 PS im Roller: Das sind keine Rennmaschinen, sondern adäquate Fortbewegungsmittel für Stadtverkehr und Strecken über Land. Auch sie können einen kleinen Beitrag zur Mobilitätswende beisteuern. Eine Antwort auf die Parkplatznot sind sie allemal. Ingo Schmitz

Kommentare

Gesetz bereits in Kraft getreten

Hallo,

aus dem Artikel geht hervor das die B196 Regelung zum 1.April in Kraft treten könnte. Tatsächlich tritt das Gesetz aber heute (31.12) in Kraft. Nachzulesen im Bundesgesetzblatt

1 Kommentare

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