Do., 11.10.2018

Junge Familie übernimmt die »Schöne Aussicht« in Siddinghausen Die Dorfkneipe lebt

Vor der Wiedereröffnung wurde auch der Thekenbereich erneuert. Hier dominiert jetzt helles Holz statt rustikaler Eiche. Das Foto zeigt die alten und neuen Betreiber (von links) Irmhild und Rudolf Klenke, Andre und Johanna Wolf mit Sohn Laurenz.

Vor der Wiedereröffnung wurde auch der Thekenbereich erneuert. Hier dominiert jetzt helles Holz statt rustikaler Eiche. Das Foto zeigt die alten und neuen Betreiber (von links) Irmhild und Rudolf Klenke, Andre und Johanna Wolf mit Sohn Laurenz. Foto: Hans Büttner

Von Hans Büttner

Büren (WB). Das Kneipensterben kennt keine Grenzen. Selbst Traditionsgaststätten, die sich seit mehr als 100 Jahren in Familienhand befinden, werden davon nicht verschont. Oftmals fehlt es einfach an einem Nachfolger. Da ist es umso bemerkenswerter, wenn junge Menschen eine Gaststätte wieder neu eröffnen – wie in Siddinghausen.

Andre und Johanna Wolf, beide 30 Jahre jung, haben die »Schöne Aussicht« übernommen. Zwar kam das für die jungen Eltern nicht ganz überraschend, ein großer Schritt war es trotzdem. Und einige Wochen nach der Wiedereröffnung können sie schon ein erstes Fazit wagen: »Die Abende sind zwar länger geworden, aber es macht Spaß und wir haben unsere Freunde zu Gast.«

Begonnen hatte alles damit, dass Rudolf und Irmhild Klenke nach mehr als 38 Jahren Gastronomie einfach kürzer treten wollten. 1980 hatten sie die Gaststätte von Irmhild Klenkes Eltern, Josef und Änne Pielsticker, weitergeführt. Mit der Übernahme waren zahlreiche Umbauten verbunden. Es entstand durch Aufstockung eine neue Wohnung, ein Kaminzimmer wurde ebenso gebaut wie neue Toiletten.

Die neue Terrasse mit Blick ins Aatal ist das Aushängeschild der Traditionsgaststätte. Foto: Hans Büttner

Zum Aushängeschild der Gaststätte wurde aber die neue Terrasse, von der die Gäste einen herrlichen Ausblick ins Almetal haben. »Wir hatten damals auch viele holländische Gäste, die bei uns Urlaub machten«, erinnert sich Irmhild Klenke noch gut an die damalige Zeit. Während sie – oft gemeinsam mit ihrer Mutter – tagsüber die Gäste bediente, arbeitete Ehemann Rudolf weiter im Einwohnermeldeamt der Stadt Büren.

Vier Töchter hat das Ehepaar, und alle halfen mit wenn es nötig war. Interesse, die Gaststätte weiterzuführen, hatte aber nur die jüngste Tochter Johanna. Seit sieben Jahren wohnt sie mit ihrem Mann Andre im elterlichen Haus. Beide waren immer gerne bereit, Kneipendienst zu machen. Als jetzt die Übernahme anstand, hatte sie ihre Erfahrungen schon gemacht. Der Informatiker und die Erzieherin werden die Gaststätte weiter im Nebenerwerb betreiben. Geöffnet ist freitags von 18 Uhr an, samstags und sonntags ab 15 Uhr. Aber auch, wenn private Veranstaltungen wie Hochzeiten, Beerdigungen oder Betriebsfeiern anstehen, wird die »Schöne Aussicht« geöffnet.

Einen Schwerpunkt in der Gaststätte bilden der große Flachbildschirm und eine Leinwand mit Beamer. »Gemeinsam Fußball zu gucken, hat bei uns einen hohen Stellenwert«, sagt Andre Wolf. Der gebürtige Brenkener, der den Sechser in der Ersten der SG Siddinghausen-Weine spielt, weiß, wovon er spricht. »Wenn Fußball, wie etwa Bundesliga, Euroliga, Champions League und Länderspiele laufen, dann ist die Gaststätte in jedem Fall geöffnet, und dann kommen alle, um gemeinsam Fußball zu sehen.« Vor dem Fernseher nehmen auch die Frauen gerne Platz, versichert Johanna Wolf. Die anschließenden Spielanalysen können dabei stundenlang dauern.

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Viele der jungen Männer und Frauen waren schon damals mit ihren Eltern bei uns zu Gast

Irmhild Klenke

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Aber auch Stammtische – und diese nicht nur aus Siddinghausen – gehören zu den Gästen. Überhaupt haben die Gastronomen festgestellt, dass das Bedürfnis, mal wieder gemeinsam einen schönen Abend in einer Gaststätte in Gesellschaft zu verbringen, größer wird.

Mit einem Schmunzeln nimmt dann immer Mutter Irmhild die Veranstaltungen wahr. »Viele der jungen Männer und Frauen waren schon damals mit ihren Eltern bei uns zu Gast«, sagt sie. Während die Väter die Begegnungen der ersten Mannschaft des SV Blau-Weiß nochmals durchspielten, sich mit politische Themen auseinandersetzten oder Dorfthemen besprachen, hatten die Kinder ihren Spaß, wenn sie ein Glas Sprudel bekamen oder sich Erdnüsse oder Mandeln aus dem Groschenautomat ziehen durften.

Damals – das war die Zeit, als es in Siddinghausen zeitweise noch fünf Gaststätten gab. Geblieben sind davon zwei. Bei der »Schönen Aussicht« sind die Aussichten aber gut, dass es sie auch über der vierte Generation hinaus noch geben könnte. Laurenz, der zweijährige Sohn von Johanna und Andre Wolf, fühlt sich jedenfalls sehr wohl inmitten der Eltern und Großeltern in der Kneipe.

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