So., 02.02.2020

Was Eltern in den Tagen nach dem Tod ihres Sohnes empfanden „Es ging nur um Fabians Organe“

Fabian Wittbrock hatte einen großen Freundeskreis. 300 Menschen seien zur Trauerfeier gekommen, sagen seine Eltern, die die ungezählten Kondolenzkarten und Briefe in diesem Koffer aufbewahren. Sie haben ihre Kritik übrigens auch dem Krankenhaus übermittelt, aber bis heute keine Reaktion erhalten.

Fabian Wittbrock hatte einen großen Freundeskreis. 300 Menschen seien zur Trauerfeier gekommen, sagen seine Eltern, die die ungezählten Kondolenzkarten und Briefe in diesem Koffer aufbewahren. Sie haben ihre Kritik übrigens auch dem Krankenhaus übermittelt, aber bis heute keine Reaktion erhalten. Foto: Christian Althoff

Von Christian Althoff

Borchen (WB). Der 11. August 2019 war ein Sonntag. Am Nachmittag klingelten Polizisten am Haus von Hiltrud (55) und Jochen Wittbrock (62) in Borchen und informierten sie, dass ihr Sohn Fabian (23) mit seinem Motorrad im Sauerland verunglückt und in eine Unfallklinik geflogen worden sei. „Wir ahnten nicht, dass er da bereits klinisch tot war“, sagt der Vater, ein Oberstudienrat.

Was die Eltern in den folgenden drei Tagen erlebten, wühlt sie bis heute auf. „Es ging den Ärzten nur um die Organe unseres Sohnes“, sagt Sonderpädagogin Hiltrud Wittbrock. „Wir Angehörige waren denen völlig egal.“

An jenem Sonntag fuhren die Eltern mit Fabians Freundin und seinen beiden Schwestern in die 120 Kilometer entfernte Unfallklinik. „Der Arzt, der uns empfing, war der einzige emphatische Mensch, den wir dort kennenlernen sollten. Er sagte, Fabian sei hirntod, und so ein Unfall gehe auch ihnen nahe.“ In der Erwartung, die Familie werde einer Organspende zustimmen, sei ihr Sohn noch operiert worden. „Er hatte unter anderem einen offenen Beinbruch, und damit wollten die Ärzte ihn nicht bis zur endgültigen Hirntoddiagnose liegenlassen – vielleicht wegen einer Emboliegefahr“, sagt der Vater.

„Liebevoller Chaot mit einem Riesen-Herzen”

Eigentlich sei es für die Familie keine Frage gewesen, die Organspende zu erlauben, erzählt die Mutter. „Fabians Spruch war: ‚Wenn mir was passiert, können die alles haben. Ich brauche es ja nicht mehr.‘“ Diese Einstellung habe dem Wesen ihres Sohnes entsprochen, sagt Hiltrud Wittbrock. „Fabian hat in Bielefeld soziale Arbeit und Management studiert und ein Praktikum im Kinderheim gemacht. Er war ein liebevoller Chaot mit einem Riesen-Herzen.“

Bis spät in die Nacht saßen die Angehörigen an jenem Sonntag am Bett des 23-Jährigen. Er wurde beatmet, um den Kreislauf in Gang zu halten. Nach drei Tagen, so sei es ihnen erklärt worden, sollte von zwei Ärzten der Hirntod offiziell festgestellt werden.

Hiltrud Wittbock: „Wir waren völlig fertig, und weil man uns gesagte hatte, dass Fabian nichts mehr mitbekommt, sind wir in der Nacht zurück nach Hause gefahren.“ Am nächsten Morgen hätten sie einen Anruf bekommen und seien vorwurfsvoll gefragt worden, warum sie nicht in der Nähe der Klinik geblieben seien. „Wir sind sofort zurückgefahren und wurden von einem Pfleger mit den Worten empfangen: ‚Und? Wofür haben Sie sich entschieden? Organspende?‘“ Jochen Wittbrock: „In diesem Moment weiß man gar nicht, was man einem so gefühllosen Menschen antworten soll.“ Seine Frau sagt, sie sei damals versucht gewesen, ‚Jetzt nicht mehr!‘ zu antworten. „Nur der Wille unseres Sohnes hat mich davon abgehalten. Also haben wir zugestimmt.“

