Windkraftgegner aus Ostwestfalen-Lippe und dem Münsterland klagen in Hamm
Macht Infraschall krank?

Paderborn (WB). Zum ersten Mal klagen Windkraftgegner vor dem Oberlandesgericht in Hamm, weil sie sich durch den sogenannten Infraschall von Windrädern geschädigt sehen. „Drei Verfahren sind bisher bei uns eingegangen“, sagt Dr. Hans Funke, Vorsitzender des 24. Zivilsenats in Hamm. Die Frage, ob dieser Schall krank mache, sei noch von keinem Gericht entschieden worden.

Donnerstag, 30.01.2020, 05:30 Uhr aktualisiert: 30.01.2020, 05:40 Uhr
Nicht nur vom Lärm der Rotoren fühlen sich Menschen gestört. Auch der nicht hörbare Schall, den die Rotoren erzeugen, macht einigen Sorgen. Foto: dpa
Nicht nur vom Lärm der Rotoren fühlen sich Menschen gestört. Auch der nicht hörbare Schall, den die Rotoren erzeugen, macht einigen Sorgen. Foto: dpa
Vorsitzender Richter Dr. Hans Funke.

Vorsitzender Richter Dr. Hans Funke. Foto: Althoff

Infraschall – was ist das? Der durchschnittliche Mensch kann Töne mit einer Frequenz zwischen 20 und 20.000 Hertz (Schwingungen pro Sekunde) hören. Die nicht hörbaren Töne darüber werden als Ultraschall bezeichnet, Töne unterhalb des Bereichs als Infraschall.

Paderborn: Kläger verlangt 20.000 Euro Schadensersatz

Viele Quellen können diese langsamen Schwingungen erzeugen. In der Natur etwa Meereswellen, Lawinen oder der Wind, in der technisierten Welt zum Beispiel Heizungen, Waschmaschinen, Automotoren oder eben auch Windräder. Sie erzeugen einen pulsierenden Impuls, wenn ein Rotorblatt den Mast passiert. Auch wenn wir diese Schwingungen nicht hören, kann unser Körper sie dennoch wahrnehmen.

Schlaflosigkeit, Ohrdruck, Kopfschmerzen, Schwindel – das sind Symptome, die die Bürgerinitiative „Gegenwind Borchen“ mit dem Infraschall der etwa 55 Windräder in der Gemeinde in Verbindung bringt. Ein Windkraftgegner hat deshalb beim Landgericht Paderborn Klage gegen den Betreiber einer Anlage eingereicht. Gerichtssprecher Dr. Oliver Neuwinger: „Der Kläger sieht den Wert seines Grundstücks durch den In­fraschall gemindert. Er verlangt 20.000 Euro Schadensersatz und die Feststellung, dass der Windanlagenbetreiber auch für künftige Schäden aufkommen muss.“

Wissenschaftliche Aussage zur Gefahr gibt es bis heute nicht

Das Landgericht wies die Klage 2019 ab, weil es nach eigenen Angaben keine Möglichkeit sah, im Rahmen einer Beweisaufnahme die Frage nach einer möglichen schädlichen Wirkung des Infraschalls zu klären. Dr. Hans Funke, Vorsitzender Richter am Oberlandesgericht in Hamm: „Mit dieser Erklärung haben außer Paderborn auch die Landgerichte Detmold und Münster Klagen zum Infraschall abgewiesen.“ Die Kläger seien in die Berufung gegangen, und die Fälle lägen jetzt dem OLG vor. „Wir werden außerdem prüfen, ob Gerichte die Klärung von Fragen mit dem Argument ablehnen dürfen, mit dem sie es in diesen Fällen getan haben.“

Eine allgemein anerkannte wissenschaftliche Aussage zur Gefahr von Infraschall durch Windräder gibt es bis heute nicht, auch gibt es keine anerkannte Berufskrankheit, die auf Infraschall-Exposition zurückgeführt wird.

Schäden an Gehirnen von Ratten beobachtet

Tatsächlich geben einige Studien Hinweise darauf, dass Infraschall negative Auswirkungen auf Lebewesen haben kann – allerdings nur, wenn der Schall mit viel Energie, quasi mit einer hohen „Lautstärke“, daherkommt. So hat die Arbeitsgruppe Infraschall an der Herzklinik der Uni Mainz entnommene Herzgewebezellen von acht Patienten im Labor über einen Lautsprecher mit Infraschall bestrahlt. Dabei zeigte sich nach Angaben der Wissenschaftler, dass die Kontraktionskraft der Herzzellen um bis zu 20 Prozent abnahm. 2016 beobachteten andere Forscher vorübergehende Schäden an den Gehirnen von Ratten, wenn diese drei Tage lang zwei Stunden täglich einer Schwingung von acht Hertz bei einem Schalldruckpegel von 140 Dezibel (entspricht dem Lärm eines startenden Flugzeugs) ausgesetzt waren. Allerdings bildeten sich die Schäden zurück, wenn der Infraschall abgeschaltet wurde.

