Mi., 20.03.2019

Shogine Kamoyan floh 2016 aus Armenien und unterrichtet jetzt in Delbrück Traumjob in der neuen Heimat

»Sonnenschein« bedeute ihr Vorname übersetzt, sagt Shogine Kamoyan. 2016 floh sie aus Armenien nach Deutschland. Seit August unterrichtet sie unter anderem Kacper und Leon an der Gesamtschule Delbrück im Fach Englisch.

»Sonnenschein« bedeute ihr Vorname übersetzt, sagt Shogine Kamoyan. 2016 floh sie aus Armenien nach Deutschland. Seit August unterrichtet sie unter anderem Kacper und Leon an der Gesamtschule Delbrück im Fach Englisch. Foto: Meike Oblau

Von Meike Oblau

Delbrück (WB). Erst vor zweieinhalb Jahren ist Shogine Kamoyan aus Armenien nach Deutschland geflohen. Deutsch sprach die 42-Jährige damals nicht. Sie hat schnell gelernt: Seit August unterrichtet die zweifache Mutter an der Delbrücker Gesamtschule.

»Anfangs bin ich an der deutschen Sprache verzweifelt«, sagt die Lehrerin, die in Armenien 17 Jahre lang Englisch und Spanisch an internationalen Schulen unterrichtete. »Aber ich war sehr traurig, dass ich in Deutschland anfangs nicht in meinem Beruf arbeiten konnte und habe alles daran gesetzt, das schnell zu ändern. Ich habe das Unterrichten sehr vermisst«, sagt Kamoyan, die mit ihrem Mann und ihren beiden Kindern in Paderborn lebt.

Kurse an der Bielefelder Universität besucht

»Ich hatte ein festes Ziel und habe dann nach allen möglichen Wegen gesucht, wie ich dieses Ziel erreichen kann.« Sie habe sich dabei nicht auf staatliche Hilfe verlassen wollen: »Ich wusste: Ich muss selbst kämpfen für das, was mir wichtig ist.« Neben Sprachkursen besuchte sie ein spezielles Angebot an der Universität Bielefeld, in dem Flüchtlinge mit entsprechender beruflicher Vorbildung auf ihre Arbeit als Lehrer in Deutschland vorbereitet werden. Wobei sie selbst das Wort Flüchtling nicht mag, sagt Shogine Kamoyan: »Wir sind alle Weltbürger.« Anfangs half sie freiwillig in einer Offenen Ganztagsschule aus, später absolvierte sie neben ihrer Fortbildung ein Praktikum am Gymnasium Schloß Neuhaus.

»Sie passt in kein Formblatt«

Als sie alle notwendigen Zertifikate und Unterlagen beisammen hatte, bewarb sie sich schließlich an der Delbrücker Gesamtschule. »Sie ist die erste Lehrkraft, die als Seiteneinsteigerin zu uns gekommen ist«, sagt Schulleiterin Theresia Diekmann-Brusche. Die Zusammenarbeit mit Ämtern und Behörden sei weder für Shogine Kamoyan noch für die Gesamtschule immer leicht gewesen: »Sie passt einfach in kein Formblatt, das hat das Verfahren manchmal etwas erschwert«, erinnert sich Diekmann-Brusche. »Die Bürokratie war oft schwierig, aber anderseits schätze ich auch die deutsche Gründlichkeit«, sagt Shogine Kamoyan.

Seit Ende August nun macht sie ihren Traum wahr: Sie unterrichtet wieder. »Am ersten Schultag habe ich vor Freude geweint, das waren überwältigende Gefühle, meine neuen Schüler und Kollegen kennenzulernen«, erinnert sie sich. »Ich bin sehr glücklich, dass ich dem Land, das mich aufgenommen hat, mit meinen Erfahrungen weiterhelfen kann.« Bis 2020 absolviert Shogine Kamoyan parallel zu ihrer Arbeit in der Schule weitere Kurse am Zentrum für schulpraktische Lehrerausbildung.

Schulleiterin Theresia Diekmann-Brusche sagte, ihr Kollegium werde generell ebenso wie die Gesellschaft bunter und empfindet das als Bereicherung für alle. Überzeugend für sie sei vor allem das Herzblut, das Shogine Kamoyan an den Tag lege. »Sie ist mit ihrer persönlichen Geschichte sicher ein Vorbild, gerade für Schüler unserer internationalen Klasse, die sehen, was möglich ist, wenn man sich anstrengt und für seine Ziele kämpft.«

Kommentar

Nein, es flüchten mit Sicherheit nicht nur hoch gebildete Akademiker nach Deutschland. Diese Aussage gehört ebenso in eine Schublade mit der Aufschrift »Vorurteil« wie die Behauptung, es kämen ausschließlich wenig gebildete Menschen, die dann auch noch Böses im Schilde führen oder vom Sozialstaat profitieren wollen. Es lohnt sich, den einzelnen Menschen zu betrachten, statt alle über einen Kamm zu scheren. Der Weg von Shogine Kamoyan verdient uneingeschränkten Respekt. So schnell eine völlig fremde Sprache zu lernen und sich zu integrieren, ist alles andere als selbstverständlich. Jeder möge sich selbst einmal hinterfragen, wie schnell er selbst es in einem fernen Land und in einer fremden Sprache so weit gebracht hätte. Hut ab! Meike Oblau

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