„Wir wurden uns selbst überlassen”

Es habe in den drei Tagen niemanden gegeben, der mit ihnen über ihren Verlust gesprochen habe. „Wir wurden uns selbst überlassen. Es gab keinen Raum, in dem wir uns hätten aufhalten können, und wir hatten keinen zentralen Ansprechpartner“, sagt der Vater. Sie seien immer wieder aus dem Krankenzimmer geschickt worden und hätten sich auf dem Flur oder im überfüllten Wartezimmer herumdrücken müssen. „Als eine unserer Töchter abbaute und ich eine Schwester fragte, ob sie etwas zu trinken bekommen könne, wurden wir auf den Colaautomaten im Erdgeschoss verwiesen“, erzählt Hiltrud Wittbrock.

Am dritten Tag hätten sie sich in die Cafeteria gesetzt. „Dort wurden wir angerufen und sollten kommen.“ Als sie das Zimmer ihres Sohnes erreicht hätten, seien sie wieder fortgeschickt worden und hätten fast eine Stunde im Wartebereich verbracht. Der Vater: „Dann durften wir endlich ans Totenbett, wo wir über den offiziellen Hirntod informiert wurden. Ich bat den Arzt, das nicht an Fabians Bett zu besprechen, aber er sagte, es gebe keinen anderen Raum und schaute auf seine Uhr.“

Als Fabians Schwestern in Ruhe Abschied von ihrem Bruder nehmen wollten, seien permanent Pflegekräfte ins Zimmer und wieder hinaus gehuscht. „Eine Pflegerin hat unsere Tochter sogar Richtung Bett geschoben und gesagt: ‚Gehen Sie doch näher ran!‘“, sagt die Mutter.

Eigene Bereitschaft zur Organspende zurückgezogen

Später sei ein Mitarbeiter der Deutschen Stiftung Organspende aus Essen erschienen. „Er war der erste Mensch, der sich Zeit für uns nahm und sich angemessen verhielt. Er wollte uns erklären, welche Organe nun entnommen würden, aber das wollten wir nicht wissen, das haben wir abgebrochen“, sagt der Vater. Hiltrud Wittbrock erzählt, sie könne Berichte über kranke Menschen, die ein Spenderorgan benötigten, nicht mehr unbefangen lesen. „Sie machen mich wütend. Alles fokussiert sich auf den Kranken und seine Erwartung, aber der Spender und seine Familie werden komplett ausgeblendet.“ Sie hätten erfahren müssen, dass der Tod ihres Sohnes „auf eine unmenschliche Art“ auf seine Organe reduziert worden sei.  „Wir Angehörigen waren nur die, die zustimmen sollten. Ansonsten interessierten wir nicht. Uns hat übrigens auch niemand aus dem Krankenhaus jemals sein Beileid ausgesprochen.“ Die Unfallklinik habe sich bis heute nicht zu der Kritik geäußert.

Sie als Eltern, sagt Hiltrud Wittbrock, hätten ihre eigene Bereitschaft zur Organspende nach diesen Erfahrungen aufgegeben. „Wir können unseren Töchtern einfach nicht zumuten, im Ernstfall noch einmal so etwas durchzumachen.“

Emphatie hätten sie schließlich von Menschen erfahren, von denen sie es überhaupt nicht hätten erwarten können, sagt die Mutter und lächelt zum ersten Mal. „Zur Trauerfeier erschien die türkische Familie, deren Auto unser Sohn mit seinem Motorrad gerammt hatte. Sie sprach uns ihr Beileid aus.“

Kommentare

Geist & Körper nehme ich mit!