Sorgen psychosomatische Ursachen für empfundene Symptome?

Der wohl entscheidenden Frage, wie energiereich der Infraschall von Windkraftanlagen ist und welchen Anteil er am gesamten Infraschall hat, ist die Landesanstalt für Umwelt, Messungen und Naturschutz in Baden-Württemberg zwischen 2013 und 2015 nachgegangen. Sie maß den Infraschall (zwischen zwei und 20 Hertz) in windradfreien Gebieten und ermittelte, je nach Frequenz, folgende Schallstärken: Auf einer Wiese 30 bis 75 Dezibel, an einem Waldrand 30 bis 70 Dezibel, und in einem Wald 30 bis 40 Dezibel. Dann wurde der Infraschall von sechs verschiedenen Windradtypen ermittelt. So wurde bei einer Enercon E-101 (Nennleistung 3,05 Megawatt, Rotordurchmesser 101 Meter, Nabenhöhe 135,4 Meter) in 192 Metern Entfernung ein Schalldruck von 60 bis 75 Dezibel gemessen. Wurde die Anlage abgeschaltet, hatte der Infraschall noch immer 55 bis 65 Dezibel. Können die empfundenen Symptome also vielleicht auch psychosomatische Ursachen haben?

Darauf gibt es derzeit keine Antwort. In seiner Publikation „Mögliche gesundheitliche Effekte von Windenergieanlagen“ von 2016 schreibt das Umweltbundesamt: „Es fehlen noch Langzeitstudien, die über chronische Effekte nach langjähriger niederschwelliger Infraschallbelastung Aufschluss geben könnten. Nach aktueller Studienlage liegen dem Umweltbundesamt keine Hinweise über chronische Schäden vor.“

Borchener spricht von Beklommenheitsgefühl

Die Windkraftgegner beruhigt das nicht. Volker Tschischke aus Borchen, Vizevorsitzender von „Vernunftkraft NRW“: „Wenn der Wind aus Osten oder Südosten weht, haben hier ganze Straßenzüge Schlafstörungen. Man bekommt dann ein richtiges Beklommenheitsgefühl. Und es kommt immer wieder vor, dass Menschen hier beim Spazierengehen schwindelig wird.“

Kommentare

Paul Schneider  schrieb: 31.01.2020 08:00
Infraschall
Warum verschwanden denn 2016 die wissenschaftlichen Unterlagen von Professor Dr. Eliker im hessischen Energie- und Wirtschaftsministerium? Was ist den aus der Verfassungsklage unter der Federführung von Prof. Elicker und Prof. Dr. Goebel geworden? Es ging um dass verfassungsmässige Recht des Einzelnen auf körperliche Unversehrtheit gegenüber einem Staat. Aus dem Gutchachten von Prof. E. ist zu entnehmen, dass die Schallwellen gesundheitschädlich seien. Man kenne inzwischen einen Dosis-Wirkungszusammenhang zwischer der Exposition im Bereich von Windanlagen und den entsprechenden Schäden. Was feststeht ist, dass die staatlichen Organe die Vorgaben des Bundes-Immisionsschutzrechtes nicht umgesetzt haben. Ca. 20 % der Bevölkerung bei einer Unterschreitung des Mindestabstandes zu einer Windkraftanlage erkranken, haben Prof. Detlef Krahe und Dr. Kuck bewiesen. Damit bestätigen sie die Ergebnisse einer Studie im Auftrag des Umweltbundesamtes zum Thema Schall und Infraschall. Inzwischen gibt das Windturbinen-Syndrom als eine anerkannte Krankheit mit eigenem Diagnose-Code. Dass die deutschen Gerichte an diese Thematik nicht herangehen wollen ist eindeutig. Eine entsprechende Rechtsprechung hätte bundesweite Sprengkraft. Hier sind nach m.M, hoheitliche Aufgaben an EEG-Subventionsritter verkauft worden, die falsche Ertragswerte veröffentlichen.
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