Anwalt entkräftet Indizien – Landgericht Paderborn hebt Haftbefehl auf
76-Jährige tot: Schwiegersohn nicht mehr unter Verdacht

Borchen/Paderborn/Detmold (WB). Eine 76 Jahre alte Witwe war im September in ihrer Wohnung in Borchen umgebracht worden. Seit damals saß ihr Schwiegersohn (53), der als Tierarzt beim Kreis Paderborn beschäftigt ist, als möglicher Täter in Untersuchungshaft – bis der Fall am Montag eine überraschende Wende nahm: Das Landgericht Paderborn entschied, dass kein dringender Verdacht mehr gegen den Mann bestehe, und hob den Haftbefehl auf – ohne Auflagen, ohne Wenn und Aber.

Donnerstag, 02.01.2020, 02:12 Uhr aktualisiert: 02.01.2020, 08:36 Uhr
Am späten Montagnachmittag öffneten sich für den Tierarzt aus Borchen die Türen der JVA Detmold. Foto: Christian Althoff
Am späten Montagnachmittag öffneten sich für den Tierarzt aus Borchen die Türen der JVA Detmold. Foto: Christian Althoff

Gegen 17 Uhr durfte der Veterinär die Justizvollzugsanstalt Detmold verlassen, ein naher Verwandter holte ihn ab. Nach 99 Tagen hinter Gittern konnte der Mann den Jahreswechsel in Freiheit begehen.

Die 76-Jährige lebte im Erdgeschoss eines Zweifamilienhauses, in der Wohnung darüber wohnten ihre Tochter und der Schwiegersohn. Am 22. September, einem Sonntag fanden Verwandte die Rentnerin tot in ihrer Wohnung – sie war, das ergab die Obduktion, Opfer eines Verbrechens geworden.

Eine Person habe „eine falsche Spur“ gelegt

Stunden bevor die Tote entdeckt wurde, waren die Tochter und der Schwiegersohn mit ihrem Auto in den Urlaub aufgebrochen. Die Ehefrau soll am Steuer gesessen haben, als der Wagen gegen 11 Uhr auf der Autobahn 3 bei Nürnberg verunglückte und in einem anderen beteiligten Auto ein 75-Jähriger ums Leben kam.

Die Frau aus Borchen soll ihren beschädigten Wagen auf dem Standstreifen gestoppt haben. Dann soll sie über die Mittelleitplanke auf die Gegenfahrbahn gelaufen sein, wo sie von einem Wagen erfasst und schwer verletzt wurde. Sie kam in Nürnberg ins Krankenhaus, ihr Mann nahm sich in der Nähe ein Hotelzimmer. Dort wurde er am frühen Montagmorgen, dem 24. September, festgenommen. Nach Angaben der Mordkommission Bielefeld soll es am Tatort Spuren gegeben haben, die auf den Veterinär als Täter hingedeutet haben sollen. Sein Anwalt Detlev Stoffels sagte am Mittwoch: „Mein Mandant hat vom ersten Tag an bestritten, seiner Schwiegermutter etwas angetan zu haben. Aber man hat ihm nicht geglaubt. Er wusste nicht, dass seine Schwiegermutter tot zu Hause lag, als er mit seiner Frau in den Urlaub fuhr.“

Eine Person habe „eine falsche Spur“ gelegt, um den Veterinär zu belasten, erklärte Stoffels, der diese Person aber nicht öffentlich benennen möchte. „Wir haben abgewartet, bis die Ermittlungen so gut wie abgeschlossen waren und wir die Akten bekommen konnten. Dann haben wir fast alle belastenden Indizien, die wir in der Ermittlungsakte fanden, gegenüber dem Landgericht Paderborn widerlegen können.“

Zweifel am Unfallgeschehen

Es gebe ein belastendes „zentrales Beweismittel“ in der Akte, das die Ermittler nicht länger als wahr unterstellen könnten, sagte Stoffels. Zu unbestätigten Informationen, dass es sich dabei um eine Aussage der Ehefrau handeln soll, wollte sich Stoffels nicht äußern. „Ich sage zu der Ehefrau nichts.“ Der Anwalt bestätigte allerdings, dass es Zweifel daran gebe, dass das Geschehen auf der A 3 tatsächlich ein Unfall gewesen sei.

Nach der Aufhebung des Haftbefehls wegen fehlenden dringenden Tatverdachts droht dem Veterinär, der mehrfach in der VOX-Sendung „Hundkatzemaus“ aufgetreten war, nun möglicherweise kein Prozess mehr. Zu der Frage, was die Ermittlungen gegen seine Ehefrau ergeben haben, war wegen des Feiertags am Mittwoch keine Stellungnahme von der Staatsanwaltschaft zu bekommen.

Stellt sie das Verfahren gegen den Tierarzt ein oder lehnt das Landgericht einen Prozess gegen ihn ab, stehen dem Mann 25 Euro Haftentschädigung pro Tag zu.

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