Nachdem ich erfahren habe dass auch ältere zu Organspende herangezogen werden, habe ich umgehend den Ausweis ausgedruckt, NEIN angekreuzt und bei Perso hinterlegt.
Sollte bei mir einmal eine Organspende aktuell werden, wäre ist das letzte dies von mir einzufordern. Würdevoll zu sterben ist mir wichtiger, als ein paar Wochen Monate oder Jahre mit einem Fremdkörper in mir zu leben, das ständige ärztliche Überwachung bedarf und ständigem starken Medikamentenkonsum, um die Abstoßungsmechanismen meines Körpers zu unterdrücken.
Nein ich hänge nicht am Leben, wir werden alle gehen, früher der andere später. Es gibt keine Lebensversicherung und das ist gut so.

Die Berichte der Familie machen betroffen, vermutlich ergeht es sehr vielen Menschen tagtäglich in irgendeiner Form so im überlasteten und unübersichtlichen deutschen Gesundheitssystem.

Ebenso dramatisch auch die Reportagen über und Berichte von Menschen, die dringend auf ein Spenderorgang warten, manchmal so lange, dass, wenn das Organ endlich bereitsteht, es aufgrund des Allgemeinzustandes zu spät für eine Transplantation ist und sie ohne Organspende gehen gelassen werden müssen oder bereits vorher verstorben sind.

Alles in allem, so betroffen und erschreckend dieser Bericht der Familie aus Borchen auch zweifelsohne ist, hoffe ich darauf, dass die Bereitschaft zur Organspende steigt und der organisatorische Hintergrund (der auch in diesem Bericht zu großem Unmut führte) in verschiedener Hinsicht verbessert und ausgebaut wird. Auch jenseits der politischen und gesetzlichen Rahmenbedingungen, die ja erst kürzlich beschlossen wurden, gibt es, Widerspruchslösung hin oder her, viel zu tun!

Ich bin da ganz bei dem hier leider viel zu früh gestorbenen jungen Mann:
"Wenn mir was passiert, können die alles haben. Ich brauche es ja nicht mehr."

...aber das muss jeder Mensch selbst entscheiden, unabhängig von gesellschaftlichen Erwartungen! Auch ein "Dagegen", etwa aus religiösen oder anderen Gründen, ist die richtige Entscheidung, wenn sie wohl überlegt ist.

an J.L.

Es geht hier in erster Linie um den Umgang mit der Familie!!! Und der war nicht optimal!
Um alles Andere lässt sich streiten....

Herzliches Beileid

Es ist schrecklich das so etwas passiert ist.Es ist gut zu hören das die türkische Familie die gerammt wurde nachdem die Kontrolle über das Motorrad verloren wurde sein Beileid ausgesprochen hat.

@J.L.:
Gäbe es eine Spendenpflicht, wie der werte Herr Spahn es fordert, gäbe es erst recht keinen Respekt mehr! Dann würden auch bei Bedarf schon einmal künstlich Tote "erzeugt". Darüber schon einmal nachgedacht?

Aufrichtiges Mitgefühl

Es ist natürlich sehr tragisch, aber wir sollten uns immer vor Augen halten;
Was mir selbst zugute kommen soll, muss ich auch bereit sein zu geben!

Diese Satz sagt alles aus aus und wir können das Thema hin und her diskutieren,
Erst wenn man selbst betroffen ist und dringend auf ein lebenretttendes Organ wartet,sieht die Welt wieder ganz anders aus.
Ich möchte nur hoffen, dass die Kritiker von Herrn Spahn nie in diese Situation kommen.

Herzliches Beileid....

....an die Familie!!! Eine traurige Geschichte.
Hier sieht man wie dann die Praxis aussieht, wenn es zum schlimmsten Fall kommt. Das nötige Fingerspitzengefühl gibt es nicht - zumindest in dieser Klinik anscheinend nicht. Hier sieht man mal wieder wie wichtig es ist zu Lebzeiten eine Patientenverfügung zu erstellen, damit Angehörige nicht mit der Frage ob ja oder nein belastet werden. Zum Glück kann jeder selbst entscheiden ob er es möchte oder nicht und wenn ja, welche Organe. Zum Glück hat die Politik der generellen Organspende ein klares NEIN erteilt. Hier sollte jeder frei entscheiden können und einem nicht das auch noch von den (größtenteils unfähigen) Politikern vorgeschrieben werden.
Der Familie weiterhin viel Kraft!!!

15 Kommentare

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